7 Gründe, warum die Leipziger Buchmesse wahrscheinlich nie mehr stattfinden wird

Eins vorweg: Ich bin ein großer Fan der Buchmesse in Leipzig. Ich mag die Atmosphäre dort, die Überschaubarkeit des Angebots, die große Halle mit dem Glasdach, das Lesefest und die Partylocations in der Stadt – ja, selbst die überfüllte Straßenbahn vom Bahnhof zum Messegelände mag ich. All das wird es Pandemie-bedingt auch in diesem Jahr wieder nicht geben, und ich befürchte, wir müssen uns für immer von unserer liebgewonnenen Frühjahrs-Buchmesse verabschieden. Ich habe mal sieben Gründe aufgeführt, die meiner Ansicht nach dafür sprechen, dass es die Leipziger Buchmesse nach 2022 nicht mehr geben wird. 

1. Zwei Messen sind eine zu viel

Schon vor Corona waren zwei jährlich stattfindende Fachmessen ein Luxus, den sich die seit Jahren darbende Buchbranche eigentlich nicht mehr leisten konnte. Und obwohl in Leipzig alles auf deutlich kleinerer Flamme gekocht wurde: Messe ist Messe und kostet. Ausstellungsfläche, Standbau, Personal, Reise- und Übernachtungskosten sind dabei noch die geringsten Ausgaben. Wesentlich stärker schlägt zu Buche, dass jede Messe immer auch ein Neuheiten-Sortiment erfordert, das entwickelt, vertrieben und beworben werden muss. 

2. Ein Sortiment im Jahr reicht

Selbst ambitionierte Vielleser wie ich sind von der Neuheitenflut überfordert, die zweimal im Jahr zu den Messen in Leipzig und Frankfurt auf den Markt geworfen wird. Keiner kann das alles lesen, geschweige denn besprechen. Das bedeutet, dass von zehn neuen Titeln, die ein mittelgroßer Verlag durchschnittlich im Frühjahr- und im Herbstprogramm neu verlegt, gerade mal zwei oder drei die Aufmerksamkeit bekommen, die nötig ist, um überhaupt auf die Verkaufstische des Buchhandels zu kommen. Pro Saison gehen folglich sieben von zehn Titeln sang- und klanglos unter und spielen oftmals noch nicht mal die Produktionskosten wieder ein. Wenn dann auch noch die Toptitel der Saison nicht richtig zünden, steht am Jahresende nicht selten ein fettes Minus in der Verlagsbilanz. Warum also nicht auf ein Neuheitensortiment und eine Messe im Jahr reduzieren und allen Titeln die Aufmerksamkeit geben, die sie verdienen?

3. Keine Schwäche zeigen

Lässt man die unzähligen Kleinstverlage und Selfpublisher einmal außen vor, so ist die deutsche Literaturbranche verhältnismäßig klein und übersichtlich. Im Kreis der marktrelevanten Verlage kennt, mag und respektiert man sich und hat dabei immer ein kritisches Auge auf das Geschehen bei der Konkurrenz. Den Messeauftritten kommt dabei immer eine besondere Bedeutung zu. Ist der Stand kleiner als im Vorjahr, das Neuheitenregal ausgesprochen luftig und übersichtlich und entfällt auch noch der traditionelle Messeempfang, dann wird das sehr wohl registriert und als Small-Talk-Gossip innerhalb kürzester Zeit verbreitet. Wenn selbst kleinere Schwächen im Messeauftritt schon zu Kratzern im Verlagsimage führen können, so ist der Schaden, den ein kompletter Verzicht auf eine Messeteilnahme nach sich ziehen würde, immens. Das wissen die Verlage und scheuten bisher diesen Schritt. Auch wenn viele lieber heute als morgen aus dem ruinösen Messe- und Neuheitenzirkus aussteigen würden, will keiner der erste sein, über den dann negativ geredet wird. Aber jetzt, nach zwei Jahren Zwangspause, sieht die Sache ganz anders aus. Jetzt kann man das gut mit der notgedrungenen Verlagerung der Marketingaktivitäten argumentieren und ohne Gesichtsverlust den Messe-Exit wagen.

4. Es geht auch ohne 

Es ist naiv zu glauben, dass unser Leben nach Corona wieder genauso wird wie früher. Schon ein Jahr mit dem Virus hat gezeigt, dass vieles, was bis dato als unattraktiv, suboptimal oder schwierig umzusetzen galt, überraschenderweise recht gut funktioniert. Zum Beispiel Homeoffice oder Urlaub im Westerwald. Was sich bewährt, wird bleiben und in unseren Alltag integriert. Und auch alles, was bisher als unentbehrlich galt, wird nach zwei Jahren Zwangspause neu bewertet. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass der Literaturbetrieb im zweiten Jahr der Pandemie feststellen wird, dass man auch ohne eine Frühjahrsmesse in Leipzig ganz gut über die Runden kommt. Ja, vielleicht sogar besser. 

