Robert Seethaler – Das Feld

*Tobias Nazemi*

Ich habe immer gerne gelesen. Als sich dann der Zustand meiner Augen im Alter immer mehr verschlechterte, bin ich auf Hörbücher umgestiegen. Zuerst war es eine Notlösung, dann fand ich das Zuhören sogar noch besser als selbst zu lesen. So hat mir bis zu meinem letzten Tage nichts gefehlt.

Während ich jetzt hier unten liege und nichts anderes zu tun habe, als den vielfältigen Geräuschen des Gräberfeldes zu lauschen, fehlen mir die Bücher schon sehr. Mein ganzes Leben lang hat mich die Literatur ummantelt, mir Orientierung gegeben, Perspektiven aufgezeigt und geholfen, mich zurechtzufinden. Durch die Bücher habe ich viel erlebt, war ständig unterwegs, an den exotischsten Orten, habe unzählige Menschen kennengelernt, mich verloren und manchmal auch verliebt.

Natürlich weiß ich, dass das alles nur Einbildung war. In Wirklichkeit hab ich mich mein halbes Leben lang nicht vom Fleck bewegt, im Sessel am Fenster gesessen und mir die Augen verdorben. Aber ich will mich beim besten Willen nicht beklagen und würde – wenn ich könnte – noch einmal alles ganz genauso machen. Denn ich hatte ein glückliches und erfülltes Leben.

Ideal wäre gewesen, wenn ich meine Bücher einfach hätte mitnehmen können. Natürlich nicht alle, aber eine kleine Auswahl – meine zehn Lieblingstitel oder die Autoren, für die mir zu Lebzeiten immer die Muße fehlte: Foster-Wallace, Joyce, Musil, Proust. Aber auch wenn man sie mir mit beigelegt hätte, es hätte mir nichts genutzt, denn es ist hier definitiv viel zu dunkel zum Lesen.

So bleiben mir nur mehr oder weniger schwache Erinnerungen an die vielen hundert Geschichten und Schicksale, die ich in meinem Haus zurücklassen musste. Was wohl aus den ganzen Büchern geworden ist? Aber wenn die Erinnerung auch verblasst, an ein ganz bestimmtes Buch aus dem Jahr 2018 kann ich mich auch jetzt noch ganz genau erinnern. Und zwar deshalb, weil es genau die Situation beschreibt, in der ich mich jetzt befinde. Erkaltet und eingesperrt in einen Kasten von 0,5 mal 2,20 Meter, nur einen spaltbreit über dem Grundwasser.

Robert Seethalers literarischer Spaziergang über den Friedhof von Paulstadt hat mich damals nachhaltig beeindruckt. Auch wenn jeder genau weiß, dass in den Gräbern eines Friedhofes Menschen liegen, die alle genauso intensiv gelebt, geliebt und gelitten haben wie du und ich, ist die Vorstellung, dass sie plötzlich wieder eine Stimme haben und zu dem, der da oben steht, sprechen, schon ziemlich spooky. Auch wenn es umgekehrt eigentlich genauso befremdlich ist, dass Angehörige am Grab stehend zu den darin liegenden Toten sprechen.

Aber Seethaler hat das grandios gemacht, hat eine ganze Stadt in vielen kleinen, mit den jeweiligen Namen auf den Grabstein betitelten Kapiteln literarisch wieder auferstehen lassen. Vom Hilfsarbeiter, Obsthändler, der Schuhverkäuferin bis zum Pfarrer und Bürgermeister. Und jeder der Toten erzählt auf seine Art, was ihm grad so einfällt. Schlüsselszenen ihres Lebens oder aber Belangloses. Wenn man erstmal hier unten liegt, das weiß ich jetzt nur allzu gut, ist sowieso alles belanglos, auch ehemalige Schlüsselszenen. Nichts hat mehr Bedeutung. Ob Leben oder Tod, Wahrheit oder Lüge, wen interessiert das noch? Kein Richter, kein Henker. Keine Schuld und keine Sühne.

