Friedemann Karig – Dschungel

Wie ist das eigentlich, wenn Journalisten Romane schreiben? Was darf man da erwarten? Zumindest eine gut recherchierte Story, sollte man meinen. Oder das genaue Gegenteil. Ein kreatives Fingerspiel als Ausgleich zum nüchternen Redaktionsalltag. Fiktion statt Fakten. Und wie stehen die Bosse in den Redaktionen dazu – nach Relotius und Kummer? Ist man journalistisch verbrannt, wenn man mal einen Roman geschrieben hat?

Ich weiß nicht, wieviel am Debütroman des Journalisten Karig echt und wieviel letztendlich ausgedacht ist. Ist mir auch egal – was bringt es zu wissen, ob etwas vom Autor im Protagonisten steckt? Ob Karig jemals in Kambodscha war und ob es einen Felix in seinem Leben gab? Das Wissen darum macht ein schlechtes Buch nicht besser und ein gutes nicht schlechter. Es ist einfach nur das, was einem als erstes einfällt, wenn einem nichts einfällt, man aber trotzdem irgendetwas über ein Buch sagen will oder muss.

Das werde ich also nicht thematisieren, obwohl ich es jetzt eigentlich schon getan habe. Es wäre auch gar nicht nötig, denn zu diesem Buch fällt mir eine ganze Menge ein. Zunächst einmal sei gesagt, dass dieser Roman wirklich großartig ist. Lange schon hat mich kein Titel so sehr berührt, keine Story so gefesselt. Der Dschungel nimmt dich auf, umschließt alles und hält dich gefangen. Die Außenwelt ist irgendwo da draußen, etwas wohin du am Ende der Geschichte nur sehr ungern zurückkehren wirst.

Ich war nie in Kambodscha und ich werde da wahrscheinlich auch niemals hinreisen. Und doch kenne ich jetzt einen kleinen Teil davon. Den Flughafen von Phnom Penh, ein Backpacker-Hotel, eine namenlose Insel. Wer also wie ich gerne zu Hause bleibt und lieber vom heimischen Lesesofa aus in fremde Länder reist, für den ist dieses Buch genau richtig. Zusammen mit dem Ich-Erzähler war ich überall dort auf der Suche nach Felix. Einer verzweifelten Suche, die Nadel im Heuhaufen scheint dagegen einfach zu finden. Alles ist fremd und keiner weiß irgendetwas. Doch der Ich-Erzähler gibt nicht auf, folgt jeder Fährte, sucht und sucht und verliert sich dabei selbst. Das klingt jetzt ausgelutscht, wie so ein Postkarten-Sinnspruch, ist aber so. Wie sagte Lao Tse? ‚Wer stets ohne Begehren, wird das Geheimste schauen. Wer ständig hat Begehren, erblickt nur seinen Saum.‘

Das Begehren, den besten Freund irgendwo im Dschungel zu finden, ist in diesem Fall sehr ausgeprägt. Apropos Freundschaft. Wer es als Autor schafft, so ein Allerweltsthema, den Standardbezug handelnder Personen in ausnahmslos jedem Roman, so catchy, unverbraucht und plastisch darzustellen, der kann schon was. Es ist, als wenn man die beiden persönlich kennt. Den Draufgänger und seinen schüchternen Freund: extrovertiert, introvertiert. Dass der eine eigentlich todtraurig ist, so sein will, wie der andere, war für meinen Geschmack ein bisschen zu naheliegend und profan – aber auch nur ein bisschen.

Toll ist der Wechsel zwischen den Erzählebenen, der Suche nach Felix in Kambodscha und der Retrospektive, den Erinnerungen an die gemeinsame Jahre, die Entwicklung ihrer Freundschaft. Am Ende wird es beinahe manisch. Die Ebenen vermischen sich, und es gibt ein in meinen Augen sehr gelungenes Ende, das ich so nicht erwartet hätte. Was bleibt ist die Frage, an der man auch nach dem Buch noch lange zu kauen hat: Ist man ohne seine Erinnerungen ein glücklicherer Mensch? Sind die ganzen Erlebnisse, Bindungen, Freundschaften nur Ballast auf der Seele, von dem man sich befreien sollte?

