Corinna T. Sievers – Vor der Flut

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Oha! Dachte ich nur, als ich mitbekam, worum es in diesem Roman ging. Was soll man von einer Geschichte erwarten, bei der eine alternde, nymphomane Zahnärztin die Hauptrolle spielt? Zum Thema Nymphomanie fallen mir auf Anhieb eine  Handvoll schlechter Witze ein, aber kein einziges gutes Buch. Was nicht heißt, dass darüber nichts geschrieben wurde – ganz im Gegenteil. Es gibt wahrscheinlich unzählige schmierige Horny-Romance-Heftchen oder etwas anspruchsvoller: Softporno-Belletristik à la Fifty Shades of Grey – nur eben nichts Gutes. Bis jetzt, bis „Vor der Flut“ von Corinna T. Sievers.

Ich finde es gleich in mehrfacher Hinsicht mutig, sich a) als Frau an ein solches Sujet zu wagen, sich dabei b) von all den billigen, Männer-Fantasien bedienenden Klischees abzugrenzen und c) dem Ganzen einen literarisch anspruchsvollen Rahmen zu geben, der d) als solches auch vom Kulturbetrieb erkannt und gewürdigt wird. Und wenn man mich fragt, ob das Corinna Sievers gelungen ist, dann kann ich nur sagen: ja!

Ich weiß nicht, wieviele Männer davon träumen, von ihrer Zahnärztin auf dem Behandlungsstuhl einen geblasen zu bekommen. Es sind bestimmt nicht wenige. Und von der äußerst geringen Wahrscheinlichkeit, dass einem normalen Mann so etwas irgendwann tatsächlich einmal passiert, lebt einen ganze Industrie. Und jetzt fragt man sich vielleicht, was unterscheidet so eine Szene, die in Corinna Sievers Roman tatsächlich so vorkommt, von einem herkömmlichen Porno?

Schwer zu sagen. Das zu lesen, hat mich jedenfalls nicht erregt, eher im Gegenteil. Obwohl ich nicht prüde bin, fand ich die Vorstellung eher erschreckend. Vielleicht auch, weil ich das Ganze beim Lesen aus der Perspektive der Frau imaginierte, einer Frau, deren zwanghafte Triebhaftigkeit ich bereits als krankhaft und zerstörerisch wahrgenommen habe. Vielleicht ist das der hauptsächliche Unterschied zwischen Sexszenen in der Literatur und im Porno, dass man nicht nur kopulierende Körper wahrnimmt, sondern komplexe Persönlichkeiten, deren Antrieb, Vorgeschichte und Seelenlage man kennt.

Und die Seelenlage von Judith, einer auf einer Nord- oder Ostseesinsel praktizierenden Zahnärztin, verheiratet mit einem Psychoanalytiker, der sich ihr seit mehr als zwanzig Jahren sexuell verweigert, ist komplex. Da ist zum einen ihre extreme Promiskuität, ein stummer Schrei nach Liebe, oder wie ihr Mann Hovard diagnostiziert, ein Verstärker, um sich selbst zu spüren. Da ist aber auch ihr vorgeschrittenes Alter – über 50 und damit nach Judiths Meinung nicht unbedingt das, was sich ein durchschnittlicher Mann als Bettgespielin wünscht. Hinzu kommt ihr kleiner, bzw. fast nicht vorhandener Busen, ihr leptosomer Körper und diverse weitere körperliche Unzulänglichen, die sich nunmal im Laufe der Jahre so einstellen. Aber Judith kennt die Männer und weiß, was sie zu tun hat, damit sie auf ihre Kosten kommt.

Ich muss sagen, mich hat die Lektüre abgestoßen und gleichzeitig fasziniert, was dazu geführt hat, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Nicht, weil ich gespannt auf die nächste Fickszene war, die übrigens alle von der Autorin sehr explizit, anschaulich und durchaus gekonnt geschildert werden, sondern weil man mit jeder Seite die Verzweiflung und Seelenpein der Protagonistin immer stärker spüren konnte. Ein Druck oder besser gesagt, eine Leere, die am Ende kein Schwanz mehr ausfüllen konnte. Ein Leben, das aus dem Ruder gerät, weil Sex keine Lösung ist und im Alter immer schwieriger wird.

Ein grandioses Buch, das sich sehr sensibel mit einem Thema beschäftigt, von dem wir Männer – auch wenn wir so tun als ob – nicht die leiseste Ahnung haben.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt (FVA)
225 Seiten, 20,00 €

Weitere Rezensionen bei: Bücherwurmloch 

 

Nino Haratischwili – Die Katze und der General

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Vier Jahre haben die Fans auf den Brilka-Nachfolger gewartet. Nun ist er endlich da, 760 Seiten dick und noch vor der Veröffentlichung für den Deutschen Buchpreis nominiert. Das Timing war perfekt. Die diesjährige Buchmesse mit dem Gastland Georgien war für Nino Haratischwili sozusagen ein Heimspiel. Kein Lesebühnensofa, auf dem die in Georgien geborene Ausnahmekünstlerin nicht gesessen hätte. Und über kein Buch wird derzeit mehr gesprochen, als über ihren neuen Roman „Die Katze und der General“.

Doch das, was so gesprochen wird, dürfte der Autorin und dem Verlag gar nicht gefallen. Und auch ich bin nicht sonderlich begeistert, um nicht zu sagen sehr enttäuscht von diesem Roman, auf den ich mich wie viele andere Nino-Fans auch sehr gefreut habe. Die Enttäuschung fing schon an, als ich im Sommer zum ersten Mal hörte, wie der Roman heißen sollte: „Die Katze und der General“. Ok, dachte ich, kann man machen, ist ja nur der Titel. Es gibt in der Literaturgeschichte viele erfolgreiche Beispiele, wo sowas gut funktioniert hat, wie zum Beispiel „Hänsel und Gretel“, „Rasmus und der Landstreicher“, „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Bei Büchern für eine junge Zielgruppe scheint es ein bewährtes Prinzip zu sein, die Geschichte einfach nach den beiden Hauptprotagonisten zu benennen. Aber für einen ernstzunehmenden Roman finde ich es irgendwie zu billig.

Man hätte den verunglückten Titel mit einer ansprechenden Covergestaltung auffangen können, aber das ist meiner Einschätzung nach nicht gerade die Stärke der Frankfurter Verlagsanstalt. Stattdessen wurde der bewährte Collage-Look von Brilka auf dieses Werk übertragen. Ich bin zwar kein großer Kenner, aber wenn ich eines über Grafikdesign gelernt habe, dann, dass die Darstellung des allzu Offensichtlichen nicht unbedingt für eine hohe Kreativität des Entwurfs steht. Es zerschellen Hoffnungen wie ein Boot an Felsen, eine Romanfigur nennt sich Krähe, Rubiks Zauberwürfel kommt vor – und all das findet man dann auch bunt zusammengewürfelt auf dem Cover. Fehlen eigentlich nur noch eine stilisierte Katze und ein General.

Aber das sind ja nur Äußerlichkeiten, und letztlich sind Titel und Cover zwar verkaufsentscheidend, aber auch Geschmackssache und sagen nichts über die eigentliche Qualität des Romans aus. Kommen wir also zum Inhalt.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Gleich zu Anfang des Romans lernen wir Nura kennen, die während des Tschetschenien-Krieges 1994/1995 Opfer eines Kriegsverbrechens wird. An der Vergewaltigung und Tötung von Nura sind vier russische Soldaten beteiligt, die eigentlich auf Fronturlaub sind. Mehr als zwanzig Jahre später ist einer der beteiligten Soldaten zum Oligarchen aufgestiegen. Durch einen familiären Schicksalsschlag geläutert, will der von allen nur General genannte Oligarch das Verbrechen sühnen und alle damals Beteiligten mit ihrer Schuld konfrontieren. Dafür engagiert er die Katze, eine Schauspielerin, die dem Opfer von damals zum Verwechseln ähnlich sieht. Es entwickelt sich, spitzt sich zu und kommt zu einem finalen Showdown, den ich allerdings nur vom Hörensagen kenne. Denn so sehr ich mich auch bemüht habe, ich habe den Roman nicht beendet, sondern nach ca. 300 Seiten endgültig abgebrochen.