Ja, an „Das Feld“ erinnere ich mich noch allzu gut. Für mich war das ein ganz klarer Kandidat für den Deutschen Buchpreis. Aber Seethaler ist damit noch nicht mal auf die Longlist gekommen. Wahrscheinlich, weil es gar kein richtiger Roman ist. Egal, auch das ist mittlerweile total belanglos. Trotzdem hätte ich das Buch zum noch mal Reinlesen und Schwelgen jetzt gerne hier unten. Und dazu bitte noch eine Taschenlampe mit Ersatzbatterien.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser
240 Seiten, 22,00 Euro

Auch als Hörbuch erhältlich:
Tacheles! / Roof Music
Gesprochen von Robert Seethaler, 5 h, 21 min

 

 

David Szalay – Was ein Mann ist

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Titel und Klappentext lassen vermuten, dass es sich hier augenscheinlich um ein Männerbuch handelt. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass ich als „last man reading“ dieses Werk zur Beurteilung zugeschickt bekommen habe. Und ich muss zugeben, dass das keine schlechte Idee vom Verlag war, denn es hat mir auf Anhieb gefallen, was ich da in den Händen hielt. Geschmackvolle Aufmachung, ein Autor, der auf dem Foto im Klapper aussieht wie mein Bloggerfreund Tilman Winterling und ein Zitat auf dem Buchrücken, das mich genau da abholt, wo ich mich als Mensch und Mann gerade befinde.

„Ich bin nicht mehr jung, hatte er gedacht, mit den Händen im Schoß im Hotel sitzend, den Fußboden anstarrend. Wann ist das passiert?“

Wenn ich dieses Buch im Handel erblickt hätte, ich hätte es garantiert gekauft und zwar ausschließlich wegen dieses einen Zitats auf der Rückseite. Auch wenn ich schon länger über die Midlife-Crisis hinweg bin, das Älterwerden an sich und seine vielen Begleiterscheinungen beschäftigen mich nach wie vor – nicht unbedingt täglich, aber oft. Eigentlich fühle ich mich schon seit ich denken kann, zu alt für irgendetwas. Zu alt, um noch ein Musikinstrument oder eine Sprache zu erlernen, zu alt für ein Auslandsstudium, zu alt für die Techno-Party, zu alt für den Job beim Startup-Unternehmen, zu alt, um mich noch jung zu fühlen.

Aber zurück zum Buch. David Szalay ist ein mir bis dato völlig unbekannter Autor mit kanadisch/ungarischen Wurzeln, der bereits drei Bücher veröffentlicht hat. Das erste, was mir an seinem jüngsten Roman auffiel, war die Tatsache, dass es überhaupt kein Roman ist. Auch wenn der Verlag sich mit zwei einleitenden Texten (einer Rezension und einem Interview mit dem Autor) größte Mühe gibt, das Etikett ‚Roman‘ zu rechtfertigen, sind und bleiben es neun eigenständige und in sich geschlossene Erzählungen. Nichts knüpft inhaltlich an die vorherige Geschichte an, die Handlungsstränge überschneiden sich nicht und fließen am Ende auch nicht zusammen. Und doch funktioniert diese Konstruktion. Man liest und empfindet es zusammenhängend, beinahe so – ich kann es nicht anders beschreiben – wie bei einem richtigen Roman.

Also lassen wir die Bezeichnung Roman mal so stehen. Es sind neun Geschichten in neun Kapiteln; sie spielen jeweils in einem anderen Monat (beginnend mit April), in einem anderen europäischen Land und haben einen Protagonisten, der jeweils zehn bis fünfzehn Jahre älter ist, als der im vorherigen Kapitel. Wir bewegen uns beim Lesen also durch die Monate eines Jahres, die Länder Europas und verschiedene Lebensabschnitte. Die Helden jeder Geschichte, jeden Kapitels sind Männer im Alter von 17 bis 73, alle in einer mehr oder weniger prekären Lebenssituation. Es sind keine dramatischen Begebenheiten, die da erzählt werden. Ganz im Gegenteil, es sind Alltagserlebnisse, die aber für das Denken und Empfinden in einem bestimmten Lebensabschnitt kennzeichnend sind.