Und überhaupt – toxische Freundschaft – wo hatten wir das zuletzt? Dass einer zieht und der andere gezogen wird? Einer äußerlich stark und mutig, der andere schüchtern und in sich gekehrt? Ein komplett gegensätzliches, aber sich perfekt ergänzendes Paar. Richtig: In Mareike Fallwickls dunkelgrün fast schwarzem Debütroman gab es das. Die Freundschaft zwischen Rafael und Moritz. Und noch eine Assoziation: die Hippie-Kommune auf der namenlosen Insel mit ihren Drogen-Ritualen, Aussteiger-Philosophien, alternativen Lebensentwürfe – das alles hat mich stark an T.C. Boyles letzten Roman „Das Licht“ erinnert.

Wer also Lust auf eine vielschichtige und perfekt komponierte Erzählung hat, die letzten Romane von Fallwickl und Boyle mochte und dazu noch gerne vom gemütlichen Lesesofa aus in fremde Länder reist, der muss unbedingt auch ‚Dschungel‘ von Friedemann Karig hören oder lesen.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Verlag: HörbucHHamburg HHV
Sprecher Fabian Busch
10 h, 28 min, 22,00 €

Print:
Verlag: Ullstein
384 Seiten, 22,00 €

 

 

 

 

Melissa Broder – Fische

5

Literarisch bin ich eigentlich sehr aufgeschlossen. Solange mich ein Buch nicht langweilt, lautet die Devise: anything goes. Doch es gibt so ein paar Dinge, die gehen gar nicht. Wie zum Beispiel sprechende Tiere, Feen, Einhörner, Zauberer und Meerjungfrauen. Da kenne ich kein Pardon. Wenn eines der oben genannten Wesen in einem Roman auftaucht, dann ist sofort Schluss, dann klappe ich das Buch zu, stelle es aber nicht ins Regal, sondern bringe es weit weg zu einem öffentlichen Bücherschrank, auf dass sich irgendein ein Fantasy-Freak seiner erbarmt.

Bis dato habe ich noch nicht einmal geahnt, dass es zu Meerjungfrauen auch ein männliches Pendant gibt: Meermänner. Kein Witz. Das muss man sich vorstellen wie eine konventionelle Meerjungfrau vom Typ Arielle, also obenrum Mensch und untenrum Fisch, nur eben obenrum ohne Brüste, aber dafür unten rum mit Schwanz. Genaugenommen sogar zwei Schwänze. Der vom Fisch und der vom Mann. Genug davon. Ich denke, das kann sich jetzt jeder vorstellen.

Was muss passieren, damit ich einen Roman, in dem so ein merkwürdiges Fabelwesen auftaucht, nicht sofort augenrollend zur Seite lege, sondern mit großen Vergnügen und wachsender Begeisterung in einem Rutsch durchlese? Es muss vielleicht einfach nur gut geschrieben, stimmig hergeleitet und mit einem entwaffnend, augenzwinkernden Humor ausgestattet sein. So wie der Debütroman von Melissa Broder, Twitter-Star und Kolumnistin aus den USA, die mit Ihrem Profil ‚So Sad Today‘ (nie gehört) eine halbe Millionen Follower hat. Jetzt schreiben diese Influencer also auch schon Romane. Noch so ein Ding, was eigentlich gar nicht geht. Das kann, das will, das darf ich unter gar keinen Umständen auch noch gut finden.

