Uns geht’s ja noch gold

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Schönwetterfront aus Leipzig beflügelt die Branche.

Was ist in letzter Zeit nicht alles geschrieben worden. Von schlechten Zahlen und düsteren Aussichten, von Millionen neuen Nicht-Lesern und vom bösen Netflix. Jede Woche ein neuer Abgesang und nicht zuletzt die Insolvenz des Großhandels. Also noch mal schnell nach Leipzig fahren, bevor es da demnächst keine Buchmesse mehr gibt. Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Vielleicht lag es an dem herrlichen Frühlingswetter oder daran, dass Totgesagte bekanntlich länger leben, doch von Untergangsstimmung war in Leipzig 2019 überhaupt nichts zu spüren, ganz im Gegenteil. „Das Buch ist tot, es lebe das Buch“, so könnte das neue Motto lauten, mit dem die Branche die schlechten Nachrichten einfach weg lächelt. Krise? Welche Krise? Noch einen Prosecco?

Natürlich sind die Probleme nach wie vor da und richtige gute Lösungen für eine wirtschaftliche Gesundung des Buchmarktes immer noch nicht in Sicht. Um Kosten zu sparen, verzichtet zum Beispiel ein Großverlag jetzt komplett auf Vorschau-Kataloge. Weder gedruckt noch digital, es gibt sie einfach gar nicht mehr. Die Buchhändler können sich ja im Online-Bestellportal über das Programm informieren. Und ob man tatsächlich unbedingt innerhalb von 24 Stunden jeden Buchtitel liefern muss, ist auch so ein Ding, über das man mal nachdenken sollte. Es kommt einem vor, als hätte die Branche beschlossen, sich von schlechten Nachrichten nicht mehr länger runterziehen zu lassen. Die Veränderungen akzeptieren, den Gürtel enger schnallen und einfach weiter gute Arbeit machen. Irgendwann geht es schon wieder bergauf. Und in der Zwischenzeit genießen wir einfach das schöne Wetter in Leipzig.

Ja, warum eigentlich nicht? Wieso immer auf das Schlechte und nicht auch mal auf das Gute schauen? Gerade hat die Messe ihren Schlussbericht veröffentlich: 286.000 Besucher, 15.000 mehr als im Vorjahr! Na bitte, geht doch. Dass im letzten Jahr aufgrund des Wintereinbruchs der komplette Nah- und Fernverkehr ausgefallen war und man weder nach Leipzig rein noch raus kam, bleibt unerwähnt. Und auch nur Spielverderber und Dauernörgler würden jetzt anmerken, dass die Messegesellschaft den Begriff ‚Besucher‘ dieses Jahr etwas schwammig formuliert und die Zahlen von „Leipzig liest“ einfach dazu addiert hat. Wer mag angesichts solcher Steigerungsraten noch von Krise sprechen?

Und auch bei den Bloggern hat sich die Stimmung wieder deutlich verbessert. Der Hype ist definitiv vorbei, die großen Illusionen und Hoffnungen auf eine stetig steigende Reichweite sowie eine angemessene Monetarisierung unserer Leistungen sind längst begraben. Alle, die noch dabei sind, haben sich mit der Situation arrangiert. Auch die zunächst als Leichtgewichte belächelten Bookstagrammer, bei denen es sich zu einem großen Teil um das Verkaufspersonal des Buchhandels handelt, sind mittlerweile in den Kreis der relevanten Blogger aufgenommen worden. Und andersrum genauso.

Was vieles einfacher macht: Heißgetränke-Bookselfies mit ein paar Zeilen Text und den richtigen Hashtags gehen bei den Verlagen mittlerweile als Rezensionen durch. Das reduziert den Aufwand ungemein. Aber natürlich trennt sich auch hier die Spreu vom Weizen. Denn einfach nur mit dem Handy ein Foto machen und vom Klapper die Inhaltsangabe abschreiben, bringt noch keine Reichweite. Erst hier und da ein nacktes Körperteil, überbordende Bücherhaufen oder zu Drachenflügeln dekorierte Einbände machen aus einem einfachen Bookstagrammer einen ernstzunehmenden Influencer. Und um solche Fotos zu machen, braucht man mitunter länger, als für eine ausführliche Rezension.

Aber auch hier gilt: Es ist halt so. Der große Elfenbeinturm ist längst eingestürzt. Was soll also erst die professionelle Literaturkritik sagen, die mit ihren Analysen und geistreichen Ergüssen Jahr für Jahr immer weniger Menschen erreicht und sich nicht nur das Pressezentrum in Leipzig, sondern auch die schwindende Aufmerksamkeit für das Medium Buch mit all den Möchtegern-Kritikern teilen muss.

Die großen und kleinen Probleme der gebeutelten Buchbranche scheinen dieses Jahr unter der gleißenden Frühlingssonne von Leipzig einfach so dahingeschmolzen zu sein. Die Zeiten sind nach wie vor hart, wir haben noch viel zu tun, aber seien wir doch mal ehrlich: Im Vergleich zu anderen Branchen geht’s uns ja noch gold. Oder?

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Foto: Gabriele Luger

4 Antworten auf „Uns geht’s ja noch gold

  1. Lustig, das mit den BookstagrammerInnen… Bezeichnenderweise waren auch nur solche in der „Amazon-Blogger-WG“. Aber bei Dir gibt es ja auch Werbung für Audible. Und so verschwimmen überall die Grenzen, wenn es irgendwie um ´Relevanz´ und Geld oder geldwerte Vorteile geht.

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  2. Danke für den klaren Bericht! Auch dem Buchmarkt wird es mittelfristig gut tun, wenn durch Bereinigung die Qualität schneller erkennbar und gefunden wird. Zu viel Masse mit begrenzter Relevanz trübt den Blick.

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