Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex (Band 1-2)

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Kann es sein, dass es in der Literatur das Themengebiet „Digitalisierungs-Schicksale“ noch nicht gibt? Das mag ich gar nicht glauben. Und wenn doch, dann wäre diese Romantrilogie, von der bisher zwei Bände erschienen sind, das neue Standardwerk in diesem Bereich. Denn das Schicksal von Vernon Subutex, der seinen Pariser Plattenladen wegen iTunes und Spotify schließen musste, der sich nicht neu orientieren konnte oder wollte und infolgedessen obdachlos wurde, ist symptomatisch für das, was gerade überall um uns herum passiert.

Die digitale Transformation grassiert und hat sämtliche Lebens- und Arbeitsbereiche verändert. Und wie bei all solchen Prozessen gibt es auch hier Gewinner und Verlierer. Vernon gehört definitiv zu den Verlierern – das denkt man zumindest noch im ersten Band. Im zweiten Band relativiert sich das Bild ein wenig und man stellt fest, dass wir alle mehr oder weniger Verlierer sind. Für jede neue digitale Errungenschaft verlieren wir im Gegenzug auch etwas. Dank Smartphone sind wir immer und überall erreichbar. Ein Vorteil, der den Nachteil hat, immer und überall erreichbar zu sein. Wir bekommen etwas und geben dafür etwas anderes her. So funktioniert der digitale Deal.

Und natürlich geht einem wie mir beim Lesen durch den Kopf, dass das, was Vernon mit seinem Plattenladen passiert ist, schon morgen auch den Buchhändlern passieren könnte. Netflix kommt, das Buch geht. Und dann liegen plötzlich in den Parks und Hauseingängen überall obdachlose Buchhändler. Aber lassen wir das Thema. Fakt ist, dass alles im Wandel begriffen ist, dass die Bits und Bytes ein Leitbild nach dem anderen vom Sockel stoßen und wir dafür keinen gleichwertigen Ersatz geboten bekommen. Stattdessen wird ein stinkender Haufen unkuratierter Unterhaltungsschrott nach oben gespült. Und wie es ist, als gefallener Held durch diesen Mist zu waten, verloren in einem System, dessen Regeln man nicht mehr versteht, das führt uns Virginie Despentes in ihrem grandiosen Sittengemälde der Pariser Boheme auf schonungslose, oftmals derbe Art vor Augen.

Bei Michel Houellebecqs ersten Büchern haben sich noch alle aufgeregt und ‚Skandal‘ gerufen, aber wo sind die sendungsbewussten Netzaktivisten in diesem Fall geblieben? Wo bleibt der Aufschrei angesichts übelstem Sexismus, Gewalt, Rassismus, Islamophobie, Transphobie, Rechtsradikalität und Netzkriminalität, den Despentes über ihre Leser ausschüttet? Die Autorin kümmert sich einen Dreck um politcal correctness und berichtet schonungslos aus dem Innenleben von Musikern, Regisseuren, Produzenten, ehemaligen Pornostars und professioneller Internettrolle. Bei der Lektüre geht man durch ein Wechselbad der Gefühle. Empörung, Begeisterung Unverständnis, Schmunzeln, Kopfschütteln, lautes Auflachen, tiefe Betroffenheit und zustimmendes Nicken wechseln sich ab.

Und genau deswegen bin ich ziemlich begeistert von dieser Lektüre. Die zahlreichen Figuren, denen Vernon auf seinem Weg in die Obdachlosigkeit begegnet, sind – obwohl alles andere als Sympathieträger – beinahe liebevoll gezeichnet. Beim Lesen bin ich immer wieder Typen begegnet, die ich aus meiner eigenen Vita zu kennen scheine. So arbeitete mein ganz persönlicher Vernon im Musikexpress in der Hamelner Fischpfortenstraße, wo ich in den Achtzigern meine ersten Vinyls gekauft habe. Er trug Lederjacke, enge Hosen, spitze Schuhe und hatte die Haare in alle Richtungen abstehend. Alle Mädchen waren verrückt nach diesem Typ.

Und ich bin sicher, jeder von uns kennt so einen Vernon-Typ. Einen, der die Lockerheit hatte, die einem selbst gefehlt hat. Einen der den Rock`n Roll, den Punk und den Indie Rock wie kein anderer verkörperte. Mit jeder Menge Coolness, aber ohne jegliche Ambitionen. Und wie ist das jetzt, diesen Vernon am Boden und komplett gescheitert zu sehen? Tut das dem eigenen Ego nicht irgendwie auch gut? Ist das nicht die gerechte Strafe für all die sorglose Blauäugigkeit? Was nützt einem all die Coolness, der ganze Rock’n Roll, wenn man am Ende nicht mal mehr ein Dach über dem Kopf hat? Das Scheitern eines solchen Helden ist die schönste Genugtuung für alle Uncoolen dieser Welt.

Wer schon immer mal Proust und Balzac lesen wollte, um mehr über die französische Seele zu erfahren, kann das jetzt getrost weiter bis zur Rente aufschieben, denn im Moment gibt es nichts Aktuelleres, Besseres und Beeindruckenderes als den Vernon-Epos von Virginie Despentes. Ich freue mich schon auf den dritten Band, der am 7. September erscheint.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witch
Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz
Band 1: 400 Seiten, 22,00 €
Band 2: 400 Seiten, 22,00 €

Hörbuch: Audio Verlag
gesprochen von: Johann von Bülow, jeweils 11 Stunden

 

 

Eine Antwort auf „Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex (Band 1-2)

  1. „dass die Bits und Bytes ein Leitbild nach dem anderen vom Sockel stoßen und wir dafür keinen gleichwertigen Ersatz geboten bekommen. Stattdessen wird ein stinkender Haufen unkuratierter Unterhaltungsschrott nach oben gespült“ – ist das wirklich so? Dank des Internets kommt man eben auch an Sachen, die einem vorher nie begegnet wären, insbesondere, wenn man nicht in der Hot-Society von New York/ Berlin/ Rio de Janeiro unterwegs ist. Kuratoren sind eben nicht immer von Neugier geschriebene Schatzsucher, sondern oft nur fleißige und ehrgeizige Egomanen, die das Kuratierte primär benutzen, um im eigenen Mileu aus dem unsichtbaren Bodensatz Richtung Oberfläche zu steigen.

    Generell stolpere ich gerade durch Rezensionen zum Buch, weil mich der 1. Band dermaßen enttäuscht. Muss aber dazuschreiben, dass ich bei gefeierten Franzosen mindestens eine rundum erleuchtende Leseerfahrung erwarte, was wiederum getriggert ist durch so ziemlich alle Romane von Houellebecq und zuletzt die Erinnerungen von Eribon. Bei Despentes fehlen mir große Ideen und neue Betrachtungsweisen, auch über den Themenkomplex Scheitern/ Sucht/ Identitätskrise haben Foster Wallace oder beispielswese Nick Flynn sehr viel präziser geschrieben, bleibt einzig die durchaus reizvolle Rahmenhandlung, aber dafür hätte ich keinen Roman gebraucht.

    Dieses Sammelsurium angerissener Biografien wirkt auf mich in dieser Masse unglaublich beliebig. Es ist zu ausladend, um schnell darüber zu lesen, viel zu oberflächlich, um neue Erkenntnisse zu gewinnen oder die Wahrnehmung zu schärfen. Vielleicht bin ich immer zu cool gewesen und meine narzisstischen Kränkungen durch Plattenverkäufer, Türsteher und Club-DJs gingen nicht tief genug, weshalb mir jetzt die Genugtuung abgeht… [Ironie off off]

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