Stefan Ferdinand Etgeton – Das Glück meines Bruders

Ganz lesen wollte ich es eigentlich nicht. Jedenfalls jetzt noch nicht. Nur mal reinschauen, bisschen schnuppern, blättern, ein paar Seiten anlesen. Ich schlage also die erste Seite auf, lese den ersten Satz, dann den zweiten und um den dritten zu beenden, musste ich bereits einmal umblättern. Bandwurmsätze! Es gibt sie also immer noch. Und es ist kein arrivierter Wortkünstler wie Martin Walser, der hier endlos Nebensatz an Nebensatz reiht, Aussagesätze gefolgt von Relativsätzen, Aufzählungen mit und ohne ‚und’ – nein, es ist ein junger Autor, zwar mit Schnauzbart, aber augenscheinlich trotzdem jung. Und er macht es richtig gut. Schon nach den ersten drei Seiten war ich nicht mehr in der Lage, das Buch aus den Händen zu legen und nach zwei intensiven Lese-Abenden hatte ich den Roman durch und war restlos begeistert.

Ja, so kann es kommen. Auch wenn man gerade entnervt einen hochgelobten Shortlist-Titel abgebrochen hat und vom Lesen an sich mal wieder so richtig angepisst ist, wenn man aufs prall gefüllte Bücherregal schaut und denkt: eine ganze Wand mit nichts zu lesen und dann lustlos im Stapel ungelesener Bücher kramt und schließlich dieses hier rauszieht, weil es ein ästhetisches und ansprechendes Cover hat, aber von einem Verlag ist, der einen neulich erst mit einem total kitschigen Titel enttäuscht hat, man aber trotzdem mal reinblättert, weil man denkt, die können ja nicht nur schlechte Bücher im Programm haben, den ersten Satz liest, dann den zweiten und dritten und weil die alle so lang sind, sich schon mitten in der Geschichte befindet und deswegen immer weiter liest, mit wachsendem Genuss, Seite für Seite bis zum Schluß – ja, das sind dann schon richtige Sternstunden des Lesens.

Ohne etwas Substanzielles zu dem Buch gesagt zu haben, habe ich also mein Urteil schon mitgeteilt. „Das Glück meines Bruders“ ist ein beeindruckendes Leseerlebnis, ein literarisches Kleinod und aufgrund seiner stimmigen Komposition und der außergewöhnlichen sprachlichen Brillanz eine der seltenen Top-Empfehlungen auf Buchrevier.

Dabei klingt die Geschichte in der Zusammenfassung ziemlich konventionell; der übliche Familienbeziehungs-Kram. Zwei Brüder fahren noch einmal nach Doel an die belgische Küste, den Wohnort ihrer Großeltern, wo sie als Kinder und Jugendliche Ihre Sommer verbracht haben. Die Großeltern sind bereits seit Jahren tot, und ihr altes Haus steht wie das gesamte Dorf zum Abriss bereit. Ein neuer Containerhafen soll dort entstehen. Nur noch ein paar letzte standhafte Alte sind noch da, der Rest hat diesen Ort ohne Zukunft längst verlassen. Botho und Arno brechen das bereits verrammelte Haus wieder auf und verbringen ein paar letzte Tage dort. Was unbeschwert und harmonisch begann, wird zu einer beklemmende Reise in die Vergangenheit.

Die beiden Brüder werden in Doel mit dem konfrontiert, was sie all die Jahre erfolgreich verdrängt haben. Botho mit den Erinnerungen an Lenie, seine allerersten Jugendliebe, die er in den pubertären Wirren irgendwann einfach vergessen hat. Und Arno mit unschönen Erinnerungen an den dominanten Großvater. Die morbide Atmosphäre des von seinen Bewohnern verlassenen Dorfes wirkt wie ein Katalysator auf den Gemütszustand der Brüder. Alles kommt wieder hoch und nahezu obsessiv verfolgen Botho und Arno die Spuren der Vergangenheit.

Im Verlauf der Geschichte wandelt sich das Rollenverhältnis der beiden Brüder. Wir lernen Botho als den Vernünftigen der beiden kennen, als den Starken, der sich aus der Enge und dem Mief seines Elternhauses gelöst hat, gegen alle Widerstände das Abitur nachholt, studiert, Lehrer an der Gesamtschule wird und sich all die Zeit auch noch liebevoll um seinen Bruder Arno kümmert, der wiederum mit seinem Leben überhaupt nicht zurecht kommt, sich in den Alkohol flüchtet und manisch-depressive Züge hat. Doch seit Arno mit Anja zusammen ist, kommt er wieder halbwegs auf Spur. Stattdessen gerät Bothos Leben nach dem Urlaub in Doel immer mehr aus den Fugen. Die Suche nach seiner Jugendliebe Lenie wird zur Obsession, er verliert seinen Job, weil er mit der Frau des Schuldirektors geschlafen hat, findet schließlich Lenie irgendwann nach langer Suche, stellt fest, dass auch sie ihn vergessen hat, aber anders als er, sich auch nicht mehr erinnern kann, stürzt in ein Loch und krempelt anschließend sein Leben vollständig um. Am Ende sind Arno und Anja die beiden Vernünftigen, die das Sorgenkind Botho an dem Ort besuchen, wohin er sich geflüchtet hat.

Also eigentlich der übliche ‚Familie-mit-Leichen-im-Keller-Kram‘, schon hundertmal gelesen, aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet, mal in Europa, USA oder sonstwo spielend, mal mit Brüdern, mal mit Schwestern, mal Vater und Sohn, Mutter und Tochter und so weiter und so fort. Und trotzdem: Die Lektüre von „Das Glück meines Bruders“ lohnt sich, weil das Leben nunmal genauso ist, immer wieder solche Geschichten schreibt und Stefan Ferdinand Etgeton das alles wunderbar stimmig aufgebaut hat.

Als wenn sich der Autor all die anderen Romane zu diesem Themenkomplex durchgelesen und genau analysiert hätte, wo es immer wieder hakt, wo Anschlüsse nicht passen, Längen entstehen, der Lesefluss stockt, es sprachlich beliebig und einfallslos wirkt –  um in seinem Werk genau diese Fehler zu vermeiden und es einfach besser machen. Ich finde das ist ihm voll und ganz gelungen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: C.H. Beck
240 seiten, 19,95 €

Der Autor mit Schnauzbart liest seine Bandwurmsätze auf Zehnseiten.de:

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