Ich habe einen Traum

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Man wird doch wohl noch träumen dürfen. Ein wenig herumspinnen, tollkühn und mutig sein –zumindest in Gedanken. Einmal ausrufen: Ich habe einen Traum! Einmal, nur ein einziges Mal im Leben. Sich hinstellen und so beginnen. Kein Blabla, sondern mit und von Bedeutung, ein emotionaler Appell, ein Meilenstein, ein Benchmark. Ja, warum nicht einfach mal träumen?

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, dass eines Tages Blogger und das Feuilleton Hand in Hand, Seite an Seite und gemeinsam für die gleiche Sache einstehen. Für gute Literatur und gegen den Schund, für weniger aber dafür bessere Bücher. Für Geschichten, in denen man sich verlieren kann, für Bücher, die Spaß machen und Gedanken, die inspirieren. Kein Dünkel, keine Pfründe, keine Missgunst.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, irgendwann einmal alle Bücher in meinem Buchregal gelesen zu haben. Den Ulysses genauso wie den de Sade und die gesammelten Werke von Dostojevski. Einfach alles, auch das, was Woche für Woche neu dazu kommt. Einmal quer Beet, sich an der Auswahl berauschen, den guten Geschmack des Sammlers goutieren, mich noch einmal neu vermessen. Mein Damals, Gestern, Heute und Morgen. Das alles steht da aufgereiht. Das alles bin ich ich. Es ist einfach viel zu viel.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, dass ich eines Tages selber einen Roman schreibe. Einen, der auch mir gefällt, eine echte Top-Empfehlung auf Buchrevier. Eine Geschichte, die nicht nur Geschichte ist, mit Figuren, die nicht ich und trotzdem authentisch sind. Mit Seiten voll geschliffener Sätze, die von Bloggern mit bunten Klebezetteln markiert werden. Ein Buch, das mit einem Heißgetränk auf einer gemusterten Bettdecke fotografiert und auf Instagram gepostet wird. Mein ganzes Herzblut im Herbstprogramm. Im Frühjahr dann ‚gut erhalten‘ bei Medimops.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, wunderschön sprechen zu können. Frisch von der Leber und aufs Geratewohl. Nicht lange nachdenken, nicht zaudern, einfach sprechen. Schlaue Sätze ohne Äähs und Ööhs. Mein Gegenüber hört andächtig zu und nickt zustimmend. Mikrofone sind auf mich gerichtet. Es muss nichts geschnitten werden, kann gleich so On Air gehen. Mein Timbre macht alle Frauen verrückt. Männer können das nicht nachvollziehen.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, jung zu sein. Anfang zwanzig mit nochmal sechzig Jahren Lesezeit. Jedes Jahr noch einmal ca. 50 Bücher, macht zusammen 3000. Mehr würde ich auch im zweiten Anlauf nicht schaffen. Aber mit dem Wissen von heute, was würde ich lesen? Noch mal die selben Klassiker? Noch einmal Hesse und Kerouac? Würde ich mir noch einmal den ganzen Walser geben? Wäre ich dann schlauer oder nur auf andere Weise dumm?

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, dass eines Tages all meine Träume in Erfüllung gehen. Wäre ich dann glücklich und zufrieden? Am ultimativen Ziel endlich angelangt? Oder stünde ich nur da und hätte einfach keine Träume mehr?

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Foto: Gabriele Luger

Keine Ahnung, aber La Paloma pfeifen

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Manchmal wache ich morgens auf und habe das Gefühl, im Schlaf mein ganzes Selbstbewusstsein verloren zu haben. Irgendein Traumungeheuer muss mich in der Nacht komplett demoralisiert haben. Nach dem ersten Kaffee kommt es dann so langsam wieder zurück. Aber bis dahin frage ich mich, ob das alles so richtig ist. Zum Beispiel die Sache hier mit dem Blog. Eigentlich habe ich doch von Literatur gar keine Ahnung. Da gibt es Leute, die haben das studiert, sich das Handwerkszeug draufgeschafft. Die haben im Schweiße ihres Angesichts alle relevanten Autoren gelesen, angefangen bei Walter von der Vogelweide bis zu Thomas Bernhard, nur um irgendwann zu wissen, was gut und was schlecht ist, was man empfehlen kann und was nicht.