Normalerweise gebe ich einem Buch ungefähr 50 bis 80 Seiten Zeit, mich als Leser aufzunehmen und in die Geschichte zu ziehen. Wenn ich bis dahin nicht drin bin, steige ich aus. Normalerweise. Aber da Nino Haratischwili eine meiner Lieblingsautorinnen ist, habe ich hier gleich mehrere Ausnahmen gemacht. Nach 100 Seiten legte ich das Buch zum ersten Mal frustriert für zwei Wochen zur Seite. Dann habe ich es mir noch mal vorgenommen und fühlte mich 100 Seiten später immer noch genauso fremd. So sehr ich mich auch bemühte, ich fand einfach keinen Zugang, bin zu keiner Zeit in die Geschichte reingekommen. Zu guter Letzt habe ich mir noch das Hörbuch runtergeladen, in der Hoffnung, darüber einen besseren Zugang zu finden. Doch auch das war vergeblich. Zwei, drei Stunden habe ich noch reingehört und es dann endgültig drangegeben.

Jetzt wird sich natürlich jeder fragen, was mich denn konkret gestört hat. Ich versuche es mal einzugrenzen. Der Plot ist nicht uninteressant und das Setting authentisch. Auch sprachlich habe ich bis auf ein paar reichlich dick aufgetragene Vergleiche nicht viel auszusetzen. Haratischwili schreibt halt opulent. Aber meiner Meinung nach sind Grundgerüst und Dramaturgie nicht stimmig. Zu viele ausufernd beschriebene Figuren, zu viele Schleifen führen dazu, dass der rote Faden der Geschichte immer wieder verloren geht. Folgendes Beispiel: Da sitzen fünf Leute um den Tisch einer Nebenfigur namens Tina, von der ich nach 200 Seiten immer noch nicht genau weiß, ob sie jetzt die Mutter oder die Schwester der Protagonistin ist. Kann ja sein, dass ich irgendwo nicht richtig aufgepasst habe. Aber statt, dass sich dies langsam aufklärt, wird mir auf den Folgeseiten zusätzlich noch die komplette Vita der fünf um den Tisch sitzenden Personen präsentiert, ausufernde Charaktersierungen, die auch Eltern und Großeltern mit einbeziehen. Vierzig Seiten später weiß ich immer noch nicht, wer genau jetzt Tina ist. Dafür kenne ich die komplette Lebensgeschichte der fünf neuen Nebenfiguren, die vom Tisch aufstehen und nie wieder gesehen werden. Vielleicht kommen sie 200 Seiten später ja nochmal ins Spiel, wenn man es denn bis dahin aushält. Und so mäandert die Geschichte Seite um Seite dahin, es kommt weder Spannung noch Wohlgefühl beim Lesen auf. Stattdessen Langeweile, Frustration und langsam sich steigender Groll über ein handwerklich so misslungenes Werk.

Es tut mir leid, das in dieser Deutlichkeit zu sagen. Wie ich im Netz gesehen habe, bin ich auch nicht der einzige, der Schwierigkeiten mit diesem Buch hat. Die Nino-Fangemeinde, die Brilka noch uneingeschränkt gefeiert hat, ist sichtlich gespalten. Viele sind genauso enttäuscht wie ich, einige finden es ganz passabel, aber richtig begeistert ist – mit Ausnahme von ein paar Hardcore-Fans – keiner. Nicht ganz so rücksichtsvoll wie die eher freundlichen Blogger geht Denis Scheck mit diesem Roman ins Gericht. Komplett misslungen und eine Verschwendung von Lebenszeit, so sein harsches Urteil. Und so leid es mir tut, er hat recht. Wenn eine Autorin es nicht schafft, einen motivierten und um das Buch bemühten Leser in eine im Prinzip sehr spannende und erzählenswerte Geschichte zu ziehen, dann hat sie einfach ihren Job nicht gut gemacht.

Warum dieses Buch dann auch noch für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, erschließt sich mir wieder einmal nicht. Trotzdem ist und bleibt Nino Haratischwili eine sehr beachtenswerte Autorin, die mit dem Vorgängerroman „Das achte Leben (für Brilka)“ echte Weltliteratur geschrieben hat. Also: die Katze bitte auslassen und stattdessen Brilka lesen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
750 Seiten, 30,00 Euro

Hörbuch:
HörbuchHamburg HHV
Gelesen von: Peter Kaempfe, Torben Kessler, Luana Velis, Valery Tscheplanowa
Dauer: 23 h, 21 Min.

Sven Amtsberg – Superbuhei

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Was kann man mehr von einem Buch erwarten, als dass es einen für ein paar Stunden aus dem Alltag reißt, mit Problemen konfrontiert, die nicht die eigenen sind, mit fremden Stimmungen, Gerüchen und Ängsten. Wer kennt nicht dieses tolle Gefühl, wenn man beim Lesen kurz innehält, aufblickt und sein eigenes Leben betrachtet. Wie friedlich, wie schön und wertvoll einem dann auf einmal alles erscheint. Wenn sich darüber hinaus noch die Protagonisten und das Setting eines Romans in die Träume schleichen, man morgens ein paar Sekunden braucht, um zu realisieren, dass man nicht in einem muffig riechenden Haus in Hannover-Langenhagen, sondern im eigenen, heimeligen Bett erwacht, dann, ja dann ist das Leseglück perfekt.

Eigentlich habe ich ja momentan überhaupt keine Zeit für irgendwelche Neuerscheinungen. Die Frühjahrs-Novitäten stapeln sich bei mir ungelesen im Regal und müssen warten, bis ich mit den Blogbuster-Manuskripten durch bin. Aber ich blättere zumindest mal rein, schau aufs Autorenfoto, lese den Klappentext, um ganz grob Bescheid zu wissen. Das tat ich auch bei diesem Buch – mit dem Resultat, dass ich es nicht mehr aus den Händen legen konnte. Die Story ist so skurril und dabei so trocken und auf den Punkt erzählt, dass es eine wahre Freude ist, sich in dieses miefige niedersächsische Setting fallen zu lassen.

Dabei landet man in einem Supermarkt in Hannover-Langenhagen, dem Superbuhei, wo Mona, eine solariumgebräunte Sitzschönheit, an der Kasse arbeitet. Bei den meisten Supermärkten findet man hinter den Kassen einen Bäcker. Im Superbuhei ist dort eine Kneipe, die so heißt, wie der wohl bekannteste Sohn der Stadt: Scorpions-Frontmann Klaus Meine. In dem wohl trostlosesten Ort auf Erden sitzen jeden Tag von 8:00 bis 18:00 Uhr ein paar Alkoholiker am Tresen und hören die immer gleichen Scorpions-CDs. Das ‚Klaus Meine‘ gehört Jesse, Monas Freund. Er ist der Sohn eines Elvis Imitators und mit seinem Zwillingsbruder Aaron in Hamburg Rahlstedt aufgewachsen. Nach dem Tod der Eltern fühlte er sich von Aaron bedroht und flüchtete vor dessen Nachstellungen nach Hannover.

Das klingt jetzt nicht besonders spannend, trotzdem hat mich der Roman begeistert. Amtsberg schafft es, trotz des skurrilen Settings, der schrägen Figuren und den Musikbezügen, keinen typischen PopLit-Roman abzuliefern, wie ich es zunächst erwartet hätte. Stattdessen entwickelt sich die Geschichte zu einem bedrückend intensiven Familienpsychogramm.

Da sind zunächst Jesses Eltern, ihre Träume und ihr Scheitern. Das verzweifelte Streben, irgendetwas Besonderes aus dem bisschen Lebenszeit zu machen. Doch es reichte nur für einen Imbisswagen, einen Glitzeranzug und zwei Jungs, die am gleichen Tag geboren wurden, an dem der King of Rock’n’Roll im fernen Memphis tot von der Toilette fiel. Auch der Wunsch des Vaters, der Geist von Elvis und vor allem sein Talent möge in die Rahlstedter Zwillinge fahren, ging nicht in Erfüllung. Stattdessen scheinen sie das Verlierer-Gen der Eltern geerbt zu haben.

Und so sitzt Jesse tagein, tagaus im Klaus Meine hinterm Tresen und blickt seinen volltrunkenen Stammgästen in ihr verlebtes Gesicht. Er weiß genau, sein Leben ist beinahe genauso trostlos wie ihres, aber es ist zumindest sein eigenes Leben. Eines, das er nicht mit seinem Bruder Aaron teilen muss, der ihn im Lauf der Zeit immer mehr kopierte, nachahmte und sich gegenüber Freunden sogar für ihn ausgab. Nach seiner Flucht aus Rahlstedt fühlte sich Jesse zunächst in Sicherheit. Doch er ahnt: Aaron ist ihm auf der Spur, vielleicht hat er ihn bereits gefunden.