Ich war nie mit einem Interrail-Ticket unterwegs, nie alleine im Billig-Urlaub auf Zypern und doch kommen mir Stimmung und Atmosphäre der ersten beiden Geschichten merkwürdig vertraut vor. Und auch bei den übrigen sieben Kapiteln ist es nicht anders. Als wenn man eine Reise durchs eigene Leben unternimmt. Es hat etwas Tröstliches zu sehen, dass wir Menschen noch so unterschiedlich sein können, uns aber im Laufe eines Lebens immer die gleichen Themen beschäftigen. Am Anfang die Frage, wer ich bin und wer ich sein will. Dann die ersten Niederlagen und Dinge, die einem einfach so passieren, inklusive Verletzungen, die man anderen zuführt. Mittendrin die Hochphase, man ist im Spiel, entweder Sieger oder Loser, manchmal auch beides. Und zum Ende rinnt einem alles, was man aufgebaut und geschaffen hat durch die Finger, zuletzt das eigene Leben.

Das ist genau das, was ein Mensch ist. Nicht mehr und nicht weniger. Die siebzig oder achtzig Jahre, die man Leben nennt. Ein Wimpernschlag im Weltenlauf. Ob Mann oder Frau – egal. Was spielt das für eine Rolle? Im englischen Original heißt der Titel, „All That Man Is“ – „Man“ im Sinne von Mankind – Menschheit. Im Interview sagt Szalay, dass ihm das Doppeldeutige in der deutschen Übersetzung gefällt. Mir gefällt das auch. Denn schließlich liegt genau darin die Antwort auf die Frage, was ein Mann ist.

Ein Mensch.

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Foto: Gabriele Luger
Verlag: Hanser
511 Seiten, 24,00 €
Aus dem Englischen übersetzt von Henning Ahrens.

 

Arno Geiger – Unter der Drachenwand (Hörbuch)

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Was hätte ich wohl getan? Wie hätte ich mich verhalten? Das denke ich jedes Mal, wenn ich ein Buch lese oder höre, dessen Geschichte im Krieg spielt. Dabei ist es egal, ob Erster oder Zweiter Weltkrieg, Vietnam oder Jugoslawien – Elend ist Elend, Brutalität, Verzweiflung und Tod sind immer gleich fürchterlich. Krieg ist nunmal Krieg, und ich bin so unendlich froh, dass ich das noch nie am eigenen Leib erleben musste. Und doch habe ich eine leise Ahnung davon, kann mir vorstellen wie es sich anfühlt, wie es schmerzt, wie es ist, wenn das eigene Leben am seidenen Faden hängt.

Lass es hundert oder zweihundert Kriegsromane sein, die ich bereits gelesen habe, dazu kommen bestimmt noch einmal genau so viele Filme – ich suche nicht danach, es geilt mich nicht auf, ich gehe dem Thema aber auch nicht aus dem Weg. Im Krieg passiert das Schlimmste, was Menschen anderen Menschen antun können. Und deswegen ist es gut, dass es zu dem Thema immer wieder neue Romane gibt, die uns den Spiegel vorhalten und uns zwingen, darüber nachzudenken, wie man sich wohl selber verhalten hätte, damals im Krieg.

Arno Geigers neuer Roman „Unter der Drachenwand“ bietet genügend Stoff zum Nachdenken. In Tagebucheinträgen und Briefen schildert er wunderbar dicht und bedrückend atmosphärisch vier Kriegsschicksale, wie sie der zweite Weltkrieg unzählig ins Gedächtnis und die Herzen unserer Eltern, Groß- und Urgroßeltern gebrannt hat. Und obwohl man das alles irgendwo schon mal gelesen und gehört hat, ist nichts redundant, keine einzige dieser Geschichten wie die andere und jede für sich erzählenswert.