Aber so sehr ich dieses Buch eigentlich in die Tonne kloppen möchte, so sehr bin ich davon auch begeistert. Das liegt zum einen daran, wie gekonnt die Geschichte aufgebaut ist, wie humorvoll und authentisch die Autorin den Faden spinnt. Zum anderen aber auch an der Protagonistin Lucy, die einfach eine so schonungslos offene und grundsympathische Person ist, der ich irgendwie alles abnehme und verzeihe. Sogar die leidenschaftliche Affäre mit dem Meermann Theo, der sie so kunstfertig und ausdauernd leckt und anschließend penetriert, wie kein normaler Mann – also einer mit nur einem Schwanz – es jemals vorher vermocht hat. Kein Wunder also, dass Lucy alles um sich herum vergisst und sich mit Haut und Haaren in diese Amour Fou fallen lässt.

Und so habe ich beim Lesen dieses Romans, den ich vom Cover, über Plot, Klappentext und Autorinnenvita als 1a-Frauenroman eingestuft habe, mal wieder etwas über mich gelernt. Dass ich entweder auch ganz viel weibliche Anteile in mir trage und ein verkappter Romantiker bin – oder aber, dass es so etwas wie den klassischen Frauenroman tatsächlich überhaupt nicht gibt. Sondern einfach nur gute oder schlechte Literatur.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Ullstein
352 Seiten, 21,00 Euro
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eva Bonné.

Sina Pousset – Schwimmen

4

Dieses Buch ist mal wieder der Beweis. Man braucht nicht unbedingt eine Geschichte, die sich deutlich von anderen unterscheidet, nicht diese eine grandiose Idee, nichts, was es so in dieser Form noch nie gegeben hat. Nein, das braucht man nicht. Man kann es auch machen wie Sina Pousset und einen guten Roman schreiben, mit einem Standard-Plot und Figuren, die sich in jedem zweiten Buch finden lassen.

Die junge Frau und der junge Mann, die sich seit Kindertagen kennen. Beziehungsstatus: es ist kompliziert. Kennt man, hat man hundertmal gelesen. Eine zweite Frau kommt dazu, es wird noch ein wenig komplizierter: ménage à trois. Auch das kommt einem irgendwie bekannt vor. Man lässt sie gemeinsam in den Urlaub fahren, lange Gespräche am Strand führen, sich eifersüchtige Blicke zuwerfen. Gibt es da nicht sogar einen Film mit Romy Schneider?

Und auch alles andere am Debütroman von Sina Pousset ist nicht gerade unique. Er stirbt, beide Frauen trauern, eine zerbricht daran, die andere kommt irgendwie klar. Die eine ist von ihm schwanger, die andere zieht das Kind groß und nach ein paar Jahren sind beide dann soweit, sich der Vergangenheit zu stellen. Showdown!

 Das klingt zwar jetzt etwas abfällig, ist aber gar nicht so gemeint. Denn tatsächlich ist „Schwimmen“ einer der besten Romane, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Und das liegt wieder mal nicht daran, was da geschrieben wurde, sondern wie es geschrieben wurde. Ich habe es auf dieser Seite schon mehrfach behauptet und bleibe dabei: Gute Gegenwartsliteratur braucht keine fantasievollen Storys, keine außergewöhnlichen Locations und schräge Charaktere. Gute Gegenwartsliteratur braucht lediglich einen guten Autor, bzw. eine gute Autorin. Jemanden, der uns mit unserem Leben versöhnt, mit dem ewig Gleichen des Alltags, den Unvermeidlichkeiten des Zwischenmenschlichen, den immer wiederkehrenden Abläufen. Der uns unseren Frieden machen lässt mit den Hoffnungen und Ängsten, die unser Leben bestimmen, die wir für so einzigartig schicksalhaft halten, die aber in Wirklichkeit jeden Zweiten da draußen genauso umtreiben wie uns.

