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Arno Frank – So, und jetzt kommst du

 

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Was brauchen Kinder eigentlich? Was tut ihnen gut, was muss da sein, damit sie sich normal und gesund entwickeln können? Heutzutage ist das ganz schön kompliziert geworden. Da immer mehr Eltern sich über ihre Kinder definieren, gibt es auf diese Fragen tausend Antworten. In einem Punkt sind sich aber alle einig: Liebe ist durch nichts zu ersetzen. Darüber herrscht Konsens – vom Prenzlauer Berg über München Bogenhausen bis nach Duisburg Marxloh. Elternliebe – ja, es gibt nichts Besseres.

Und dann schlägt man den Debütroman von Arno Frank auf und denkt: von wegen! Geh mir weg mit Elternliebe. Auf 350 Seiten kann man miterleben, was Elternliebe alles anrichten kann. Arno Frank schreibt hier die Geschichte seiner Kindheit auf. Einer Kindheit auf der Flucht vor der Polizei, mit Eltern, die immer nur das Beste wollten. Für sich und für Ihre Kinder. Ein schönes Zuhause, schöne Klamotten, Essen in den besten Restaurants, einen Pool, Hunde, Sportwagen, ein Kindermädchen. Und da sich das alles auf normalem Wege nicht einfach so ergeben wollte, haben sie es sich halt genommen. Unsaubere Geschäfte, veruntreutes Geld, ein kriminelles Ding nach dem anderen.

Und natürlich ist das nicht gut gegangen. Die ganze Familie flieht mit drei Kindern und zwei Hunden durch halb Europa, verelendet immer mehr, paralysiert von Langeweile, Hunger und Angst. Aber Liebe, Liebe war immer da. Vater und Mutter lieben ihre Kinder, schleppen sie vor lauter Liebe von einer Katastrophe in die nächste. Hauptsache, wir sind alle zusammen – so lautet das Familien-Mantra. Bis dann irgendwann gar nichts mehr geht, ein traumatischer Showdown in einem bayerischen Hotelzimmer.

Und dann wieder Normalität. Ein trockenes Bett, saubere Klamotten, genug zu essen, Schule und ein paar Freunde. Der Vater im Knast und danach für immer verschwunden. Noch ein paar Jahre mit der Mutter, die das alles nicht wollte. Und nach der Schule dann so schnell wie möglich ins eigene Leben. Das Erlebte irgendwie wegstecken, verdrängen, klar kommen. Sich schwören, dass die eigenen Kinder so etwas niemals durchmachen müssen. Und nach dem Tod der Mutter sich endlich hinsetzen und das alles aufschreiben, weg von der Seele, reinen Tisch machen. Frieden finden.

Ich habe diesen Roman mit offenem Mund an einem Tag durchgelesen, mit einem Kloß im Hals und Tränen in den Augen weggelegt und an den Mann gedacht, mit dem ich mich in Leipzig auf der Tropen-Party so gut unterhalten hatte. Arno Funk war mir sofort sympathisch. Ein cooler Typ, der für Spiegel Online, taz und den Musikexpress schreibt. Wir haben uns über Ulf „Porsche“ Poschardt und Tom Kummer unterhalten, der da auch irgendwo herumsprang. Damals hatte ich noch keine Ahnung von seinem Roman, wusste nur, dass er Debütautor bei Tropen ist. Jetzt würde ich mich mit ihm über andere Dinge unterhalten. Ob er seinen Eltern verziehen hat, ob er sie liebt oder hasst, weiß, ob sein Vater noch lebt und was der kleine Bruder mit den Schwimmflügeln heute macht.

Dieses Buch hat mich mitgenommen. Ich bin aufgewühlt und habe das Gefühl, dass ich jetzt etwas ganz Besonderes darüber schreiben müsste. Aber es fällt mir beim besten Willen nichts ein, was meine Gefühle auch nur annähernd wiedergibt. Daher bleibt am Ende nur diese eine Frage, die sich für mich immer bei autobiografischen Werken stellt. Kommt danach noch ein weiterer Roman oder war es das schon mit der Schriftsteller-Karriere?

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Tropen
351 Seiten, 22,00 Euro

 

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