Im Mittelpunkt steht der österreichische Stabsgefreite Veit Kolbe, der 1944 verletzt vom Russland-Feldzug in sein Wiener Elternhaus zurückkehrt. Fünf Jahre hat er an der Ostfront alles mitgemacht und ist nicht nur physisch, sondern auch psychisch schwer verletzt. Weil er das linientreue Geschwafel der Eltern nicht länger ertragen kann, flüchtet er in das vom Krieg noch weitgehend verschonte Salzburger Land. Am Mondsee unter der Drachenwand, wo sein Onkel als Dorfpolizist tätig ist, bezieht Veit auf einem landwirtschaftlichen Hof Quartier.

Doch auch wenn die Geschwader der Alliierten über Mondsee nur hinwegfliegen und ihre Bomben erst ein paar Kilometer weiter in den Metropolen des Reichs abwerfen – der Krieg ist in dem kleinen Bergdorf trotzdem allgegenwärtig. Da ist diese landschaftliche Idylle, der See, die intakte Natur – alles könnte so schön sein, aber trotzdem ist alles schrecklich, denn es ist Krieg. Auch wenn keine Bomben fallen, keine Panzer durchs Dorf rollen und keine Schüsse fallen – der Krieg ist in den Köpfen, kommt übers Radio und Briefe ins Dorf.

Es kann uns Menschen noch so schlecht gehen, irgendwie schaffen wir es immer wieder, auch in düstersten Stunden Hoffnung zu schöpfen und uns zum Weitermachen zu motivieren. Menschen sterben wie die Fliegen, aber zur selben Zeit verlieben sich auch welche, zeugen Kinder und sorgen dafür, dass es irgendwie weitergeht. Das alles passiert auch im Jahre 1944 unter Arno Geigers Drachenwand. Dieser Roman ist so übervoll mit Menschlichem, dass man immer mal wieder Pause machen muss, um Atem zu holen, sich zu schütteln und sich darüber klar zu werden, dass das alles schon 74 Jahre her ist.

Fast ein ganzes Menschenleben ist mittlerweile vergangen. Seither ist ununterbrochen Frieden, zumindest hierzulande. Wenn heutzutage die Sirenen heulen, ist es lediglich Samstag Mittag. Keiner muss mehr in irgendwelche Keller flüchten. Wir haben aus der Vergangenheit gelernt; Krieg und Konzentrationslager werden uns nicht mehr passieren, so meine Überzeugung. Doch dann lese ich in der Westdeutschen Zeitung, dass hier in Krefeld ein Bundestagsabgeordneter dazu aufgerufen hat, Geschäfte von Türken zu boykottieren.

Und plötzlich liegen der Mondsee und die Drachenwand mitten im heimischen Krefeld. Noch ist alles friedlich, aber in der Ferne hört man schon die Flugzeuge.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: HörbuchHamburg
Gesprochen von: Torben Kessler, Michael Quast, Cornelia Niemann und Torsten Flassig
14 h 22 Minuten, 14,99 €
Erhältlich bei: audible.de (Hörpobe)

Verlag Printausgabe: Hanser
480 Seiten, 26,00 €

Colson Whitehead – Underground Railroad

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Ja, das ist ein wichtiges Buch. Ja, gerade jetzt in dieser Zeit. Ja, man sollte es lesen, unbedingt. Und wenn man mich dann noch fragt, ob es auch Spaß macht, gut geschrieben ist und einen nachhaltig bewegt, kann ich nur antworten: Ja! Ja! Ja!

Wer kurze und knackige Empfehlungen mag, kann jetzt schon aufhören zu lesen, sollte stattdessen lieber in die Buchhandlung gehen und sich dieses Buch besorgen. Und wer wie ich als Kind voller Begeisterung ‚Onkel Toms Hütte‘ und ‚Tom Sawyers Abenteuer’ gelesen hat, mit Tränen in den Augen die Verfilmung von Haleys ‚Roots’ im Fernsehen gesehen hat und zuletzt auch Tarantinos ‚Django unchained’, wird von ‚Underground Railroad‘ nicht minder beeindruckt sein.„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ – hier zeigt sich wieder mal, wie wahr das ist.