Jesses Verfolgungs-Paranoia wächst, wird konkreter, nimmt immer mehr Raum ein. Er trinkt dagegen an, versucht zu verdrängen und auch der Sache nüchtern auf den Grund zu gehen. Aber nichts hilft; ihm fehlen die Beweise. Dennoch ist sich Jesse sicher, dass Aaron in der Nähe ist, vielleicht gerade in diesem Moment mit seiner Freundin Mona schläft, sein Leben Schritt für Schritt übernehmen will. Alles entwickelt sich zu einer am Ende wirklich super spannenden und bemerkenswerten Geschichte. Der relaxte Erzählton und der zurückhaltende, niedersächsische Humor bilden einen interessanten Kontrast zu der sich bedrohlich entwickelnden Szenerie, den tiefschürfenden Tresengedanken und der Tragik gescheiterter Lebensentwürfe.

Gewidmet ist dieser sehr empfehlenswerte Debütroman doch tatsächlich dem kleinen großen Sohn von Hannover-Langenhagen. Klaus Meine ist zwar kein Elvis, hat kaum noch Haare und kann nicht tanzen, doch dafür kann er wunderbar pfeifen. Der Autor tut das zwar nicht, aber wer will, könnte daraus ableiten, dass es oft die kleinen Dinge sind, die Großes bewirken. Wie auch bei diesem Buch: kleiner Verlag, große Entdeckung.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
315 Seiten, 24,00 €

Bloggertalk zu Bodo Kirchhoffs ‚Widerfahrnis‘

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Unter den Buchpreisbloggern wird viel gestritten. Natürlich nur um Literatur. Zu Bodo Kirchhofs neuestem Buch „Widerfahrnis“ habe ich mit meiner Bloggerkollegin Jacqueline (masuko13) zahlreiche Mails ausgetauscht. Beide mögen wir Kirchhoff sehr. Doch während Jacqueline diese Novelle als berührende Ü40 Liebesgeschichte sieht, empfinde ich es als Altherrenprosa. Sie meint, dass Kirchhoff es damit auf die Shortlist schaffen könnte, ich glaube das eher nicht. Aus dem Mailwechsel ist dieser Bloggertalk entstanden. 

Tobias: Das ist jetzt schon der fünfte Roman, den ich von Kirchhoff lese. Und in jedem der Bücher ging es um eine komplizierte Liebe älterer Herrschaften, bei der die Protagonisten regelmäßig im Auto über den Brenner nach Italien fahren, sich in irgendeinem romantischen Hotel lieben und anschließend entweder zusammenkommen oder wieder auseinandergehen. Das ist so ein typisches Kirchhoff-Schema. Fast würde ich sagen, er schreibt seit Jahren nur Variationen des immer gleichen Romans.

Jacqueline: Das kann ich nicht bestätigen, da ich bis auf „Die Liebe in groben Zügen“ nichts kenne von ihm. Aber wenn das so ist, dann mag ich sein Thema in allen möglichen Variationen wirklich sehr.

Tobias: Ich mag das ja eigentlich auch. Finde es gut, wenn sich Autoren treu bleiben und nicht meinen, sich ständig neu erfinden zu müssen. Aber Kirchhoff könnte für meinen Geschmack jetzt mal was Neues bringen. Überhaupt finde ich „Widerfahrnis“, wie ich schon in meiner Rezension geschrieben habe, insgesamt ein wenig altmodisch. Das ist fast schon Altherrenprosa. Was sagst du als Frau dazu?

Jacqueline: Sehe ich gar nicht so. Unter „Altherren-Roman“ verstehe ich eher die übertriebenen Phantasien älterer Autoren – alter Mann liebt junge Frau und umgekehrt. Kirchhoff erzählt eine Liebesgeschichte zweier Menschen jenseits der 50. Weder ist Reither uralt, noch Leonie Palm sehr jung. Ich konnte mich gut in der Figur der Leonie wiederfinden, mochte aber auch Reither sehr. Ein ewig jung Gebliebener. Mit seiner ollen Lederjacke beispielsweise, die er schon getragen hat, als es noch kein Internet gab. Und es gehört doch auch jede Menge Spontanität und Mut dazu, einfach Richtung Italien loszufahren. Alles hinter sich zu lassen! Für mich ist das endlich mal wieder eine Liebesgeschichte für Leser jenseits der 20 oder 30 Jahre. Er beschreibt Gefühle und Menschen wie kein anderer.

Tobias: Ja, Kirchhoff ist und bleibt ein großer Meister in der Darstellung des Zwischenmenschlichen, das macht er gut, facettenreich und voller Empathie. Aber trotzdem, jemand der immer noch seine olle Lederjacke aus den Achtzigern trägt und sich damit ewig jung geblieben fühlt, ist meist das genaue Gegenteil davon. In meinen Augen gibt es nichts, was einen älter macht, als solch verstaubte Relikte. Aber das ist Ansichtssache. 

Ich glaube ja, dass all das Unzeitgemäße in diesem Roman – das Kettenrauchen, die Musikkasetten, Bücher, Hüte, Lederjacken – ganz bewusst zusammengetragen wurden, weil sie für den Abschied der Generation Kirchhoff stehen. Für mich schwingt da jede Menge Wehmut mit, das ist ok, aber so entsteht nun mal der Eindruck von Altherrenprosa. Auch sprachlich ist der Roman ein wenig aus der Zeit gefallen. Ich finde den Erzählstil ein wenig zu aufgesetzt und gekünstelt.

Jacqueline: Kirchhoff hat einen besonderen Erzählton, den man so schnell nicht wiederfindet. Gekünstelt finde ich ihn nicht. Ich mag diesen Ton. Als du noch am Anfang des Romans warst, meintest du bereits, er sei dir zu virtuos. Aber ist nicht genau das Virtuose das, was einen Kirchhoff auszeichnet? Wie geht es dir denn mit dem Titel? Widerfahrnis ist ja ein Wort, dass im Duden gar nicht existiert.

Tobias: Ich mag Kirchhoffs virtuosen Erzählstil eigentlich sehr. Aber in diesem Buch hat er es für meinen Geschmack übertrieben, eine Schleife, eine Girlande zu viel gezogen. Das wirkt auf mich zu gewollt, zu virtuos, zu konstruiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass junge Leser etwas mit Bodo Kirchhoff anfangen können, alleine schon aufgrund des altmodischen Begriffs Widerfahrnis. Was für Leute fragen denn nach Bodo Kirchhoff-Büchern bei Dussmann?

Jacqueline: Interessante Frage! Leser, die sich für Kirchhoff interessieren, sind wohl eher aus der Gruppe 40+. Kirchhoff-Leser sind außerdem anspruchsvoll und intellektuell. Ich empfehle immer gern „Die Liebe in groben Zügen“, wenn ein inhaltlich und sprachlich guter Liebesroman für nicht mehr ganz junge Leser gesucht wird. Ich denke, dass sich junge Leser mehr für Bücher interessieren, die sie direkt etwas angehen. Beispielsweise die Romane von Benedict Wells.

Tobias: Jetzt hat Kirchhoff in diesem Buch ein brandaktuelles Thema eingebaut. Findest du die Flüchtlingsthematik schlüssig und passend oder aufgesetzt?

Jacqueline: Aufgesetzt finde ich sie nicht. Mich hat sie aber tatsächlich ein wenig überrascht. Anfangs sind es ja nur dunkle Schemen am Rande. Dann werden daraus reale Figuren, welche Reither und Leonie in die Realität zurück katapultieren. Nein, ich finde, das passt ganz gut. Vielleicht kann man heute nicht mehr einfach losfahren, ohne mit solchen Schicksalen konfrontiert zu werden. Und deshalb gehören sie auch in die Welt der Literatur und der Liebesgeschichten.

Was mich beim Lesen leider gestört hat, war, dass er den Figuren der Geschichte manchmal so seltsame Bezeichnungen gibt. Also, wenn dann aus Leonie Palm die Beifahrerin und aus dem Flüchtlingsmädchen die Stumme mit Hut wird. Oder Taylor, der Mann aus Nigeria, ist plötzlich der angelernte Beifahrer. Das fand ich dann doch ein wenig gekünstelt. Hat dich das auch gestört?

Tobias: Nein, das hat mich eigentlich nicht gestört. Trotzdem, mein Urteil steht. Ich finde, das hier ist nicht Kirchhoffs bestes Werk. Wenn er für sein Meisterwerk „Liebe in groben Zügen“ schon den Buchpreis nicht bekommen hat, dann sollte er es mit „Widerfahrnis“ auch nicht schaffen. Zumal ich jetzt schon Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ eindeutig stärker finde. Glaubst du, dass Kirchhoff Chancen auf die Shortlist oder sogar den Buchpreis hat?

