Letters

Leserbrief #9

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Lieber Thomas,

kennst du das auch noch von damals? Wenn man als Jugendlicher Fan einer Band war, hat man das auf seine Federmappe geschrieben. Einige haben auch den Schultisch mit Bandnamen vollgekritzelt oder sind mit dem Edding losgezogen und haben Telefonzellen und Häuserwände mit dem Namen ihrer Idole beschriftet. Ich hab mit zwölf, dreizehn zunächst für „Boney M.“ und später dann für „The Police“ geschwärmt. Irgendwann war mir das zu albern, und ich hab aufgehört, mich als Fan von irgendwas zu outen. Doch wenn ich heute noch so eine Federmappe hätte, würde dein Name darauf stehen.

Ich würde sämtliche Berichte über dich aus den Zeitschriften ausschneiden und in eine Kladde kleben. Dein Poster würde über meinem Bett hängen und wenn mich einer fragen sollte, was ich denn später einmal werden will, würde ich sagen: so ein toller Schriftsteller wie der Thomas. Ja, wenn….

Wenn doch heute alles noch so einfach wäre wie damals. Doch das ist längst vorbei. Heute ist selbst Fan-Sein kompliziert. Man erfährt so viel, blickt hinter die Fassaden und lernt seine Idole von Seiten kennen, von denen man besser nichts gewusst hätte. Niemand kann mehr in allen Bereichen Vorbild sein; erst recht nicht, wenn er oder sie sich ungesund ernährt, die falsche Partei wählt, Pelz trägt, seinen Partner betrügt, Steuern hinterzieht, Drogen nimmt oder irgendwie anderweitig verhaltensauffällig ist. Womit wir schon wieder bei dir sind.

Es tut mir leid, aber ich kann das nicht mehr ausblenden. Zu eindringlich und intensiv hast du es in deinem letzten Buch beschrieben. Wie es ist, du zu sein, wie es sich lebt mit deiner Krankheit. Das hat sich in mein Hirn eingebrannt; das ist jetzt immer da, schwingt mit, wenn ich an dich denke oder etwas von dir lese.

Gerade lese ich zum Beispiel deinen Debütroman, mit dem du vor sechs Jahren zum ersten Mal auf der Longlist des Buchpreises gelandet bist. Sprachlich bin ich wieder total begeistert, schwelge in deinen Sätzen, lese mir einige Passagen laut vor und freue mich einfach an deinem unglaublichen Schreibtalent. Und während ich noch denke, dass wirklich niemand persönliche Abgründe, Angst- und Rauschzustände besser beschreiben kann als du, sind auf einmal all die Bilder wieder da. Ich sehe dich vor mir, wie du dich damals beim Schreiben dieses Romans gequält hast, sehe all die dunklen Stunden am Schreibtisch, das anschließende Versteckspiel bei den öffentlichen Auftritten. Du wolltest das so, hattest keine Lust mehr, dich zu verstecken. Jetzt weiß jeder, warum du das alles so intensiv und eindringlich schildern kannst. Und schon ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass das ja dann auch keine große Kunst ist.

So etwas zu denken, ist derart billig, oberflächlich und hinterhältig, dass ich mich für einem Moment selber nicht leiden kann. Genau das ist eingetreten, was ich befürchtet habe. Weißt du noch, was ich damals zur ‚Welt im Rücken’ geschrieben habe? Dass in Zukunft der ganze Literaturbetrieb denken wird, was guckt der so komisch? Und jetzt bin ich selber keinen Deut besser. Kann Bilder nicht ausblenden, Literatur nicht unvoreingenommen wertschätzen, Romanhelden nicht getrennt vom Autor betrachten.

Auch wenn mir das bewusst ist und ich das ablehne – abstellen kann ich es nicht. Eingebrannt hat sich auch das Bild unserer ersten und einzigen Begegnung. Wie du an der Garderobe im Frankfurter Römer stehst und dir deinen Mantel geben lässt. Hinter dir wird noch der Gewinner des Buchpreises gefeiert, der in diesem Jahr zum dritten Mal nicht du bist. In diesem Augenblick hast du mir so furchtbar leid getan, ich hätte dich am liebsten umarmt und gedrückt. Lange blickte ich dir hinterher, wie du mit gesenkten Haupt zum Ausgang gingst. Aber kurz darauf musste ich schon wieder laut lachen, als ich bei Twitter sah, dass du jetzt als Leonardo DiCaprio des Deutschen Buchpreises bezeichnet wirst.