Aufgrund der genannten literarisch/filmischen Vorbilder erscheint einem das Setting von ‚Underground Railrood’ merkwürdig vertraut: Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Baumwollplantage in den Südstaaten. Man sieht das hölzerne Herrenhaus mit großer Terrasse, den Plantagenbesitzer mit weißem Hut und schlechten Zähnen und die eingeschüchterten Sklaven geradezu vor sich. Colson Whitehead erzählt die Geschichte des Sklavenmädchens Cora, die auf so einer typischen Baumwollplantage in Georgia aufwächst. Zusammen mit Caesar flieht sie eines Tages von der Farm und entkommt mithilfe der sogenannten Underground Railroad in die Freiheit.

Natürlich läuft das alles nicht reibungslos, nicht ohne Rückschläge. Nach ein paar Monaten trügerischer Sicherheit in North-Carolina, folgt die erneute Flucht und Gefangennahme. Underground Railroad ist über weite Strecken ein typischer Abenteuerroman, der einen als Leser fasziniert mitfiebern und nägelkauend Seite um Seite umblättern lässt. Man braucht ein wenig, um reinzukommen, doch dann kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen und liest die 350 Seiten in einem Rutsch durch.

Obwohl ich mich schon immer für das Thema interessiert habe, von einer Underground Railroad hatte ich noch nie gehört. Und natürlich hat dieses geheime unterirdische Eisenbahnnetz, über das die Sklaven quer durchs Land bis nach Kanada flüchten konnten, so nicht existiert. Die Railroad war vielmehr ein informelles Netzwerk, eine Art Fluchthilfe-Geheimbund der Sklavengegner. Und während all die geschilderten Grausamkeiten in der einen oder anderen Form sicherlich genau so stattgefunden haben, hat es die langen Fahrten durch die dunklen, kalten Tunnel der Underground Railroad so nie gegeben. Diese surreale Finesse hebt die Geschichte auf eine andere Ebene, unterscheidet diesen Roman von ‚Onkel-Toms-Hütte‘, ‚Roots’ und den unzähligen anderen Abenteuer- und Fluchtromanen.

Vor mehr als zehn Jahren habe ich schon mal einen Roman von Colson Whitehead gelesen. Natürlich kann ich mich nicht mehr an alle Handlungsdetails erinnern – in ‚John Henry Days’ ging es auch um Afroamerikaner, um Eisenbahnbau und die triste amerikanische Provinz. Die Lese-Stimmung war ähnlich intensiv, beeindruckend und pageturnend. Whitehead ist ein Meister seines Fachs, ein beeindruckender Erzähler, der gut unterhält und gleichzeitig zum Nach- und Weiterdenken anregt. Immer wieder musste ich beim Lesen kurz innehalten und den aufkommenden Gedanken nachgehen. Zum Beispiel, welches Verbrechen der amerikanischen Geschichte wohl schlimmer zu werten ist: die Vertreibung, der Mord und die Kasernierung der amerikanischen Ureinwohner oder die Sklavenhaltung auf den Baumwollplantagen der Südstaaten? Einen Menschen als Eigentum zu betrachten, als Gebrauchsgegenstand, ihn zu quälen, zu missbrauchen und wenn er nichts mehr taugt, einfach zu töten – einfach weil man es kann? Oder aber einem Menschen alles wegzunehmen ­– Land, Identität, Kultur – und ihn mit ein paar Flaschen Whisky zum Trost seinem Schicksal zu überlassen?