Jacqueline: Um darauf zu antworten, muss ich wirklich noch ein paar mehr Bücher der Nominierten lesen. Mir gefiel bisher „Fremde Seele, dunkler Wald“ von Kaiser-Mühlecker sehr gut. Ich bin wahnsinnig gespannt auf Falkners „Apollokalypse“, auf Winklers „Hool“ auf Goma, Lewitscharoff, … auf Melle auch! Ja, aber auf die Shortlist könnte es „Widerfahrnis“ schaffen, das ist durchaus realistisch. Was denkst du?

Tobias: Obwohl ich ein großer Bodo Kirchhoff-Fan bin – ich glaube die Shortlist wird er mit diesem Werk nicht schaffen. Aber der Deutsche Buchpreis ist ja bekanntermaßen unberechenbar.

 

Hier der Link zu Jacquelines Rezension auf Ihrem Literaturblag masuko13. Auch Buchpreisblogger Gérard hat Widerfahrnis gelesen und auf seinem Blog besprochen.

 

 

 

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis

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Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis. 

Zunächst einmal sei hier betont: Ich bin der ultimative Bodo Kirchhoff-Fan. Das bedeutet,  wenn ich im Folgenden an seinem neuen Buch Widerfahrnis – das übrigens auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht – wenn ich also daran etwas kritisieren werde, was ich in der Tat zu tun gedenke, dann heißt das nicht, dass ich den Autor an sich und sein aktuelles Werk ablehne – ganz und gar nicht, nichts liegt mir ferner, im Gegenteil, ich bewundere ihn – es geht mir immer nur um Details, Kleinigkeiten, die vielleicht nur mir aufgefallen sind, die möglicherweise auch gar keinen stören – nur mich, seinen vielleicht größten Fan, der als solcher natürlich eine viel höhere Erwartungshaltung hat und einen Text von Bodo Kirchhoff ganz anders rezipiert, als ein ihm neutral gegenüberstehender Leser. Daher sei es mir gestattet zu sagen, dass mir in seinem jüngsten Werk die Sätze einfach zu lang sind.

Nicht dass er jemals kurze Sätze schreiben würde, nein der typische Kirchhoff-Stil verlangt nach langen, kunstvoll konstruierten und verschachtelten Sätzen. Aber diesmal hat er es für meinen Geschmack etwas übertrieben. Regelrechte Satzungetüme hat er da aufgebaut, die sich über halbe, fast schon ganze Seiten ziehen und nur mittels einer ganzen Batterie an Kommata, Gedankenstrichen, Doppelpunkten und hier und da sogar einem Semikolon mühevoll strukturiert und in Schach gehalten werden. Das, und so viel Kritik muss erlaubt sein, ist mir persönlich ein wenig zu viel des Guten. Mir fällt da der Vergleich zu der Schraube ein, die noch fester als fest zugedreht, plötzlich wieder locker wird.

Andere scheinen sich nicht daran zu stören, ganz im Gegenteil. So wird auf dem Backcover von Widerfahrnis aus der FAZ zitiert: “ Bodo Kirchhoff ist auf der Höhe seiner Kunst angekommen, ein souveräner Meister in der Beherrschung seiner Mittel. Virtuos!“ Ja, mag sein, aber Kunst läuft schnell Gefahr, wenn sie zu perfekt und geschliffen wirkt, als langweilig empfunden zu werden, oder aber anstrengend, zu gewollt, irgendwie uncool und sogar – Achtung Dolchstoß – als altmodisch.

Nun ist es raus. Ja – altmodisch, so kommt es mir vor, beinahe hätte ich sogar Altherrenprosa gesagt. Es tut mir leid, aber es ist so einiges irgendwie aus der Zeit gefallen in und an diesem Buch. Nicht nur die verklausulierte und manchmal etwas gestelzt wirkende Sprache; altmodisch ist auch der Begriff „Novelle“ und der Titel „Widerfahrnis“. Ich meine, wer außer vielleicht Martin Walser kennt und gebraucht noch dieses Wort, und wer bitteschön geht in den Buchladen und fragt nach einer schönen Novelle statt nach einem spannenden Roman? Altmodisch sind auch die Protagonisten, wie der ehemalige Verleger Reither, der seinen kleinen Indie-Verlag mit angeschlossener Buchhandlung verkauft hat, als er festgestellt hat, dass es mehr Menschen gibt, die schreiben, als Menschen, die lesen (meine Rede!). Wozu dann noch weiter Bücher verlegen – für wen? Auch wenn das keiner gerne hört – am wenigsten ich – Bücher sind leider auch altmodisch. Genauso wie Hüte. Die zweite Hauptfigur dieser „Novelle“, Leonie Palm, hatte einen Hutladen, der natürlich irgendwann Pleite gegangen ist, weil keiner mehr außer zu Karneval Hüte trägt.

Reither und Leonie Palm kommen sich näher, beginnen eine zarte Liebelei, die erst nach Tagen, achthundert Kilometern Autofahrt, mehren Flaschen Rotwein und zehn Schachteln Zigaretten im Bett landet. Es ist beinahe rührend zu sehen, wie die beiden erfahrenen Herrschaften wie zwei Teenager umeinander herum scharwenzeln, hier mal Händchen halten, da mal einen Nacken kraulen, aber nie zur Sache kommen, die magische Grenze nie überschreiten. Auch das, so meine Einschätzung, geht heutzutage irgendwie flotter.

Es hat etwas gedauert, bis ich darauf gekommen bin, dass das ganze Altmodische, das „Aus-der-Zeit-gefallen-sein“ zum Programm dieses literarischen Roadmovies gehört. Es ist sozusagen das Thema, darum geht es in „Widerfahrnis“. Deswegen wird geraucht, als wenn Zigaretten immer noch vier D-Mark kosten würden, deswegen trägt der Verleger seine alte Lederjacke aus den Achtzigern und hört die Hutmacherin in ihrem alten 3er-Cabrio Musikkassetten von Paul Anka. Das sind alles Allegorien oder meinetwegen Metaphern, jedenfalls Zeichen, die nicht zufällig in die Geschichte eingebaut wurden.

Reither und Palm fahren von Bayern nach Sizilien, von Nord- nach Südeuropa. Im Auto ist zusammen mit beiden die alte Zeit gefangen – Bücher, Hüte, Zigaretten und Paul Anka. Draußen ist die neue Zeit, Flüchtlinge, die in die entgegensetzte Richtung streben, von Süd- nach Nordeuropa. Reither und Palm sehen sie auf Bahnhöfen und hier und da an diversen Stellen. Sie stehen für Veränderung, für eine neue Zeit, in der mehr Bücher geschrieben und weniger gelesen werden, in der keine Hüte getragen werden und auch keiner mehr im Auto ein Kassettenlaufwerk hat, um Paul Anka-Kassetten zu hören.

Als Mann, der auch nicht mehr blutjung ist, glaube ich zu verstehen, was Bodo Kirchhoff damit sagen will. Die Nachkriegs-Generation ist am Ende. All die alten Ideale, Rituale und Alltäglichkeiten haben ihre Bedeutung, ihren Sinn und Zweck verloren, wirken altmodisch und antiquiert. Genau wie eine übertrieben kunstfertige Sprache. Jetzt kommt etwas Neues auf uns zu, von Süden nach Norden, mit neuen Ansichten und Werten. Wir werden uns darauf einlassen müssen, uns wird nichts anderes übrig bleiben. Denn man kann die Zeit nicht zurückdrehen, sondern nur für ein paar Stunden mal anhalten und sich aus ihr fallen lassen, um Paul Anka zu hören, Bodo Kirchhoff zu lesen und einfach mal unbeschwert altmodisch zu sein.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
224 Seiten, 21,00 €

 

Ulla und die endlose Stadt

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Vor einigen Wochen habe ich mich in Düsseldorf mit der Schriftstellerin Ulla Lenze zum Interview getroffen. Sie wurde 1973 am Niederrhein in Mönchengladbach geboren, hat in Köln Philosophie und Musik auf Lehramt studiert, aber nie als Lehrerin gearbeitet. Vier Romane hat Ulla Lenze bisher veröffentlicht. Der erste Roman „Schwester und Bruder“ erschien 2003 und wurde gleich mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Jürgen-Ponto-Preis für das Romandebüt des Jahres. Danach kam 2008 der Roman Archanu, im Jahr 2012 folgte „Der kleine Rest des Todes“ und im Februar 2015 erschien der aktuelle Roman „Die endlose Stadt“.