Ja, das Leben ist manchmal einfach ein großer Haufen Scheiße. Du hast definitiv das bessere Buch geschrieben, das weißt du, das weiß ich. Aber in diesem Jahr wurde nunmal ein Lebenswerk ausgezeichnet. Da kann man nichts machen. Der alte Herr war jetzt einfach mal dran. Irgendwann wirst du da oben stehen und deine Rede halten. Da bin ich mir ganz sicher. Guck doch – selbst Leo hat jetzt auch seinen Oscar bekommen.

Gewonnen hast du trotzdem. Und zwar einen neuen Bewunderer; einen der alles lesen wird, was du schon geschrieben hast und noch schreiben wirst, der auf deinen Lesungen in der ersten Reihe sitzen wird und wenn er nicht schon so alt wäre, sogar ein Poster von dir über seinem Bett aufhängen würde.

Herzlich grüßt

dein neuer, treuer Fan aus dem Buchrevier

Ein Kommentar zu “Leserbrief #9

  1. Ja mit dem Fan-Sein ist es etwas schwierig und man kann manchmal entdecken, daß der Star, das große Vorbild, etcetera im Leben auch seine Probleme hat und da habe ich schon seriöse Blogger schreiben gesehen, daß diese ewigen Phasen und Wiederholungen ja langweilig und dem Leser nicht zuzumuten sind.
    Ich habe „3000 Euro“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/07/28/3000-euro/ gelesen und bin eigentlich nicht auf die persönliche Geschichte gekommen, aber man schreibt ja immer über sich selbst, auch wenn man es bestreitet.
    „Die Welt im Rücken“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/09/13/die-welt-im-ruecken/ist kein Roman und hätte eigentlich deshalb nicht auf der dBpLL stehen dürfen, aber es ist ein Buch, das wahrscheinlich nicht nur für Psychologen interessant ist und gehört wahrscheinlich trotzdem auf die Preislist und ich war mir auch ganz sicher, das das der neue deutsche Buchpreisträger wird. Ich persönlich hätte zwar wahrscheinlich Katja Lange Müllers „Drehtür“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/10/10/drehtuer/dafür vorgeschlagen, aber das Buch stand nicht auf der Shortlist, also das, weil mir die „Novelle“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/09/09/widerfahrnis/ die wieder keine war als zu konstruiert erschien.
    Dann kam das literarische Quartett und da tratt ein wahrscheinlich bestelllter Schimpfer auf, schrie „Wui, ist das schlecht!“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/10/16/literarische-fernsehformate/, entlarvte sich meiner Meinung nach höchstwahrscheinlich selbst damit und Thomas Melle ist nicht Buchpreisträger geworden, ob das was damit zu tun hat oder nicht, weiß ich nicht, denn wahrscheinlich ist die Jurysitzung zu diesem Zeitpunkt schon gewesen und ein Memoir ist natürlich kein Roman und da haben es sich die Österreicher von vornherein leichter gemach, obwohl sie zwar den dBp kopierten, ihn aber dann für alles offenließen und so ist die FM die österreichische erste Buchpreisträgerin geworden https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/11/08/der-erste-oesterreichische-buchpreis/, ganz klar und konnte gar nicht anders sein und mit dem besten Roman hatte das gar nichts zu tun und mir persönlich haben Peter Waterhouse „Auswandernden“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/10/21/die-auswandernden/ sehr gut gefallen, obwohl das ja ein Sprachkunstwerk ist.
    „Sixster“ habe ich irgendwann in einer Abverkaufskiste, um einen Euro gefunden und habe es fest vor in diesem Jahr zu lesen, denn da kann man ja wahrscheinlich den Lebensbericht von einem Roman sehr gut unterscheiden und wenn wir uns in Leipzig wieder sehen, wäre das sehr schön!

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