Eshkol Nevo – Die Wahrheit ist

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Früher waren mehr Interviews. Hier und auf den anderen Blogs. Und früher ist noch gar nicht so lange her: gerade mal drei oder vier Jahre. Mittlerweile fragt mich keiner mehr was, und auch ich will von anderen kaum noch was wissen. Schade eigentlich. Könnte ich mal wieder ändern. Aber wenn schon Interviews, dann bitte nicht mehr diese weichgespülten und tausendmal abgestimmten Frage-und-Antwort-Floskeln. Wenn schon, dann offen und ehrlich, spontan und wahrheitsgetreu. Ok, versuchen wir es mal.

Vervollständigen Sie bitte diesen Satz: Die Wahrheit ist…

… das aktuelle Buch von Eshkol Nevo, einem israelischen Gegenwartsautor, von dem ich bisher noch gar nichts gehört oder gelesen habe. Er beantwortet in diesem autobiografisch anmutenden Roman die Fragen seiner Leser und schreibt sich mit seinen Antworten aus einer Schreibblockade. Dabei ist die eigentliche Frage nur ein Impuls für einen Gedankenstrom, den er immer weiter ausrollt, sich dabei seinen Lebenslügen und allerlei unangenehmen Wahrheiten stellt und auf diese Weise einen Roman von über 400 Seiten produziert.

Also eine Schreibblockaden-Therapie, aus der am Ende ein Roman entstanden ist?

Ja, schon, aber das ist in diesem Fall wirklich sehr gelungen. Und ist Schreiben nicht immer eine Art von Therapie? Ich wage sogar zu behaupten, dass alles was mehr sein will, als nur reine Unterhaltung, immer etwas Therapeutisches hat. Nur wer als Autor seine Leser ganz nah an sich ran lässt, sie durch die Aufdeckungen seiner Wahrheiten dazu bringt, über ihre eigenen nachzudenken, sprich: eine zweite Erzählebene im Kopf des Lesers erschafft, darf sich auch Literat nennen.

Und? Hat Eshkol Nevo Sie dazu gebracht, über Ihre eigenen Wahrheiten nachzudenken?

Absolut. Und nicht nur das. Wenn man sich erstmal mit seinen Wahrheiten beschäftigt, landet man ganz schnell auch bei seinen Lügen. Den vielen kleinen und großen Alltags-Unwahrheiten, den unzähligen Notlügen bis hin zu den gut verborgenen Lebenslügen. Ja, mir ging beim Lesen viel davon durch den Kopf. Und weil wir vorhin von Therapie gesprochen haben – was für den Autor das Schreiben, war für mich das Lesen: ein irgendwie heilsamer Prozess. Die Lektüre hat dadurch etwas länger gedauert, weil es viel zu erinnern und zu durchdenken gab. Am Ende des Romans fühlte ich mich aber irgendwie befreit und geläutert. Wenn man es so nennen will, eine Art von Katharsis.

Wow, das klingt gut. Hätten Sie das von einem israelischen Autor erwartet?

Dies ist wirklich eine sehr dumme Frage. Was hat das denn mit der Nationalität des Autors zu tun? So ein Effekt ist ausschließlich dem Können und Talent des jeweiligen Künstlers geschuldet, egal aus welchem Land er stammt.

Entschuldigung, aber sie werden doch nicht bestreiten, dass es in der Literatur spezifische Erzählmuster gibt, die typisch für einen bestimmten Kulturkreis, eine Region oder ein Land sind. Sie selbst haben doch schon gesagt, dass Sie keinen Zugang zu Autoren aus spanischsprachigen Ländern finden.  

Ja, das stimmt. Habe ich gesagt. Auch zu Literatur aus dem afrikanischen und arabischen Raum  finde ich nur selten einen Zugang. Trotzdem finde ich es falsch und geradezu rassistisch, Autorinnen und Autoren nach ihrer Herkunft zu klassifizieren. Wenn ich keinen Zugang zu Literatur finde, egal aus welchem Kulturkreis auch immer, dann hat das meistens mit den Themen zu tun, die mich nicht interessieren, mit überbordender Symbolik und einer Sprache, die mir zu kitschig und bildhaft ist.

Ok, lassen wir das Thema. Vielleicht ist Ihnen das Buch auch deswegen so nahe gegangen, weil der Protagonist – genau wie Sie auch – ein mittelalter Mann ist?

Das will ich nicht bestreiten. Ich bin ein typischer Identifikationsleser und freue mich immer, wenn das, was ich lese, in irgendeiner Form etwas mit mir zu tun hat. Wenn ich mich mit einer Person, einem Thema einer Situation identifizieren kann. Ob ich ein Buch mag oder nicht mag, hängt oftmals davon ab, ob ich mich in einem Setting zu Hause fühle und Gedanken und Gefühle der handelnden Personen nachvollziehen kann. Das konnte ich bei Eshkol Nevos Roman sehr gut. Ob das eine Frage des Alters, des Geschlechts oder der Herkunft ist, weiß ich nicht. Manchmal ist es auch einfach nur Sympathie und eine gewisse Art von Humor, die einen mit anderen Menschen verbindet – im echten Leben genauso wie in der Literatur.

Jetzt haben wir viel über Ihre persönlichen Leseeindrücke erfahren, aber kaum etwas über Handlung dieses Romans. Was passiert in „Die Wahrheit ist“ eigentlich?

Ja, stimmt. Das vergesse ich nur zu gerne. Für mich ist das Nacherzählen des Plots eine lästige Pflicht, der ich nur nachkomme, wenn mir sonst nicht viel zu einem Buch einfällt. Gerne verweise ich daher auf andere Quellen im Netz, wo man das alles gut nachlesen kann. In diesem Fall gibt der Text auf dem Buchrücken wunderbar Auskunft über das, was einen im Inneren erwartet. Ich lese mal eben vor: „Ein Mann Mitte vierzig steckt in der Krise: Seine Ehe steht vor dem Aus, seine älteste Tochter geht auf Distanz zu ihm, er arbeitet für einen fragwürdigen Politiker. Ein hoher Preis für seine Lebenslügen. Die Wahrheit ist: Sein einziger Ausweg ist die Flucht nach vorn. Zum ersten Mal in seinem Leben findet er den Mut, sich den Tatsachen zu stellen. Schonungslos, mitreißend und berührend.“

Und? Trifft es das?

Ja und Nein. Wie bei jeder Zusammenfassung fehlen auch hier wieder wichtige, prägende Details, die den besonderen Reiz der Geschichte ausmachen. Aber der letzte Satz trifft voll ins Schwarze: „schonungslos, mitreißend und berührend“ – ja, das ist dieses Buch in jedem Fall.

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag: dtv
Aus dem Hebräischen übersetzt von Markus Lemke
430 Seiten, 22,00 €

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