Buchrevier: Welches Buch ist Dein bisher erfolgreichstes? Welches ist dein persönlicher Liebling?

Ulla Lenze: Wenn man da jetzt ganz äußerlich herangehen würden, dann ist das der Debütroman. Er hat drei Literaturpreise erhalten. Wenn ich jetzt anders herangehe und schaue, welches Buch die interessantesten Kritiken bekommen hat, dann ist es „Der kleine Rest des Todes“. Dieses Buch hat sehr viele und gute Besprechungen bekommen. Und auch das neue Buch „Die endlose Stadt“ hat Kritiken bekommen, aus denen ich teilweise viel lerne. Die Frage nach dem liebsten Buch ist schwierig zu beantworten. Man hängt an jedem Buch auf seine Weise. Was man zuletzt geschrieben hat, ist aber meistens das, was einem am Nächsten steht.

Buchrevier: Du gibst ja momentan viele Interviews, denn „Die endlose Stadt“ ist ja noch ganz frisch auf dem Markt. Hast Du Killerfragen? Das heißt Fragen, die Dir zum Hals raushängen, die Du nicht mehr hören willst, hören kannst?

Ja, die gibt es. Ich muss aber sagen, dass es wichtig ist, trotzdem gute Antworten zu geben, auch auf Killerfragen. Und oft sind diese Fragen auch ganz unschuldig gestellt, mit dem Wunsch, mehr zu erfahren vom Autor. Und auch grad die typische Frage nach dem Autobiografischen, die kommt ja eigentlich immer und bei jedem Autor. Dahinter steckt so ein Verlangen nach Authentizität. Das heißt, man möchte sich in Sicherheit wiegen, will dass der Autor das alles auch wirklich kennt und erlebt hat und einem nichts vom Pferd erzählt.

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Buchrevier: Ich versuche mal, eine Killerfrage zu stellen. Du hattest Stipendienaufenthalte in Istanbul und in Mumbai. Und just an diesen beiden Orten spielt die Handlung deines aktuellen Romans „Die endlose Stadt“. In diesem Zusammenhang fällt dann schon mal der Begriff ‚Stipendiatenprosa’. Ärgert dich das?

Wenn Du mir erklären kannst, was ‚Stipendiatenprosa’ ist?

Buchrevier: Ich dachte, Du kannst mir das erklären.

Nein, ich Rätsel ja schon ganz lange, was das sein soll. Dazu ist ja auch eine kleine Debatte entstanden, weil das eigentlich niemand weiß. Und das ist ein typisches Beispiel dafür, wie Kritiker einfach ein Wort nehmen und so tun, als würde es irgendetwas bedeuten. Aber es bedeutet rein gar nichts. Also der Hintergrund ist der, dass mal als Autor zu einem Aufenthaltsstipendium eingeladen wird und dort schreiben kann, was man will. Man hat keine Auflagen, man muss am Ende nicht irgendetwas abgeben. Natürlich freuen die sich, wenn man tatsächlich auch etwas schreibt. Also, man bekommt zwar den Aufenthalt bezahlt, aber man ist absolut frei. Insofern verstehe ich nicht, was Stipendiatenprosa bedeuten soll.

Buchrevier: Also ich verstehe darunter Folgendes: Man liest im Klappentext, dass Du Stipendien in Istanbul und in Mumbai hattest und stellt dann fest, dass die Handlung des Romans just dort spielt. Dann denkt man sich: wenn das nächste Stipendium vom Ruhrgebiet oder der Bodenseeregion kommt – spielt dann der nächste Roman auch dort?

Aber die Reihenfolge ist ja umgekehrt. Ich bewerbe mich ja auf einen Ort, der mich interessiert, das ist die Reihenfolge. Ich bewerbe mich, weil ich über Istanbul etwas machen will, für ein Istanbul-Stipendium und fahre dort hin.

Buchrevier: Ach, Du hast Dich darum offiziell beworben?

Ja, natürlich, und genauso war es auch mit Mumbai. Und dazu muss ich sagen: ich habe gerade mit Indien so eine lange Geschichte, die ist jetzt schon 27 Jahre alt. Ich würde auch nicht zwangsläufig über Orte schreiben, von denen ich keine Ahnung habe. Ich war zum Beispiel letztes Jahr in Venedig. Zwei Monate mit einem Aufenthaltsstipendium und werde mich hüten, über Venedig etwas zu schreiben, weil ich keine Ahnung von Venedig hab. Auch nach zwei Monaten nicht. Insofern verstehe ich diese Argumentation kein bisschen.

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Buchrevier: Aber es geht ja im Grunde genommen auch in der endlosen Stadt um das Thema Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst. Das ist ja auch ein Thema von Holle und Theresa, den beiden Protagonisten in dem aktuellen Roman. So ein bisschen sieht das so aus, als wenn das aktuell so Deine Themenschublade als Autorin ist. Fühlst Du Dich da wohl?

Ich bediene ja keine Schubladen. In meinem Schreiben versuche ich andauernd Schubladen aufzubrechen und Kontexte herzustellen zwischen Themen, die so noch nicht unbedingt vorliegen. Ich vergleiche die prekarisierte Situation einer Berliner Künstlerin auf indirekte Art mit Menschen in schrecklicher Armut in Indien. Das stelle ich einfach kontrastierend nebeneinander. Das ist ein Beispiel für Zusammenhänge und insofern verweigere ich das Schubladendenken. Das ist meine allerhöchste Aufgabe als Autorin.

Buchrevier: Bist Du ein politischer Mensch und insofern auch ein politischer Autor?

Das aktuelle Buch wurde mehrere Male von Rezensenten als politisches Buch beschrieben. Das fand ich gut. Ich selbst hätte das nicht in Anspruch genommen, aber es sind politische Themen, es geht um diese Zusammenhänge zwischen Metropolen, zwischen den Ländern und den Menschen.

Buchrevier: Fändest Du es wichtig, dass Autoren als geistig/moralische Instanz wieder mehr Gehör in Deutschland bekommen? Günter Grass, der letzte Vertreter der politisch engagierten Schriftsteller ist ja jetzt nicht mehr da. Wer könnte in seine Fußstapfen treten? Hättest Du da Ambitionen?

Nein, ich sehe mich da nicht. Heute tun es ja einige Autoren. Mir fällt da als erste Juli Zeh ein, vielleicht noch Ilija Trojanow. Die Grass-Generation ist aber eine ganz andere Generation gewesen. Wie ich gerade sagte, mich interessiert einfach die Kunst, als eine Möglichkeit Menschen zu erreichen. Da fühle ich mich mehr Zuhause, da sehe ich auch meine Stärken.

Buchrevier: Was hältst Du von Literaturblogs? Welche Rolle spielen sie in deinen Augen bei der Literaturvermittlung – auch in Abgrenzung zum klassischen Feuilleton?

Was mir sehr an den Literaturblogs gefällt, ist, dass die Hierarchien dadurch aufgeweicht werden. Da findet eine Dezentralisierung statt, so dass das Hoch-Feuilleton nicht mehr die einzige Instanz ist und somit ein bisschen mehr Demokratie in die ganze Sache reinkommt – das finde ich sehr, sehr positiv. Und es gibt ja wirklich ausgezeichnete Literaturblogs, die auf einem sehr hohen Level operieren, sich sehr tief auseinandersetzen mit Literatur und teilweise auch nicht hinter dem Feuilleton zurückstehen. Ich finde das positiv, aber natürlich gibt es auch Gegenbeispiele, wo es dann schwächer wird, wo es nur um Meinung und Kaufempfehlung geht und nicht mehr richtig begründet wird – aber solche Ausreißer gibt es ja auch im Feuilleton

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Buchrevier: Im Moment ist ja die endlose Stadt noch relativ neu. Aber spätestens in ein /zwei Monaten spricht kein Mensch mehr von dem Buch, es sei denn Du gewinnst damit den Buchpreis. Ist das nicht unglaublich frustrierend, dass man als Autor nur so knapp ein Vierteljahr mit einem neuen Buch Aufmerksamkeit hat und dann wieder in der medialen Versenkung verschwindet bis man wieder etwas Neues vorgelegt hat?

Nein, das finde ich gar nicht schlimm. Ich freue mich schon darauf, wenn es mal wieder ruhig wird. Es war jetzt so viel los und es ist auch unglaublich stressig, wenn jeden Tag irgendwo etwas über einen erscheint und man das natürlich mitverfolgt. Das ist eine aufregende Zeit, aber ich bin froh, wenn es wieder ruhiger wird. Denn man kommt in der Zeit überhaupt nicht zum Schreiben.