Das alles geschrieben zu sehen, von anderen Leben zu lesen, sie mit dem eigenen zu vergleichen, sich hineinzuversetzen, ein Stück des Weges mitgehen, zuhören und verstehen – das alles macht gute Gegenwartsliteratur aus. Menschen begegnen sich, verbringen Zeit miteinander, erleben ein paar wenige Momente des Glücks, bleiben zusammen oder trennen sich, finden neue Partner oder auch nicht, werden älter und sterben irgendwann. Das ist die Rahmenhandlung unserer Gegenwart. Meines Lebens, deines Lebens und auch des Lebens von Milla, Kristina und Jan, den Protagonisten dieses Romans. Und obwohl ihre Geschichte nur eine von Millionen traurigen Geschichten ist, die das Leben tagtäglich schreibt, ist sie es wert, erzählt zu werden. Wenn es denn jemand macht, der das kann. Der nicht nur Wörter aneinander reiht, Satz für Satz eine Handlung vorantreibt, sondern Stimmungen transportiert, Gefühle vermittelt, uns Leser mitfühlen lässt – den gleichen Schmerz, die gleiche Traurigkeit, wie sie die Romanfiguren auch empfinden. Dann entsteht etwas, was schon Aristoteles als den vollkommenen Kunstgenuss beschrieben hat: die Läuterung der Seele durch die Tragödie, die Katharsis.

Das alles schafft Sina Pousset durch ihre einzigartige, sprachliche Virtuosität. Man hat das Gefühl, jedes Wort, jeder Satz auf den 225 Seiten dieses Romans ist genau das Wort und der Satz, der da jetzt stehen muss – alternativlos. Es anders auszudrücken wäre nicht nur weniger gut, sondern schlichtweg falsch. Man gleitet beim Lesen dahin, Satz für Satz ergibt sich, es fließt, es ist rund. Es entsteht eine Melodie im Kopf, eine ganze Symphonie in Moll. Wer das beherrscht, wer so gut wie diese junge Autorin schreiben kann, braucht keine zündende Idee, keine spannende Story. Mit dieser Gabe kann Sina Pousset wahllos hineingreifen ins Leben, in den stinknormalen Alltag und eine der vielen tausend persönlichen Tragödien zu etwas ganz Besonderem machen: Gegenwartsliteratur vom Feinsten.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Ullstein fünf
225 Seiten, 18,00 €

Weitere Rezensionen bei: Herzpotential und Paper und Poetry

Marc-Uwe Kling – QualityLand

3

Kennst du die Känguru-Chroniken?
Nee, kenne ich nicht.
Echt nicht? Die kennt doch jeder.
Kann sein, ich aber nicht.
Da hast du aber was verpasst, ist echt lustig.
Ach ja? Ich steh eigentlich nicht so auf lustig.
Kennst du dann überhaupt Marc-Uwe Kling?
Nein, nie gehört.
Aber sein neues Buch willst du trotzdem lesen?
Ja, möchte ich.
Warum?
Es soll ganz lustig sein.

Dieses Gespräch hat nie stattgefunden. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass es ungefähr so abgelaufen wäre, ist sehr hoch. Wer meine Blogbeiträge, meine Likes und Dislikes der letzten Monate, den Anteil humoriger Werke unter den positiven Besprechungen in Relation zu meinen Grundüberzeugungen und meiner Wankelmütigkeit setzt – sprich, all das machen würde, was Google, WordPress, Facebook, Twitter & Co. mit meinen freiwillig zur Verfügung gestellten persönlichen Daten jetzt schon machen kann – wer also so viel Rechenleistung hat, wird sich über dieses fiktive Gespräch zu Quality Land genauso wenig wundern, wie über das, was ich im Folgenden dazu noch schreiben werde.

Die Algorithmen wissen Bescheid. Heute schon und in Marc-Uwe Klings Zukunftsvision erst recht. Seine satirische Dystopie führt vor Augen, wie es mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre, wenn sich die Digitalisierung unserer Gesellschaft in den nächsten Jahren genauso schnell weiter entwickeln würde wie bisher. Aus Parship ist Quality Partner geworden, Amazon heißt TheShop,Deutschland hat umfirmiert und nennt sich jetzt Quality Land. Menschen und Maschinen leben in friedlicher Koexistenz, Autos fahren alleine in der Stadt herum, jeder hat einen kleinen Mann im Ohr und alle finden das ziemlich OK.

