Bücher

Gefühlskalte Liebe

Jonathan Franzen – Schweres Beben

Nicht immer ist Lesen das wahre Vergnügen. Manchmal ist es fast wie Arbeit. Dann nämlich, wenn man sich vorgenommen hat, vom Autor eines der besten Romane der letzten zehn Jahre auch die beiden Vorgängerwerke zu lesen. „Schweres Beben“ ist genauso umfangreich wie Korrekturen, es wird wieder eine Familiengeschichte erzählt, es ist auch von Jonathan Franzen – aber das waren dann auch schon die Gemeinsamkeiten. Der zweite Roman von Franzen ist lediglich Durchschnittsware. Ein Plot auf Michael Crichton-Niveau etwas literarisch aufgewertet. Und gerade das stört. Immer wieder unterbricht Franzen den Erzählstrang durch langatmige Beschreibungen von Stadtvierteln, wirren Gedankenspielen seiner Protagonisten und in die Länge gezogenen Dialogen. Mein Gefühl: hier übt einer für den ganzen großen literarischen Wurf. Dies soll ihm aber erst in seinem nächsten Roman gelingen.

Trotz der knapp siebenhundert Seiten kann ich mich mit keiner der Figuren der Romanfamilie Holland anfreunden. Weder mit der lieblosen Mutter, der oberflächlichen Tochter, den Alt-68er-Vater und auch nicht mit der Hauptfigur Louis. Franzen scheint sie alle selbst nicht zu mögen. Und obwohl Louis detailliert beschrieben und erzählerisch minutiös begleitet wird, bleibt diese Figur seltsam farblos.

Auf dem Buchrücken steht: …eine der schönsten Liebesgeschichten unserer Zeit“. Vielleicht bin ich ja gefühlskalt, aber von Liebe habe ich in diesem Buch überhaupt nichts gelesen. Wenn die in vieler Hinsicht merkwürdige Beziehung zwischen Louis Holland und der Wissenschaftlerin Renee wirklich eine der schönsten Liebesgeschichten unserer Zeit sein soll, dann müssen wir uns ernsthaft Sorgen um unsere Zeit machen. Er ist mit ihr zusammen, weil keine andere sich für ihn interessiert, verlässt sie sofort, als die junge hübsche Lauren wieder auftaucht und kommt schließlich wieder zu ihr zurück, weil die biestige Lauren ihn nicht ran lässt. Sie nimmt ihn, weil er nicht locker lässt, sich penetrant bei ihr festsetzt und ihr scheinbar sowieso alles egal ist. Am Ende entscheiden sich beide für den Spatz in der Hand, weil die Tauben auf dem Dach für beide unerreichbar sind.

Was gut rüberkommt und das Buch trotz allem doch lesbar macht, ist die Beschreibung der Lieblosigkeit der Mutter, die Entfremdung und Kälte zwischen den Geschwistern und die durchaus spannende Geschichte über ein sich unethisch verhaltenes Chemieunternehmen. Das wars dann aber auch.

Gelesen: Januar 2008
Foto: Gabriele Luger

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