Christopher Kloeble – Die unsterbliche Familie Salz

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Schatten der Vergangenheit.

Ich bin auf der Suche nach einem Aufhänger. Brauche einen flüchtigen Gedanken, eine Assoziation, irgendeine Idee, womit ich diese Besprechung beginnen und im besten Falle auch abschließen kann. Hilfesuchend blicke ich zur Seite auf den Boden, doch mein Schatten liegt nur träge in der Sonne und macht mal wieder keine Anstalten, mir in dieser Angelegenheit zur Seite zu stehen. Warum auch, wird sich jetzt jeder denken. Ist ja nur dein Schatten.

Aber weit gefehlt. Wer Christopher Kloeblers großes Familienepos „Die unsterbliche Familie Salz“ gelesen hat, weiß, dass ein Schatten weit mehr sein kann, als der dunkle Bereich hinter einem undurchsichtigen Körper. Es gibt Menschen mit einem großen Schatten und einem kleinen Schatten, einem krummen, einem geraden und einem ausgefransten Schatten. Und nicht zuletzt gibt es Menschen ohne Schatten. „Vor denen musst du dich in Acht nehmen“ sagt Lola, das greise Oberhaupt der Familie Salz und gibt diese krude Lebensweisheit ihren Kindern und Kindeskindern weiter. Und so lebt das, was als fixe Idee Anfang des 20 Jahrhunderts auf dem Dach des altehrwürdigen Hotels Fürstenhof in Leipzig begonnen hat, auch im Jahr 2015 noch in den Köpfen der Salz-Nachkommen weiter.

Anfänglich hat mich diese Schattengeschichte, die sich als roter Faden durch den Roman zieht, etwas genervt. Ich fand es konstruiert und reichlich überflüssig angesichts des großen erzählerischen Bogens, der vom Kaiserreich, über die Weimarer Republik, das Dritte Reich, Nachkriegszeit, DDR, BRD und Wiedervereinigung bis in die heutige Zeit reicht. Doch dann habe ich mich eingelassen und eingesehen, dass es Sinn macht und letztlich das ist, was diesem Roman Gesicht gibt und woran ich mich wahrscheinlich noch in ein paar Jahren erinnern werde, wenn ich weite Teile, der aus verschiedenen Perspektiven erzählten Familiengeschichte, längst wieder vergessen habe. Der Spleen mit dem Schatten ist das, was die literarische Familie Salz von den Buddenbrooks, den Jaschis oder Lamberts dieser Welt unterscheidet.

Und auch wenn Kloebles Roman nicht unbedingt zur Weltliteratur gehört, so hat er doch genügend Format, um in der Bundesliga der deutschsprachigen Familienepen mitzuspielen. Allein sprachlich ist dieser Roman bemerkenswert. Erzählt wird aus Sicht der verschiedenen Familienmitglieder und teilweise auch ihrer Schatten. Der Sprachstil wechselt mit der Erzählperspektive. Lola beginnt und schildert aus ihrer kindlichen Sicht die Anfänge in München und Leipzig. Die faktisch trockenen Tagebucheinträge ihres späteren Mannes führen die Erzählung durch die Wirren des Krieges, und danach übernehmen die Schatten von Ava und der ungeborenen Emma entsprechend bildhaft emotional die Fortführung der Erzählung, bis am Ende noch einmal eine Ich-Erzählerin die Bühne betritt.

Das alles macht das Lesen dieses Buches zu einem echten Vergnügen. Kloeble gelingt es, die Geschichte der Familie aus diesen unterschiedlichen Perspektiven sehr glaubwürdig, bewegend und unterhaltsam aufzubauen. Wenn man sich erstmal an die Sache mit den Schatten gewöhnt hat, erscheint einem alles sehr stimmig, nichts kommt konstruiert und aufgesetzt daher. Zum Ende habe ich beinahe ängstlich auf ein kitschiges Happy End gewartet, aber auch in diese Mainstream-Falle tappt der Autor nicht und schließt sein Epos sauber, authentisch und trotzdem bewegend ab.

Daher muss ich auch gar nicht groß über meinen noch immer faul am Boden liegenden Schatten springen, um mit einer zugegeben etwas konstruierten finalen Formulierung, dieses Buch als optimale Lektüre für lange, kalte Winterabende und als perfektes Weihnachtsgeschenk zu empfehlen.

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Verlag: dtv
436 Seiten, 22,00 €

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