Diese Welt hat sich der Autor sehr schön ausgedacht. Ein wunderbares Zukunftsszenario, welches natürlich reichlich übertrieben anmutet, aber trotzdem sehr stimmig und nachvollziehbar aufgebaut ist. Marc Uwe Kling beschreibt den Alltag des Maschinenverschrotters Peter Arbeitsloser. Seinen Nachnamen verdankt er, wie alle in Quality Land Geborenen, der beruflichen Tätigkeit von Vater oder Mutter zum Zeitpunkt der Geburt. So gibt es einen David Fitnesstrainer, eine Melissa Sexarbeiterin, einen Hendrik Vorstand – lustige Vorstellung. Überhaupt ist ziemlich viel in diesem Buch recht witzig; insofern stimmt schon mal meine im obigen Gespräch geäußerte Vermutung.  Ich habe am Anfang oft geschmunzelt und mir gedacht: Ja, so könnte es irgendwann tatsächlich mal aussehen, unser Leben in einem fiktiven Jahr 2Q84.

Das Vergnügen an dieser gut gemachten Zukunftssatire hielt aber nur so lange, bis eines Tages eine Drohne von TheShop an der Tür von Peter Arbeitsloser klingelte und ihm ein Paket mit einem rosafarbenen Vibrator in Delfinform überreichte. Eine Bestellung, die von TheShop auf Basis von Peters Wünschen, wozu selbstverständlich auch die geheimen Wünsche zählen, automatisch ausgelöst wurde. Aber Peter ist sich sicher: Niemals hat er sich einen rosafarbenen Delfinvibrator gewünscht, auch nicht unbewusst. Er versucht, die Lieferung zu reklamieren – aber das ist nicht möglich. Da beginnt Peter Arbeitsloser zu revoltieren und die Geschichte mich zu nerven.

Der pinke Delfinvibrator ist augenscheinlich ein Fehler in der Datenmatrix. Zusammen mit ein paar schrottreifen Maschinen, wie einer Drohne mit Flugangst (*lol*) und einem Kampfroboter mit posttraumatischen Belastungsstörung (*kicher*) kämpft Peter für die Korrektur der ihn betreffenden Algorithmen. Wie er da mit seinen Roboter-Freunden von einem Abenteuer zum nächsten zieht, erinnert mich das stellenweise an den Kinderfernseh-Klassiker ‚Robbi-Tobbi und das Fliewatüüt‘, oder neuzeitlicher: eine Szene aus Toy-Story 3. Das ist nicht mehr originell und witzig, das ist zum größten Teil albern. Und plötzlich ist alles dahin, das anfängliche Lesevergnügen vorbei. Die Sache mit dem falsch gelieferten Delfinvibrator ist genau das eine Ding zu viel. Die eine Metapher, wodurch eine gut gemachte Zukunftssatire plötzlich zu einem infantilen Klamaukstück wird.

Kommen wir nochmal zurück zum fiktiven Gespräch vom Anfang:

Ich hätte dir das ja gleich sagen können.
Ach ja? Und warum?
Weil Kunden, die die Känguru-Chroniken nicht kennen und Quality Land trotzdem gelesen haben, es überwiegend negativ bewerten.
Sagt wer?
Sagt die Statistik.
Und wie viele Kunden sind das genau?
Im Moment genau einer.
Lass mich raten – ich?
Genau.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Ullstein
384 Seiten, 18,00 €

 

Aljoscha Brell – Kress

1

 

Ich weiß nicht, ob ich Bücher, auch wenn sie mir gut gefallen haben, unbedingt so weiterempfehlen sollte. Denn oftmals sind es ganz persönliche Präferenzen, individuelle Erlebnisse und Erinnerungen, die mich mit einem Buch verbinden und die Lektüre zu einem ganz besonderen Leseerlebnis machen – für mich. Ein anderer Leser, mit anderen Präferenzen und einer anderen Vita hat natürlich auch andere Assoziationen und kommt zwangsläufig zu einem ganz anderen Ergebnis. Gibt es bei Büchern überhaupt ein nicht subjektives Urteil?