Auf dem Backcover steht. „Ihr werdet das wahre Gesicht Amerikas sehen.“ Nun ja – seit Donald Trump hat man das Gefühl, dieses Gesicht sehr gut zu kennen. Und man weiß mittlerweile auch, dass das Thema immer noch nicht durch ist. Sklaverei und Rassentrennung sind zwar seit Jahrzehnten abgeschafft, aber in den Köpfen der weißen Landbevölkerung hat sich nicht viel verändert. Die Vorfälle in Charlottesville zeigen, dass all das, was in diesem Buch als Vorkommnisse aus der Mitte des 19.Jahrhunderts beschrieben wird, eigentlich jederzeit wieder passieren kann. Irgendwie habe ich das Gefühl, entwickeln sich im Moment überall auf der Welt Dinge wieder zurück. Konflikte, die wir überwunden zu haben glaubten, entzünden sich aufs Neue. Manchmal wünsche ich mir, einfach eine geheime Falltür zu öffnen und mit der Underground Railroad vor all dem zu flüchten. Kilometerweit durchs dunkle Tunnelsystem bis nach Kanada, ein Land, das damals wie heute eine echte Alternative zu sein scheint. Doch Wölfe gibt es da auch, sogar echte.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser
352 Seiten, 24,00 Euro
übersetzt von: Nikolaus Stingl

 

Theresia Enzensberger – Blaupause

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Als Vater zweier erwachsener Söhne freue ich mich immer, wenn ich höre, dass Kinder in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Es funktioniert also doch noch, den Stab von Generation zu Generation weiterzureichen, Vorbild statt abschreckendes Beispiel zu sein. Ich habe bisher nichts vom Vater der Autorin gelesen, kenne Hans Magnus Enzensberger nur dem Namen nach, deswegen kann ich keine Vergleiche anstellen und nichts weiter zu der Vater/Tochter-Geschichte sagen.

Nichts sagen werde ich auch zur Nicht-Nominierung auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Seit die ersten Kritiken zu Theresia Enzensbergers Romandebüt auftauchten, war Blaupause für mich ein klarer Kandidat. Nachdem ich es jetzt selbst gelesen habe, finde ich es geradezu skandalös, dass dieser Titel nicht nominiert wurde. Aber darüber zu diskutieren, welches Buch für den Deutschen Buchpreis infrage kommt oder nicht, ist ebenfalls mehr als müßig und in diesem Jahr auch nicht meine Aufgabe.

Und so kann ich diese beiden Themen getrost beiseite lassen und mich auf das Wesentliche konzentrieren: Inhalt und Form dieses Romans. Die Inhaltsangaben im Klappentext haben sofort mein Interesse geweckt. Ein literarisches Werk, das Einblick in die wilden, prägenden Jahre der Bauhaus-Akademie in Weimar und Dessau verspricht, ist mir bisher nicht untergekommen. Ich finde, das allein ist schon mal eine tolle Idee. Ich mag die Bauhaus-Bewegung – die Architektur, die Werbegrafiken, das Design von Möbeln und Uhren – aber eigentlich weiß ich viel zu wenig darüber. Klar kenne ich den Gropius-Bau in Berlin und die Bilder von Kandinsky und Paul Klee. Hier bei uns in Krefeld gibt es sogar einige Fabrikanten-Villen, die von Mies van der Rohe gebaut wurden. Alles, was heutzutage irgendwie Design ist, ist ohne die Bauhaus-Bewegung nicht denkbar.

Die Autorin lässt die wilde Weimarer Zeit durch ihre Erzählung sehr bildhaft und stimmig wieder auferstehen. Noch ehe man sich versieht, hat einen die Geschichte gefangen genommen und nimmt einen mit zu den Esoterikern der sogenannten Mazdaznan-Lehre, einer frühen Form der heutigen Öko-Über-Eltern vom Prenzlberg, die sich in Weimar rund um den Künstler Johannes Itten formierte. Dies und weitere interessante Details über Fastenkuren, Drogenpartys, aufkommenden Antisemitismus und die damals aktuellen politischen Strömungen erfahren wir, indem wir Luise Schilling, eine junge Berliner Fabrikanten-Tochter, auf ihrem Weg durchs Studium am Bauhaus begleiten. Die Heldin des Romans will Architektin werden, doch das ist für eine Frau in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht so einfach – selbst am damals fortschrittlichsten Ausbildungsort der Welt.