Buchrevier: Das Leben als Autorin – ist es so, wie Du es Dir vorgestellt hast? Oder wärst du doch lieber Lehrerin geworden?

Nein, das ist ein großartiger Beruf. Ich bin sehr, sehr begeistert. Man kommt in so viele verschiedene Zusammenhänge hinein, zum Beispiel dass man mit dem Außenminister nach Delhi reist. Oder vorgestern war ich im Gefängnis und habe Jugendliche in kreativem Schreiben unterrichtet. Das sind Einblicke in Lebensbereiche, die man mit anderen Berufen so nicht hat.

Buchrevier: Die nächste Reise führt dich (wieder auf Einladung) für ein paar Wochen nach Indonesien. Jetzt wieder eine Killerfrage: Kann es sein, dass dann auch der nächste Roman in Indonesien spielt?

Nein, überhaupt nicht. Weil ich ganz andere Pläne habe, die ich aber jetzt nicht verraten möchte.

Buchrevier: Vielen Dank und viel Spaß in Indonesien und viel Erfolg bei den nächsten Projekten.

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Bildschirmfoto 2015-08-05 um 11.19.07 Das Interview gibt es auch in ungekürzter Form als Audio-Podcast. 

Ruth Cerha – Bora. Eine Geschichte vom Wind

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Auf nichts kann man sich noch verlassen. Noch nicht einmal mehr auf schlechte Buchcover. Früher steckte in trivialer Aufmachung auch meistens ebensolcher Inhalt, heutzutage verstecken sich im seichten Gewand auch schon mal echte literarische Perlen. Bestes Beispiel – Bora von Ruth Cerha, erstklassige Literatur in trivialer Aufmachung.

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Ich muss das jetzt erstmal loswerden, bevor ich diesen wunderbaren Roman gebührend lobe. Denn ich frage mich, warum macht der Verlag das? So ein Cover für so ein Buch? Weil es sich besser verkauft? Literarisches Downshifting für den größeren Umsatz? Bei mir hätte diese Strategie jedenfalls ihr Ziel verfehlt. Denn unter gar keinen Umständen hätte ich ein Buch mit diesem Cover jemals in die Hand genommen, wenn es nicht von der Frankfurter Verlagsanstalt wäre. Natürlich ist Covergestaltung immer auch Geschmackssache – aber Typo, Grafik und Farbigkeit zielen bei diesem Werk ganz klar auf seichte Unterhaltungsliteratur. Und nicht nur das – auch der Untertitel geht in meinen Augen gar nicht. Seit M.M. Kayes „Palast der Winde“ und Zafons großem Barcelona-Bestseller verbietet es sich für anspruchsvolle Belletristik, den Begriff „Wind“ im Titel zu führen.

Egal – das sind alles zwar wichtige Punkte, aber dennoch nur Äußerlichkeiten. Kommen wir zum Wesentlichen, dem Inhalt. Und hier punktet Ruth Cerha auf ganzer Linie. Bora ist keine Geschichte vom Wind, sondern eine der besten Liebesgeschichten, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Das kann zwar rein thematisch auch trivial sein, ist es aber nicht. Denn jede Liebe steht und fällt mit ihren Protagonisten. Und die sind in Ruth Cerhas Roman wunderbar tiefgründig, vielschichtig, authentisch und sympathisch. Es kommt nicht oft vor, aber manchmal begegnen mir beim Lesen Figuren, die mir in nahezu allen Punkten sympathisch sind. Menschen, mit denen ich gerne befreundet wäre. Mara und Andrej, das Liebespaar aus Bora, sind solche Menschen.

Mara kommt aus Österreich, ist Ende Dreißig und Schriftstellerin. Seit Jahren schon verbringt sie Ihre Sommer auf einer kleinen kroatischen Adriainsel. Andrej ist US-Amerikaner mit kroatischen Wurzeln, Fotograf, mal hier und mal da auf der Welt beschäftigt und immer mal wieder auch auf besagter Insel. Die beiden sind wie für einander gemacht. Ich bin ja kein großer Romantiker, aber hier habe ich mir zum ersten Mal ein richtiges Happy End gewünscht. Ich wollte, dass das klappt mit den beiden. Weil sie mir als Typen, als Menschen gut gefallen haben. Ganz besonders Mara. Alles, was sie über ihr Schreiben, ihren Alltag, die Liebe, ihr bisheriges Leben äußert, kann ich nachvollziehen, ist in Ansätzen auch meine Meinung. Hundert Prozent Sympathie – inklusive Musikgeschmack.

Das ist es, was ich generell beim Lesen so schätze. Man schließt Freundschaft mit Menschen, die man mag und interessant findet. Man kann sie ein Stück des Weges begleiten, ihnen zuhören, mitlachen, mitleiden, Verständnis zeigen. Sie verlangen nichts als Gegenleistung und am Ende verabschiedet man sich, stellt das Buch ins Regal und wartet auf den nächsten Roman dieses Autors. Denn eigentlich ist es ja der Autor, die Autorin, die man sympathisch findet.

Und was ich an Ruth Cerha besonders sympathisch finde, ist ihr Erzählstil. Eine virtuose Leichtigkeit bei gleichzeitig großer Sprachgewalt, mit der sie wunderbare Bilder projiziert. Das zeigt sich in Passagen wie dieser hier:

„Andrej wuchs in mein Inselleben hinein wie eine Schraube, die sich in ein Gewinde dreht. …Normalerweise brachten Männer alles durcheinander, sobald sie in mein Leben traten. Immer zogen sie Bausteine von ganz unten aus meinem Gebäude und setzen sie ganz obendrauf, wo sie mir die Sicht auf die Welt verstellten, während ich damit beschäftigt war, das Ding stabil zu halten, trotz der plötzlichen Lücken im Fundament. Andrej ließ alles, wo es war, und setzte seine Steine dahin wo Platz war.“

Und jetzt sage mal einer, dass er sich etwas anderes unter einer perfekten Beziehung vorstellt. Nein, es passt schon, wie der Österreicher sagt. Mara und Andrej haben meinen Segen. So sollte Liebe sein. Und wer noch ein wenig mehr braucht, als nur eine Liebesgeschichte, kommt bei Bora auch auf seine Kosten. Denn wer kennt schon die durchaus interessante Geschichte der kroatischen Auswanderer, die während der Tito-Aera das Land auf Ruderbooten Richtung Italien verließen und sich anschließend in den USA ansiedelten? Oder auch die Daseinsberechtigungsprobleme, die ein Autor hat, der einen ganzen Sommer auf einer Mittelmeerinsel verbringt, um zu schreiben, dann aber blockiert und keinen einzigen Buchstaben zu Papier bringt. Auch das alles erzählt und schildert Ruth Cerha dem Leser empathisch, leicht und spannend.

Und natürlich ist da auch noch der Wind, die Bora, die kalt und stürmisch aus den Bergen kommt und die Insel für Tage lahmlegt. Sie darf nicht fehlen in diesem Sommer, Mara und Andrejs Sommer. Aber das macht aus diesem grandiosen Liebesroman noch lange keine „Geschichte vom Wind“.

Titelfoto: Gabriele Luger

Die Gedanken sind frei

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Ulla Lenze – Die endlose Stadt.

Um mal mit einem Kritikpunkt anzufangen: Ich lese im Klappentext, dass die Autorin zwei gesponserte Auslandsaufenthalte hatte, einen in Istanbul und einen in Mumbai. Und genau in diesen beiden Metropolen spielt zufälligerweise auch die Handlung dieses Romans. Natürlich könnte ich denken, dass sie die Orte, über die sie schreibt, dann wohl gut kennt. Denke ich auch. Ich denke aber auch, dass mir das ein wenig zu zwangsläufig ist. Stand das so im Vertrag? Oder ist das ein kleines Dankeschön an die Sponsoren? Und wohin wird sie als nächstes eingeladen? Nach Wanne-Eickel oder Duisburg? Und wird dann der nächste Roman von Ulla Lenze vielleicht ein Ruhrgebietsroman?

Doch jetzt höre ich mich schon an wie ein prinzipienreitender Weltverbesserer. Das bin ich überhaupt nicht und eigentlich stört mich auch gar nicht, dass Ulla Lenze über Orte schreibt, die sie gut kennt – woher und aus welchem Grund auch immer. Und wenn so ein Auslands-Stipendium dafür sorgt, dass die guten jungen Autoren mal aus Berlin rauskommen und damit auch Berlin aus ihren Köpfen und Geschichten, dann hat sich die Investition doch schon gelohnt.

