Theresia Enzensberger – Blaupause

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Als Vater zweier erwachsener Söhne freue ich mich immer, wenn ich höre, dass Kinder in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Es funktioniert also doch noch, den Stab von Generation zu Generation weiterzureichen, Vorbild statt abschreckendes Beispiel zu sein. Ich habe bisher nichts vom Vater der Autorin gelesen, kenne Hans Magnus Enzensberger nur dem Namen nach, deswegen kann ich keine Vergleiche anstellen und nichts weiter zu der Vater/Tochter-Geschichte sagen.

Nichts sagen werde ich auch zur Nicht-Nominierung auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Seit die ersten Kritiken zu Theresia Enzensbergers Romandebüt auftauchten, war Blaupause für mich ein klarer Kandidat. Nachdem ich es jetzt selbst gelesen habe, finde ich es geradezu skandalös, dass dieser Titel nicht nominiert wurde. Aber darüber zu diskutieren, welches Buch für den Deutschen Buchpreis infrage kommt oder nicht, ist ebenfalls mehr als müßig und in diesem Jahr auch nicht meine Aufgabe.

Und so kann ich diese beiden Themen getrost beiseite lassen und mich auf das Wesentliche konzentrieren: Inhalt und Form dieses Romans. Die Inhaltsangaben im Klappentext haben sofort mein Interesse geweckt. Ein literarisches Werk, das Einblick in die wilden, prägenden Jahre der Bauhaus-Akademie in Weimar und Dessau verspricht, ist mir bisher nicht untergekommen. Ich finde, das allein ist schon mal eine tolle Idee. Ich mag die Bauhaus-Bewegung – die Architektur, die Werbegrafiken, das Design von Möbeln und Uhren – aber eigentlich weiß ich viel zu wenig darüber. Klar kenne ich den Gropius-Bau in Berlin und die Bilder von Kandinsky und Paul Klee. Hier bei uns in Krefeld gibt es sogar einige Fabrikanten-Villen, die von Mies van der Rohe gebaut wurden. Alles, was heutzutage irgendwie Design ist, ist ohne die Bauhaus-Bewegung nicht denkbar.

Die Autorin lässt die wilde Weimarer Zeit durch ihre Erzählung sehr bildhaft und stimmig wieder auferstehen. Noch ehe man sich versieht, hat einen die Geschichte gefangen genommen und nimmt einen mit zu den Esoterikern der sogenannten Mazdaznan-Lehre, einer frühen Form der heutigen Öko-Über-Eltern vom Prenzlberg, die sich in Weimar rund um den Künstler Johannes Itten formierte. Dies und weitere interessante Details über Fastenkuren, Drogenpartys, aufkommenden Antisemitismus und die damals aktuellen politischen Strömungen erfahren wir, indem wir Luise Schilling, eine junge Berliner Fabrikanten-Tochter, auf ihrem Weg durchs Studium am Bauhaus begleiten. Die Heldin des Romans will Architektin werden, doch das ist für eine Frau in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht so einfach – selbst am damals fortschrittlichsten Ausbildungsort der Welt.

Ich wusste viele Dinge rund um die Bauhaus-Lehre nicht und hab beim Lesen immer mal wieder gegoogelt und festgestellt, dass Enzensberger ihre Geschichte ziemlich nah an den historischen Fakten aufgebaut hat. Was man aber nicht bei Wikipedia findet, ist, dass die Bauhaus-Pioniere trotz ihres fortschrittlichen Denkens vor allem eine eingeschworene Männergemeinschaft waren, die Frauen in ihrer Runde nur am Webstuhl aber nicht auf der Baustelle tolerierten. Auch in Louises Elternhaus ist es diesbezüglich nicht viel anders. Der Vater holt sie nach dem Vorkurs raus aus Weimar und schickt sie auf eine Hauswirtschaftsschule. Die Mutter kann nicht verstehen, dass sie kein Interesse daran hat, einen netten Mann aus guten Hause zu heiraten, und der sich als Nachwuchspatriarch gebärdende Bruder ist auch nicht viel besser. Ein rückständiges Frauenbild, wie man es aus dem heutigen Islam kennt.

Was diesen Roman aber so besonders macht, ist nicht das Bauhaus und nicht die Zeit, in der die Geschichte spielt. Es ist die weibliche Protagonistin, die einem Seite für Seite immer mehr ans Herz wächst. Zwischen all diesen bedeutenden und stilprägenden Personen wie Gropius, Kandinsky und Klee, ist die Architekturstudentin und Fabrikantentochter Louise Schilling vor allen Dingen eins: Louise. Ein junges Mädchen, das ihren Dickkopf hat, gerne zeichnet, Fleisch isst, ausgelassen feiert und sich immer wieder in die falschen Männer verliebt. Liebevoll begleitet Enzensberger ihre Protagonistin durch die Geschichte. Sie ist der Mittelpunkt, um sie kreist die Geschichte. Das Bauhaus, der Sexismus, die Straßenkämpfe zwischen Kommunisten und Nazis sind nur Beiwerk.

Der Verlag bezeichnet das Buch als sogenannten Campus-Roman. Nie gehört? Ich auch nicht. Erst dachte ich, das ist eine neue Erfindung des kreativen Hanser-Marketingteams zur verbesserten Ansprache der Lesezielgruppe Studenten und Akademiker. Doch dann musste ich feststellen, dass es dieses Genre tatsächlich gibt. So wie die Arzt-Romane, Köln-Krimis und Elfen-Epen. Auf jeden Buchtopf passt ja mittlerweile ein Genredeckel. Wenn ich Blaupause in eine Schublade einordnen sollte, dann stünde auf dieser jedenfalls nicht „Campus-Roman“, sondern eher sowas wie „überraschend gut“ oder vielleicht sogar „Romandebüt des Jahres“.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser
256 Seiten, 22,00 Euro

 

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