Ich wusste viele Dinge rund um die Bauhaus-Lehre nicht und hab beim Lesen immer mal wieder gegoogelt und festgestellt, dass Enzensberger ihre Geschichte ziemlich nah an den historischen Fakten aufgebaut hat. Was man aber nicht bei Wikipedia findet, ist, dass die Bauhaus-Pioniere trotz ihres fortschrittlichen Denkens vor allem eine eingeschworene Männergemeinschaft waren, die Frauen in ihrer Runde nur am Webstuhl aber nicht auf der Baustelle tolerierten. Auch in Louises Elternhaus ist es diesbezüglich nicht viel anders. Der Vater holt sie nach dem Vorkurs raus aus Weimar und schickt sie auf eine Hauswirtschaftsschule. Die Mutter kann nicht verstehen, dass sie kein Interesse daran hat, einen netten Mann aus guten Hause zu heiraten, und der sich als Nachwuchspatriarch gebärdende Bruder ist auch nicht viel besser. Ein rückständiges Frauenbild, wie man es aus dem heutigen Islam kennt.

Was diesen Roman aber so besonders macht, ist nicht das Bauhaus und nicht die Zeit, in der die Geschichte spielt. Es ist die weibliche Protagonistin, die einem Seite für Seite immer mehr ans Herz wächst. Zwischen all diesen bedeutenden und stilprägenden Personen wie Gropius, Kandinsky und Klee, ist die Architekturstudentin und Fabrikantentochter Louise Schilling vor allen Dingen eins: Louise. Ein junges Mädchen, das ihren Dickkopf hat, gerne zeichnet, Fleisch isst, ausgelassen feiert und sich immer wieder in die falschen Männer verliebt. Liebevoll begleitet Enzensberger ihre Protagonistin durch die Geschichte. Sie ist der Mittelpunkt, um sie kreist die Geschichte. Das Bauhaus, der Sexismus, die Straßenkämpfe zwischen Kommunisten und Nazis sind nur Beiwerk.

Der Verlag bezeichnet das Buch als sogenannten Campus-Roman. Nie gehört? Ich auch nicht. Erst dachte ich, das ist eine neue Erfindung des kreativen Hanser-Marketingteams zur verbesserten Ansprache der Lesezielgruppe Studenten und Akademiker. Doch dann musste ich feststellen, dass es dieses Genre tatsächlich gibt. So wie die Arzt-Romane, Köln-Krimis und Elfen-Epen. Auf jeden Buchtopf passt ja mittlerweile ein Genredeckel. Wenn ich Blaupause in eine Schublade einordnen sollte, dann stünde auf dieser jedenfalls nicht „Campus-Roman“, sondern eher sowas wie „überraschend gut“ oder vielleicht sogar „Romandebüt des Jahres“.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser
256 Seiten, 22,00 Euro

 

Thomas Glavinic – Das bin doch ich

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Ab und zu – wirklich nicht häufig – aber manchmal kommt es vor, dass ich überhaupt keine Idee habe, welches Buch ich als nächstes lesen soll. Dann stehe ich vor meinem Bücherregal, schaue durch die Reihen, ziehe hier und da mal ein Buch heraus, blättere rein, lese den Klappentext und stelle es lustlos wieder zurück. Ein ganzes Regal mit nichts zum Lesen.

Ich hole mir ein Bier aus dem Kühlschrank und gehe in den Garten. Auf meiner Bank sitzend starre ich ins Grün. Von wem wollte ich denn neulich noch was lesen? Nicht Witzel, auch nicht Setz. Da war doch noch einer, so ein Machotyp, nicht der Stanisic, aber so ähnlich, zumindest vom Namen her. Glavinic! Genau, so hieß er. Thomas Glavinic, Österreicher, hat gerade einen neuen Roman bei Fischer veröffentlich. 700 Seiten, soll gut sein. Könnte ich mir bestellen, aber ich müsste doch auch noch was Älteres von ihm irgendwo im Regal stehen haben. Für 2,99 € mal bei Medimops geschossen – da ist es ja: „Das bin doch ich“, 2007 bei Hanser erschienen; für meine Verhältnisse mal ein richtig alter Schinken. Das könnte ich doch glatt für die Golden Backlist-Challenge nehmen, bei der man mal wieder Bücher lesen soll, die älter als fünf Jahre sind. Mal sehen, was der Klappentext sagt. “ … ein Roman über einen Besessenen, der nur ein einziges Opfer kennt: sich selbst. Und der dieses Opfer mit gnadenloser Komik zur Stecke bringt“. Und dann steht da noch was von Alkohol, Hodenkrebs und einer Literaturagentin. Ok, klingt nicht schlecht und hat nur 230 Seiten – kann man ja mal reinlesen. Hab’s gedacht, und schon war ich drin.