5. Nicht ohne die Kleinen  

In Leipzig sind zwar auch alle großen Verlage mit Ständen vertreten, in erster Linie ist die #lbm aber eine Heimstadt der kleinen Verlage. Ganze Hallen sind voll mit Drei-Quadratmeter-Ständen diverser Klein- und Kleinstverlage zu den nerdigsten Themengebieten. Und machen wir uns nichts vor: Gerade diese Verlage haben es in der aktuellen Krise besonders schwer, und viele davon werden es höchstwahrscheinlich nicht schaffen. Das bedeutet, dass der größte Teil potenzieller Messeaussteller im März 2022 entweder bereits pleite ist oder aber kein Geld für eine Messeteilnahme hat. Wenn es eine Leipziger Buchmesse im Jahr 2022 geben wird, könnte es also passieren, dass neben der unerschütterlichen Manga-Com in Halle 1 nur noch zwei statt bisher vier weitere Hallen belegt sein werden. 

6. Hotspot Sachsen 

Leipzig liegt in Sachsen. Und dieses Bundesland hat sich in Sachen Corona nicht gerade als besonders safe erwiesen und liegt bei den Inzidenzwerten aktuell immer noch weit vorne. Wenn sich da nicht deutlich etwas ändert, halte ich es für ziemlich unwahrscheinlich, dass man nach zwei Jahren Pandemie als erstes wieder zu einer Großveranstaltung nach Sachsen fährt. 

7.  Schlussakkord in 2022

Wenn das Durchimpfen der Bevölkerung im Laufe des Jahres doch noch klappen sollte, könnte es im Jahr 2022 vielleicht noch eine Leipziger Buchmesse geben. Sollte aber all das eintreten, was ich befürchte, könnte es leider auch die letzte sein. Der zu erwartende gravierende Rückgang an Ausstellern und Besuchern wird die Messeleitung dazu zwingen, die finale Reißleine zu ziehen. Die Trauer über den Verlust unserer charmanten Lieblingsmesse wird zwar groß sein, aber schon bald werden Verlage und Buchhandlungen auch die positiven Effekte registrieren. Das eingesparte Budget kann in einen ordentlichen Auftritt in Frankfurt investiert werden. Und statt der Frühjahrs- und Herbstprogramme wird es nur noch ein Neuheiten-Jahresprogramm geben, das allen Titeln übers Jahr verteilt die gleiche Aufmerksamkeit verspricht.

Sieben Punkte, die alle so eintreten könnten. Und wenn es tatsächlich passiert, wäre ich einer von denen, die darüber am meisten traurig wären. Nein, Leipzig darf nicht sterben. Und daher hoffe ich inständig, dass das alles nur Hirngespinste eines chronisch negativen denkenden Zeitgenossen sind. 

6 Kommentare

  1. Es sind leider erschreckend logische Schlussfolgerungen, die du hier gezogen hast. Und ich hoffe, es bleibt diesem Gedankenkonstrukt und wird letztlich keine Wirklichkeit. Die letzten zwölf Monaten haben der Kulturwelt bereits so viel, zu viel gekostet.

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  2. Zur Leipziger Buchmesse gehört ja das Veranstaltungsprogramm „Leipzig liest“, welches der Messe nach der Wende erst zu ihrer heutigen Popularität und Stabilität verhalf. Wenn man die Geschichte der beiden deutschen Buchmessen anschaut, dann haben beide, mit wechselndem Rang, über einen sehr langen Zeitraum gemeinsam existiert. Die heutige Rolle der kleineren Messe ist die einer Publikumsveranstaltung. Und so verstehen es auch die Verlage: Eine Marketingaktion mit kleinerem Geschäftsanteil. Egal ob kleine oder große Verlage, alle können sich zeigen. Insofern also die Lösung hinderlicher pandemischer Probleme eine Messe wieder möglich macht, wird sie auch stattfinden und die Menschen werden kommen. Sie kommen auch jetzt in die geöffneten Buchhandlungen in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt.

    Das durch die jetzige Situation Verlage in wirtschaftliche Not geraten und nicht mehr dabei sein werden, wird bei über 2000 Ausstellern die Messe nicht platzen lassen. Auch in den letzten Jahren waren einige bekannte Verlage nicht bzw. nur mit einem Gemeinschaftsstand vertreten.
    Noch ein Wort zur Zusammenführung der Programme: Gerade die Teilung in Frühjahrs- und Herbstprogramme ermöglicht eine bessere Aufmerksamkeit in den Medien und eine darauf abgestimmte Platzierung im Handel.

    Am Ende drücken wir alle die Daumen, egal wie optimistisch wir sind 😉

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  3. Es liegen Welten zwischen den zwei Buchmessen in Frankfurt und Leipzig. Wer wie ich seit Jahrzehnten beide Messen besucht, kann dies mit Fug und Recht in den Raum werfen. Beide haben ihre Daseinsberechtigung. Warum sollte nun von bewährten Traditionen abgegangen werden? In vielen Branchen gab und gibt es eine Frühjahrs- und Herbstkollektion. Und so wird es sicherlich auch bleiben. Moderner, innovationsreicher sollte sie werden – beide. Und vor allem an allen Tagen für die breite Öffentlichkeit zugänglich sein.

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