Hank Zerbolesch – Raw

Den Anfang machte eine E-Mail. Eine von diesen, die Buchblogger mittlerweile täglich von Autoren bekommen. Ich weiß nicht warum, aber bei dem, was und wie er schrieb, hatte ich sofort ein gutes Gefühl, war sehr zuversichtlich, dass das endlich mal wieder etwas sein könnte.  Etwas Gutes, Außergewöhnliches, was reinhaut und Spaß machen könnte. Und mein Gefühl hat mich nicht getäuscht. Was da mit der Post kam, war keine B-Ware, kein Machwerk eines Möchtegern-Autoren, sondern der ultimative Beweis, dass es da draußen immer noch jede Menge unentdeckte literarische Talente gibt.

Hank Zerbolesch ist ohne Zweifel so ein Talent. Keiner dieser schnöseligen Literaturinstituts-Zöglinge, weder Feuilleton-affin und hochakademisch noch besonders sprachelaboriert. Nein, das ist er nicht. Zerbolesch ist der Typ von der Straße, sehr tight und sehr real. Einer dieser Underground Poeten, die den Eindruck machen, keine Verträge mit irgendetwas zu haben und Debatten auch mal mit den Fäusten führen. Seine Sprache ist direkt und kraftvoll, seine Geschichten aus dem Leben gegriffen und seine Figuren sind so, wie auch sein Buch heißt: roh.

Raw ist kein klassischer Roman, sondern wie Zerbolesch es nennt: ein Antiroman. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass die Erzählung keinem festgelegten Handlungsstrang folgt, sondern sich eher zufällig aus Einzelepisoden ergibt, die zum größten Teil für sich alleine stehen, hier und da aber auch Charaktere und Handlungen wieder aufgreifen, spiegeln und Geschichten weiterführen. Das ist als literarisches Stilelement jetzt nicht besonders außergewöhnlich, und den Begriff „Antiroman“ gibt es, wie eine schnelle Google-Recherche ergab, wohl auch schon länger, aber das tut dem frischen und unkonventionellen Auftritt keinen Abbruch.

Man darf nicht zart besaitet sein, wenn man sich auf Zerboleschs Antiroman einlässt. Es wird gesoffen, gefickt, gekokst, gefixt, geprügelt und gemordet. Wem das zu bäh und gewöhnlich ist, der sollte die Finger davon lassen. Und wer jetzt an Bukowski denkt, liegt nicht falsch, aber auch nicht richtig. Hier wird kein einzelner Dirty Old Man, sondern eine komplette Dirty Old Society vorgeführt, die alle darin lebenden einsam und traurig macht, aus Liebe Hass entstehen lässt, aus Angst Wut und Verzweiflung. Wer jetzt an Gangster-Rap denkt, ist schon nah dran. Man muss sich nicht gut mit diesem Genre auskennen, um bereits beim Buchcover zu erkennen, dass Zerbolesch dort seine Wurzeln hat, dass Moses Pelham, 2Pac und Haftbefehl seine Helden sind.

In Raw geht Zerbolesch der Frage nach, warum Menschen tun, was sie tun. Warum und woran sie verzweifeln, warum sie manchmal nicht anders können, als tatenlos zu erstarren oder aber in blinder Wut alles zu zerstören. Doch neben all der Brutalität und dem Hass, die in den erzählten Geschichten stecken, die sie antreiben und uns als Leser atemlos Seite um Seite umblättern lassen, finden sich immer wieder Momente voller Zärtlichkeit, Mitgefühl und echter Liebe. Und dieses Wechselspiel ist es, was einem den Boden beim Lesen wegzieht, Gänsehaut erzeugt und am Ende dankbar und reich beschenkt zurücklässt.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: periplaneta
161 Seiten, 12.80 € (Paperback)

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