Ich bin ja ein großer Fan der Serie Pastewka, in der Bastian Pastewka sich und sein Leben als Comedian im Privatfernsehbetrieb dokumentiert. So ähnlich muss man sich auch diesen Roman vorstellen. Nur ist die Hauptfigur kein Comedian, sondern Schriftsteller. Die Handlung spielt nicht im TV- und Unterhaltungsbusiness, sondern im Literaturbetrieb und der Protagonist heißt nicht Pastewka, sondern Glavinic. Und wie der Comedian Pastewka stellt sich auch Glavinic als Person schonungslos offen zur Schau. Mit allen Ängsten, Phobien, Schwächen, Zweifeln und Entgleisungen, die das Leben eines hoffnungsvollen Jungautoren, der immer noch auf den ganz großen Erfolg wartet, so mit sich bringt. Und dazu noch mit jeder Menge Humor und Selbstironie.

Glavinic ist ein Macho, wie er im Buche steht. Er wohnt zwar mit Frau und Kind zusammen, lebt aber trotzdem das Leben eines Singles; kommt und geht, wann immer es ihm gefällt und interessiert sich eigentlich nur für einen einzigen Menschen auf der Welt: sich selbst. Sein Erfolg als Autor, seine Rolle im Literaturbetrieb, seine kleinen Wehwehchen. Darum geht es in diesem Buch. Als Autor macht Glavinic gerade eine schwere Zeit durch. Für seinen neuen Roman gibt es noch keinen Verlag, eine Literaturagentin ist da dran, meldet sich aber nicht. Sein Freund Daniel Kehlmann hat gerade „Die Vermessung der Welt“ herausgebracht und geht damit im Verlauf der Romanhandlung durch die Decke. Sind es am Anfang nur 35.000 Exemplare, so ist er am Ende bei über 700.000 angelangt. Und mit jedem neu verkündeten Auflagenrekord fällt Glavinics Stimmung ins Bodenlose, wo sie von im Alkohol getränkten Selbstzweifeln zerfressen wird. Und hinzu kommen noch Frau und Kind, Vater und Mutter und die ganze übrige Familie, die nicht verstehen kann, dass der Daniel so ein erfolgreiches Buch geschrieben hat und der Thomas nicht.

Um all das geht es in diesem Roman. Es ist ein typisches Zwischenbuch, das man schreibt, wenn man nicht richtig weiß, was man schreiben soll. Wenn das letzte Werk gerade abgeschlossen, das nächste Thema aber noch nicht gefunden ist. Wenn man zwischen den Seilen hängt und sich mit nichts anderem beschäftigen kann, als mit sich und seinen Selbstzweifeln. Dann ist es das Beste, wenn man sich alles mal von der Seele schreibt und siehe da: Da ist er ja! Ein neuer Roman, mit dem Glavinic 2007 – wie Kollege Kehlmann zwei Jahre davor – sogar auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Zu Recht, denn „Das bin doch ich“ ist ein echtes Meisterwerk; tiefgründig, tragisch, komisch, authentisch und unheimlich unterhaltsam. Das perfekte Zwischenbuch, wenn man ein anderes gerade ausgelesen hat und noch nicht weiß, was man als nächstes lesen soll.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser / dtv
230 Seiten, 19,90 €/9,90 €