Aber warum gehe ich überhaupt darauf ein? Weil genau das eines der zentralen Themen dieses Romans ist. Die künstlerische Abhängigkeit von Auftraggebern, Kunden und Sponsoren. Das ist es, was beide Protagonistinnen dieses Romans umtreibt. Als da wären: die Malerin Holle und die Journalistin Theresa. Holle lernt während eines Istanbul-Stipendiums den Topmanager und Kunstsammler Wanka kennen, der ihr ein paar Bilder abkauft und die Möglichkeit verschafft, in Mumbai auf Kosten seiner Firma und mit einem kleinen Taschengeld ausgestattet zu malen. Holle ist hin und her gerissen, fühlt sich gleichzeitig angezogen und abgestoßen von ihrem Mäzen. Sie ist verwirrt und weiß sich nicht zu verhalten. Was erwartet er von ihr? Interessiert Wanka sich nur für ihre Kunst? Oder begehrt er sie auch als Frau? Und was will sie selber? Als Frau an seiner Seite wäre sie mit einem Schlag alle existenziellen Sorgen los. Sie könnte sich ganz ihrer Kunst widmen. Doch stattdessen flüchtet sie in die Arme des schönen, aber einfach gestrickten Celal, einen Dönerbuden-Besitzer aus Istanbul.

Während Holle sich vor Wanka in Istanbul versteckt, zieht Theresa als Untermieterin in ihre Wohnung in Mumbai ein. Auch sie befindet sich als Journalistin im ewigen Dilemma der Auftragsabhängigkeit. Ihre Kunden wollen genau die Bilder und Geschichten, für die sie gebucht wurde. Wenn sie diese Erwartungen nicht erfüllt, dann ist sie raus.

Soweit in groben Zügen die Rahmenhandlung. Im Klappentext hat der Berliner Autor David Wagner sehr treffend die Lesestimmung auf den Punkt gebracht: „Ulla Lenze schreibt eine tolle empfindungsintensive, pathosfreie Prosa… echt und wahr und ehrlich.“ Genauso habe ich die Lektüre auch empfunden. Als Leser begleiten wir leichten Schrittes die beiden Heldinnen durch Istanbul und Mumbai. Es macht einfach Spaß diesen Roman zu lesen, denn nichts wirkt gekünstelt und aufgesetzt. Ulla Lenze kennt sich aus – in Instanbul und Mumbai und scheinbar auch mit den Problemen ihrer beiden Protagonistinnen.

Ich stelle mir vor, wie Ulla Lenze in ihrer vom Goethe-Institut gestellten Autorenwohnung in Mumbai saß und darüber nachdachte, was man wohl von ihr erwartete. „Lassen Sie sich inspirieren, schreiben sie.“ Aber worüber schreiben? Ist sie wirklich vollkommen frei? Es gibt keine Auflagen, aber vielleicht doch geheime Erwartungen – unausgesprochen und unterschwellig. Kann man einfach so in Mumbai am PC sitzen und den zweitausendsten Berlin-Roman schreiben? Könnte man natürlich, aber dann ist es halt fad, beliebig, die Inspiration verpufft.

Wie wäre es denn mit einer Geschichte, die in Istanbul, Mumbai und Berlin spielt und der Frage nachgeht, welche Lieder man singen sollte, wenn man nicht sein eigenes Brot isst? Perfekt!

… dann gefällt Ihnen auch Julia Wolf

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Ich traf die Autorin von „Alles ist jetzt“ auf der Leipziger Buchmesse und habe ihr ein paar Fragen gestellt.

Buchrevier: Wenn Sie Ihren Roman mit einem Satz zusammenfassen müssten, könnten sie das? Worum geht es in ‚Alles ist jetzt’?

Julia Wolf: Mein Verlag hat den perfekten Satz gefunden, der es ziemlich gut trifft: In der Programmvorschau heißt es: Das Buch erzählt die Geschichte einer Frau, die sich ihren Dämonen stellt.

Buchrevier: Das erinnert mich an einen Roman, den ich erst kürzlich gelesen habe. In Simone Lapperts Buch Wurfschatten kämpft eine junge Frau gegen ihre Phobien. Geht es bei Ihrer Protagonistin Ingrid auch um Ängste und Phobien, oder was für Dämonen sind das?

Julia Wolf: Die Dämonen sind zum einen die Dämonen der Vergangenheit, resultieren aus einer traumatischen Familiengeschichte, mit viel Krankheit und Destruktion. Ingrids größter Dämon ist die Tatsache, dass sie glaubt, die Welt habe nichts mit ihr zu tun. Sie fühlt sich unsichtbar in der Welt. Das ist ihre Haltung und da wieder herauszukommen, ist der größte Dämon, dem sie begegnen muss.

Buchrevier: Wie viel hat denn die Protagonistin mit Ihnen zu tun?

Julia Wolf: Sie hat insofern etwas mit mir zu tun, als dass, was in der Geschichte verhandelt wird, mit mir zu tun hat. Aber sie ist tatsächlich eine Kunstfigur – es ist kein autobiografischer Roman. Die Schauplätze des Romans, die Städte in der Provinz, Frankfurt und Berlin sind schon Schauplätze meiner Biografie, aber das Geschehen und die Figuren sind rein fiktiv.

Buchrevier: Sie wohnen in Berlin. Wie wichtig ist diese Stadt für Ihr kreatives Schaffen?

Julia Wolf: Berlin ist insofern wichtig, als ich es dort geschafft habe, neben meiner freien Arbeit zum Broterwerb immer wieder auch Platz zu haben für das Schreiben. Und natürlich ist die Verknüpfung mit anderen Schreibenden und Institutionen, die es in Berlin gibt, sehr hilfreich und sehr wichtig für meine persönliche Entwicklung.

Buchrevier: Sie sind ja als freie Autorin auf vielen Feldern unterwegs. Gehört so ein erzählerisches Werk noch ins Autorenportfolio oder, welche Intention hatten Sie, diesen Roman zu schreiben?

Julia Wolf: Es ist nicht so, dass ich neben all den Arbeiten als freie Autorin unbedingt auch noch einen Roman schreiben wollte. Die Prosa stand am Anfang. Die anderen Projekte, wie Radiohörspiele, Theaterstücke und jetzt auch ein Filmprojekt, kamen dann noch dazu. Aber Prosa war für mich immer mein wichtigstes Anliegen, dafür schlägt mein Herz. Das ist der Kern dessen, was ich mache und was mich am meisten interessiert. Und was die Intention, so ein Buch zu schreiben anbetrifft: die Figuren sind da, die Geschichte, und dann will man selber herausfinden, was da passiert. Ich kann nicht sagen, ich habe das geschrieben, weil ich etwas ganz Bestimmtes zeigen wollte, sondern es war mehr so ein Prozess des Erkundens und Herausfindens. Das hat mir einfach Freude bereitet, auch wenn viele Leute sagen, dass es relativ finster geworden ist.

Buchrevier: „Alles ist Jetzt“ ist ja ihr Debüt. Sie haben mit der Frankfurter Verlagsanstalt einen tollen Verlag gefunden und erste positive Kritiken bekommen. Das ist ja schon ein toller Erfolg. Was würden Sie sich für dieses Buch noch wünschen? Dass es einen Literaturpreis gewinnt, verfilmt wird, vielleicht sogar ein Bestseller wird?

Julia Wolf: Ich bin mir ganz sicher, dass es kein Bestseller wird. Und das ist auch in Ordnung, weil es einfach nicht der Stoff für einen Bestseller ist. Ich würde mir aber schon wünschen, dass möglichst viele Menschen dieses Buch lesen, weil es ein langer Entstehungsprozess war und ich da auch sehr viel von mir reingesteckt habe. Wenn ein Preis helfen könnte, dass viele Leser auf dieses Buch aufmerksam werden, warum nicht?

Buchrevier: Haben Sie denn eine Botschaft, die Sie mit dem Buch vermitteln wollen? Dass man zum Beispiel als Leser durch die Lektüre bestimmte Dinge besser versteht?

Julia Wolf: Nein, überhaupt nicht. Eine Botschaft ist auch nicht das, was mich an Literatur interessiert. Ich habe keinen didaktischen oder pädagogischen Ansatz. In dem Roman wird eine Subjektivität dargestellt und ich hoffe, dass es genug Leute gibt, die das interessant finden, die vielleicht Freude an der Sprache haben und der Art, wie ich diese Geschichte erzähle und die deswegen das Buch gerne lesen. Eine Botschaft gibt es nicht.

