Silke Scheuermann – Wovon wir lebten

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Enttäuschung auf den zweiten Blick. 

Von dieser Autorin hatte ich noch nie gehört, obwohl sie schon einige Romane herausgebracht hat. Umso schöner, dass ich sie jetzt endlich entdeckt habe. Und nachdem ich Silke Scheuermanns „Wovon wir lebten“ gelesen habe, frage ich mich, warum ist sie eigentlich so unbekannt? Warum findet man zu diesem im September veröffentlichten Roman gerade mal nur eine Handvoll Besprechungen? In den Blogs findet sie überhaupt nicht statt, und selbst bei Amazon gibt es bisher nur zwei „Rezensionen“. Dabei ist die Lektüre höchst unterhaltsam, zieht den Leser in die Handlung hinein und lässt einen bis zum Schluss nicht mehr los. Und das ist doch eigentlich das, was wir alle von einem guten Buch erwarten, oder? Hier bekommt man es.

Ich habe mich jedenfalls in Silke Scheuermanns Geschichte sofort wohl gefühlt. Von der Lesestimmung und auch sprachlich hat mich das an Donna Tarts Distelfink erinnert. Ein Junge wird in schwierigen Verhältnissen erwachsen, orientiert sich, verliert und verliebt sich und findet am Ende seinen Weg. Ein dickbändiger Entwicklungsroman, schnörkellos und geradeheraus erzählt, mit starken, gut aufgebauten Charakteren, zahlreichen Spannungsbögen und einem abwechslungsreichen Setting. Vieles von dem, was Donna Tarts 10-Jahres-Bestseller auszeichnet, hat auch Silke Scheuermanns aktueller Roman im Angebot. Und jetzt stellt sich die Frage, warum startet dieser Roman nicht durch? Was fehlt ihm zum Durchbruch?

Wenn man genauer hinschaut – sozusagen auf den zweiten Blick –  fehlt eine ganze Menge. Zunächst einmal fehlt mir die Begeisterung. Ich habe „Wovon wir lebten“ wirklich gerne gelesen, fand den Roman gelungen und gut erzählt, aber so richtig begeistert bin ich nicht. Das war nach der Lektüre des Distelfinks vor drei Jahren definitiv anders. Ich erinnere mich, dass ich damals regelrecht euphorisiert war, beinahe jedem von diesem Leseerlebnis erzählt und das Buch mehrfach verschenkt habe. Das wird mit diesem Roman nicht passieren.

Aber warum? Naturgemäß fällt es einem leichter zu begründen, warum man etwas nicht gut findet, und deswegen nicht begeistert ist, als wenn man etwas gut findet aber trotzdem nicht begeistert ist. Begeisterung ist immer emotional und mit plausiblen Argumenten nur selten zu erfassen. Wie die Liebe, wie Musik, wie mein Lieblingsessen. Wenn es einem Buch gelingt, mich emotional zu packen, wenn eine Geschichte vom Kopf weg ins Herz und den Bauch geht, dann ist es mehr als nur gut. Das kann aus einem Satz heraus kommen, der erzeugten Lesestimmung, einer tragischen Wendung, einem erhellenden Gedanken. Das kann alles Mögliche sein, nur bitte nicht vorhersehbar, nicht konstruiert und auf emotionale Wirkung bedacht. Und genau das passiert in diesem Roman.

Es ist ja noch ganz ok, wenn man die unerfüllte Jugendliebe Jahre später in einer Entziehungsklinik wieder trifft und beide nach viel Hin und Her doch noch endlich ein Paar werden. Kitschig, ja, aber das kann ja tatsächlich mal passieren. Wenn beide Liebenden aber ein großer Standesunterschied trennt, die Beziehung daran zu zerbrechen droht, urplötzlich aber am Sterbebett ihres richtigen Vaters herauskommt, dass sie in Wirklichkeit eine von seinesgleichen ist, das ist mir persönlich dann etwas zu viel Barbara Cartland. Da fange ich nicht nur an, mit den Augen zu rollen; da ärgere ich mich auf einmal, dass ich bisher so viel Gefallen an einer derart billig konstruierten Geschichte gefunden habe.

Ok, ich übertreibe mal wieder ein wenig. Denn eigentlich ist nur das Ende des Romans wirklich Mist. Die ersten dreihundert Seiten sind intensiv, aufwühlend und richtig gut. Doch die Wandlung des Protagonisten Marten vom Drogenjunkie zum Feinschmecker-Koch in der zweiten Romanhälfte habe ich Silke Scheuermann nicht mehr so richtig abgenommen. Und wenn man erstmal beim Lesen eine Augenbraue hochzieht ist auch das Augenrollen nicht mehr weit.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Schöffling & Co.
536 Seiten, 24,00 € 

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