Einschläfernder Naturalismus

Karl Ove Knausgård – Spielen. 

Es gibt Bücher, da wünsche ich mir noch einmal hundert oder zweihundert Seiten dazu. Um Akteure besser kennen zu lernen, Zusammenhänge zu verstehen oder einfach um die Lesestimmung noch eine Weile zu halten. Bei diesem Roman ist es anders. Hier wünschte ich mir eher zweihundert Seiten weniger.

Denn so schön Knausgard seine Kindheitserinnerungen auch aufgeschrieben hat, nach ca. 400 Seiten kommt einfach nichts Neues mehr dazu. Die Detailverliebtheit, die ich auf den ersten Seiten noch positiv und stimmungsfördernd empfunden habe, ging mir am Ende auf den Geist. Doch ich wollte die Lektüre nicht einfach so abbrechen, also habe ich die letzten zweihundert Seiten nur noch quer gelesen. Grundsätzlich ist „Spielen“ eine schöne Hommage an die Kindheit in den siebziger Jahren. Als man noch einfach beim Nachbarjungen klingelte und fragte: „kommst Du raus – spielen?“ Ohne Verabredung, ohne Mami, die einen mit dem Auto hinbringt und wieder abholt.

Ich bin auch ein Kind dieser Zeit und habe mich beim Lesen wohlig erinnert. An so manches Lagerfeuer, die Bude im Wald, eine zufällig im Altpapier gefundene Neue Revue. Natürlich auch an die ganzen Unzulänglichkeiten, Enttäuschungen und Ängste, die auch der kleine Karl Ove beim Erwachsenwerden durchlebt. Das alles hat Knausgard in diesem Roman wunderbar exakt und authentisch beschrieben. Als Zeitgenosse kann ich das beurteilen und wertschätzen.

Aber wie geht es Lesern aus einer anderen Zeit? Ist der Roman ohne den persönlichen Erfahrungshintergrund noch genauso interessant? Ich wage das zu bezweifeln. Denn Knausgard macht nichts anderes, als Erinnerungen sauber aufzuschreiben. Der Gesamteindruck ist literarisch durchaus ok. Aber richtiger Lesegenuss kommt nicht auf. Keine echte sprachliche Brillanz, keine Dramatik, keine erzählerischen Überraschungen. Es plätschert so dahin, wie das ganz normale Leben eines ganz normalen Jungen in den Siebzigern.

Gelesen Juni 2014.

Foto: Gabriele Luger

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