Also, ich finde den Debütroman von Aljoscha Brell ja ziemlich klasse und habe ihn mit großem Vergnügen gelesen. Aber empfindet das auch jemand, der keine Berlin-Romane mag? Oder schräge, nerdige Akademiker mit gestelzter Sprache? Der nicht auch Typen kennt, die genauso steif und voller Komplexe durchs Leben stolpern wie der Held in diesem Roman? Empfindet man die Lektüre anders, wenn man nicht – wie ich – den Autor auf einer Lesung erlebt hätte, wo er durch eine mitreissende Vortragstechnik sein Publikum begeisterte? Ich weiß es nicht.

Kress ist ja schon knapp ein Jahr auf dem Markt und hat nicht besonders viel Aufmerksamkeit bekommen. Eigentlich ist das Buch schon durch, wird in ein paar Monaten auf dem Grabbeltisch liegen und das war es dann. Keine Verfilmung, keine Taschenbuchausgabe, nichts. Dafür ist der Autor, wie er auf der Lesung berichtete, drei, vier Jahre lang jeden Morgen um fünf Uhr aufgestanden, um vor der Arbeit noch ein paar Stunden an seinem Roman zu schreiben. Brell ist eigentlich IT-Manager in einem Berliner Unternehmen und nicht auf den literarischen Erfolg angewiesen. Aber eine zweite Auflage wäre gut gewesen. Verdient hätte es das Buch allemal.

Ich persönlich liebe ja Berlin-Romane, ganz besonders wenn sie an Orten spielen, die ich gut kenne. Kress ist Student der Literaturwissenschaft an der FU Berlin, steigt in Dahlem Dorf aus der U-Bahn, besucht in der sogenannten Rostlaube seine Hauptseminare und sitzt anschließend in der Silberlauben-Mensa beim Mittagessen. Genau wie ich vor mehr als zwanzig Jahren. Es macht Spaß und ich genieße es sehr, in Gedanken einfach mal wieder Uniluft zu schnuppern. Das allein reicht mir schon, um diese Lektüre zu genießen.

Aber dieser Roman bietet noch mehr. Mit Kress ist dem Autor eine Figur fasst schon Dostojewski’schen Zuschnitts gelungen. Wir alle kennen solche Typen wie Kress. Das waren die, die bei der Wahl von Mannschaften im Sportunterricht immer bis zuletzt übrig geblieben sind, von denen man morgens im Bus die Mathehausaufgaben abgeschrieben und nachmittags eine Krampe an den Kopf geschossen hat. So Außenseitertypen wie der junge Bill Gates, die entweder mal ganz groß rauskommen oder mit vierzig noch bei Mutti am Küchentisch sitzen. Kress‘ Mutter und Vater sind gestorben, sonst säße er wohl immer noch daheim am Küchentisch. Stattdessen lebt er in Berlin in einer ungemütlichen Studentenbude und unterhält sich mit den Tauben auf dem Küchensims.

Als eines Tages eine hübsche, talentierte Studentin verspätet ins Kleist-Seminar kommt und sich neben ihn setzt, gerät das gleichförmig, unspektakuläre Kresssche Leben nach und nach aus den Fugen. Der Romanheld entpuppt sich als das, was viele dieser Eigenbrötler in Wirklichkeit sind. Sozial völlig inkompetent und gestört, labil, manisch und im Endeffekt sogar gefährlich. Und so wird aus der zunächst sehr launigen Charakterstudie ein am Ende sehr bedrückendes Psychogramm, das mich nachdenklich und traurig zurücklässt. Ich denke an zwei, drei Typen aus meiner Klasse, die genau so waren. Was ist aus denen wohl geworden? Haben sie Glück gehabt wie Bill Gates oder sitzen sie jetzt auch irgendwo einsam rum, sprechen mit Tauben und kriegen im Bus von Jugendlichen Krampen an den Kopf geschossen?

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Ullstein
336 Seiten, 20.00 €