Buchrevier: In Online-Shops bekommt man ja Bücher empfohlen. Im Stil von: Personen, denen dieser Roman gefallen hat, kauften auch dieses Buch. Wen würden Sie als Referenz nennen? Wessen Romane sollten mir gefallen, damit mir eventuell auch der Roman von Julia Wolf gefällt?

Julia Wolf: Das ist eine schwere Frage. Aber in der ersten Rezension, die zu ‚Alles ist jetzt’ erschienen ist, gab es einen Vergleich mit Marlene Streeruwitz. Das hat mich schon sehr gefreut, weil ich diese Autorin sehr bewundere.

Buchrevier: Marlene Streeruwitz ist ja als radikale Feministin bekannt. Ist Feminismus auch ein Anliegen von Ihnen?

Julia Wolf: „Alles ist jetzt“ ist sicherlich kein feministischer Empowerment-Text. Aber ich verstehe mich als Feministin und diese Haltung der Welt gegenüber fließt natürlich auch in mein Schreiben ein.

Buchrevier: Würden Sie denn dann sagen, dass jemand, der Marlene Streeruwitz Roman ‚Nachkommen’ mag, auch Julia Wolf „Alles ist Jetzt“ mögen wird?

Julia Wolf: Auch wenn das fast schon wie eine Anmaßung klingt, so etwas selber zu sagen, aber ja, das könnte ich mir schon vorstellen. Oder ich würde es mir wünschen. Eine andere Autorin, die ich mich momentan inspiriert, ist die Amerikanerin Mary Gaitskill. Auch hier würde mir sehr gefallen, wenn man mich und mein Buch in diesem Kontext sehen würde.

Buchrevier: Sind diese beiden Autorinnen auch ihre literarischen Vorbilder? Haben Sie überhaupt welche?  Julia Wolf: Ja sicher, viele sogar. Aber es gibt jetzt nicht den Einen oder die Eine. Es gibt viele Aspekte und Ansätze in unterschiedlichen Büchern, die mich beeinflussen. Eine ganz große Heldin ist zum Beispiel Virginia Wolf. Wichtig für mein Schreiben sind aber zum Beispiel auch die frühen Arbeiten von Siri Hustvedt. „The Enchantment of Lily Dahl“ und „The Blindfold“ sind ja weibliche Entwicklungsgeschichten wie „Alles ist jetzt“ es auch auf eine Art und Weise ist. Diese beiden Bücher waren und sind sehr wichtig für mich. Und in diesem Zusammenhang darf natürlich Sylvia Plaths „The Bell Jar“ nicht fehlen.

Buchrevier: Wie lange haben Sie an Ihrem Roman geschrieben?

Julia Wolf: Oh das war ein sehr, sehr langer Prozess. Eine Szene dieses Buches habe ich bereits mit 16 Jahren Zuhause in meinem Elternhaus geschrieben. Mit Zwanzig hatte ich ein Stipendium und habe dann die erste Fassung des Romans geschrieben. Danach hat es acht Jahre gelegen, bis ich das Manuskript noch einmal in die Hand genommen habe. Ich habe es durchgelesen und mir gesagt: Das ist echt nicht gut, aber die Figuren mag ich. Dann habe ich noch einmal angefangen und drei bis vier Jahr intensiv daran gearbeitet. Und bis auf die eine Szene, die eigentlich seit meinem 16. Lebensjahr immer da war, habe ich alles noch einmal neu geschrieben.

Buchrevier: Geht es jetzt weiter mit dem nächsten Roman? Und wenn ja, können Sie schon verraten worum es geht?

Julia Wolf: Ja, ich bin schon mittendrin. Aber über ungelegte Eier spreche ich nicht gerne, da bin ich abergläubisch.

Julia Wolf – Alles ist jetzt

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Jeder Mann kennt solche Situationen: Die Partnerin ist niedergeschlagen, starrt mit leerem Blick an die Wand, hat Tränen in den Augen. Man möchte wissen, was los ist. Doch sie schüttelt nur den Kopf, will nichts erklären. Nimm mich einfach nur in den Arm, heisst es dann. Ist gleich wieder gut. Und in der Tat, nach einer Umarmung und fünf Minuten ist tatsächlich wieder alles gut. Das Seelenleben einer Frau ist und bleibt für uns Männer ein Rätsel. Je mehr man sich bemüht zu verstehen, desto weniger gelingt es einem. Irgendwann hört man auf, nach den Gründen zu fragen. Von einer schweren Depression bis zu „Ich-hab-nichts-anzuziehen“ ist alles möglich.

Auch bei Julia Wolfs grandiosem Debütroman „Alles ist jetzt“ habe ich nicht hundertprozentig verstanden, warum es der Protagonistin Ingrid eigentlich so schlecht geht. Ja klar, da sind die Dämonen der Vergangenheit und eine nicht sehr harmonische Kindheit. Die Mutter Alkoholikerin, der Vater verlässt die Familie und gründet eine neue. Sie und ihr Bruder sind auf sich allein gestellt. Und dann kommen noch Drogen und an Missbrauch grenzende Erlebnisse mit dem Freund des Bruders hinzu. Es gibt Menschen, für die ist das der ganz normale Alltagswahnsinn. Und es gibt Frauen wie Ingrid, die sich vor Kraft-, Mut- und Hoffnungslosigkeit irgendwo hinlegen und einfach keine Lust mehr haben aufzustehen.

Aber letztlich ist es auch egal, woher die Dämonen der Protagonistin eigentlich kommen. Sie sind da, sie bestimmen ihr Leben, haben es früher bestimmt und bestimmen es auch jetzt – alles ist jetzt. Der perfekte Titel für das Buch. Alles ist jetzt – damit umreißt Julia Wolf die eigentliche Kernbotschaft des Romans. Dass man nämlich Dinge, die einem widerfahren sind, existenzielle Dinge, sein ganzes Leben mit sich herumschleppt. Das berühmte Päckchen, welches man zu tragen hat, die sprichwörtlichen Leichen im Keller. Man wird das alles nicht los, muss lernen damit zu leben. Der eine kann es besser, der andere schlechter. Ingrid bekommt das nicht so gut hin.

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Julia Wolf auf der Leipziger Buchmesse.

Ich bin kein Freund von Therapieromanen. Dieses einfach mal alles von der Seele schreiben, damit es raus ist, schwarz auf weiß irgendwo steht und einen nicht mehr belastet. „Alles ist jetzt“ ist auch kein Therapieroman. Hier geht es nicht ums Schreiben als Therapie, sondern ums Beschreiben eines Seelenzustandes. Und das gelingt Julia Wolf ganz hervorragend. Ach, was sage ich? Es hat mich umgehauen!

Schon auf den ersten Seiten wird man in die Geschichte eingesogen. Julia Wolfs Sprache hat Drive, transportiert die schwere, düstere Stimmung mit einer bewundernswerten Leichtigkeit. Alles nimmt sofort Fahrt auf, man liest wie elektrisiert Seite um Seite und will den leider nur 160 Seiten umfassenden Roman gar nicht mehr aus der Hand legen.

Irgendwann habe ich angefangen, einzelne Seiten laut zu lesen. Dann spürt man die atemberaubende Kraft der Sätze noch deutlicher. Fast schon poetisch verdichtet, irre intensiv und eindrucksvoll und dabei leicht und locker, fast schon beiläufig dahingeschrieben. Ich weiß gar nicht, wie ich es anders beschreiben soll. Eine Art Sprech/Schreibstil, mal kurze Sätze: Subjekt, Prädikat, Objekt. Mal fehlt das Subjekt, mal das Prädikat. Unvollständig – ja, aber ok. Vollständig wäre der Satz nur halb so gut, würde an Tempo verlieren. Dann wieder Schachtelsätze, ineinander, zueinander, hintereinander gestellt. Zwischendrin mal wörtliche Rede, natürlich ohne Anführung, ohne sagte, meinte, dachte.

Das wird nicht jedem gefallen, aber ich bin schwer begeistert und ziehe meinen Hut vor dieser sprachlichen Meisterleistung. Sprache und Handlung korrespondieren perfekt und so kommt es, dass man wie im Rausch durch die Seiten fliegt und zum Schluss am liebsten noch einmal von vorne beginnen möchte. Ein grandioses Leseerlebnis. Das beste Debüt des Jahres.

Und Ingrid? Ingrid trägt ihr Päckchen weiter. Die Mutter stirbt, Ingrids Dämonen sterben nicht – alles ist immer noch jetzt.

Titelfoto: Gabriele Luger
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Klicktip:
Auch Sophie vom Blog Literaturen ist von diesem Debüt begeistert.