Ich dagegen habe nur viel gelesen, querbeet und nach eigenem Gusto, sonst nichts. Wie man eine ordentliche Rezension schreibt, habe ich nie gelernt. Es wäre natürlich ein Leichtes, sich die goldenen Regeln mal herauszusuchen und es zu probieren. Aber da fehlt mir nicht nur der Ehrgeiz, es interessiert mich auch nicht. Ich glaube, es würde mich langweilen, so eine richtige Rezension nach Lehrbuch zu schreiben. Genauso wie es mich auch oft langweilt, so eine Lehrbuch-Rezension zu lesen. In den meisten Fällen ist mir das alles zu neutral, zu wenig wertend, zu unpersönlich. Ich überfliege nur den Einstieg, lasse den Inhaltsangaben-Mittelteil einfach aus, scrolle sofort bis zum Fazit und hoffe auf eine ehrliche und klare persönliche Meinung. Ich will keinen literaturwissenschaftlichen Vergleich und keine politische Interpretation. Ich will eine Emotion, einen persönlichen Eindruck, will wissen wohin einen das Buch gedanklich führt, ob es eine zweite Ebene hinter dem Plot gibt und ob es irgendwas beim Rezensenten zum Klingen gebracht hat. Das interessiert mich, das will ich wissen und genau das fehlt mir bei den meisten Feuilleton-Rezensionen.

Und während ich noch den ersten Kaffee trinke, denke ich, dass das ja nicht gerade von großer Intellektualität zeugt. Es ist schon eine ziemlich einfache Sichtweise, wenn es einem beim Lesen eigentlich nicht um das Buch, sondern immer wieder nur um einen selber geht. Um mein Lesevergnügen, um meine Gedanken, Assoziationen und meinen Spaß. Dass ich mich mit einem Thema nur auseinandersetze, wenn ich es irgendwie mit mir in Verbindung bringen kann, wenn ich mich mit einer Figur identifizieren, in einen Plot hineinversetzen kann. Wenn mir das nicht gelingt – oder anders gesagt: der Autor das nicht schafft – dann erreicht mich ein Buch nicht und ich steige aus. Und hier frage ich mich, wenn man so Ich-bezogen liest und sein ganz persönliches Urteil fällt, kann man dann noch guten Gewissens anderen Personen Bücher empfehlen?

So ein Buch kann einen ja auch mal auf dem falschen Fuß erwischen. Wenn ich gestresst bin, Probleme auf der Arbeit habe, mich müde und ausgelaugt fühle, dann hat es jedes Buch schwer. Wenn es sich dann noch zieht, über mehrere Seiten frei assoziiert wird und ich anfange, den Überblick bei den Protagonisten zu verlieren, passiert es schnell, dass ich einfach keine Lust mehr habe weiterzulesen. Dann klappe ich es zu, fälle mein Negativ-Urteil und das steht dann hier für immer auf dem Blog und wird mehr oder weniger häufig angeklickt. Das gleiche Buch im Urlaub gelesen, in entspannter Stimmung und mit voller Konzentration, würde ich vielleicht ganz anders bewerten. Das ist doch nicht professionell. Was können denn der Autor und sein Buch dafür, dass ich mich gerade nicht richtig auf sein Werk konzentrieren konnte, dass es für mich das falsche Buch zur falschen Zeit war? Deswegen muss es doch nicht schlecht sein.

Und überhaupt: Ich, Ich, Ich – meine Texte sind voll davon. In manchen Rezensionen stehen vielleicht ein oder zwei Sätze zu dem eigentlichen Werk, der Rest beschäftigt sich mit mir. Was ICH beim Lesen so gedacht habe, womit ICH meine Schwierigkeiten hatte, wie ICH die Sprache empfinde. Was hat das für einen Wert? Wie häufig habe ich schon einen Roman schlecht bewertet oder sogar verrissen, der an anderer Stelle hochgelobt oder sogar mit Preisen bedacht wurde. Das erhärtet den Verdacht, dass ich von Literatur überhaupt keine Ahnung habe.

Irgendwann ab der zweiten Tasse Kaffee ist mein Selbstbewusstsein aber wieder komplett hergestellt, und ich bin wieder mit mir im Reinen. Natürlich habe ich Ahnung. Und wenn es nicht die reine Lehre ist, so ist es doch zumindest mein Verständnis von guter oder weniger guter Literatur, dass ich hier zum Besten gebe. Das kann man teilen und gut finden oder aber kritisieren und ignorieren. Niemand ist gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen. Und daher bleibe ich dabei. Ich werde nichts anders machen. Ich kenne die Defizite aber auch die Stärken meiner Texte. Vielleicht sollte ich sie auch gar nicht Rezension nennen, sondern einfach nur Blogbeiträge. Denn Buchrevier ist mein digitales Lesetagebuch, in dem ich nach Herzenslust Ich-bezogen lesen, schreiben und Literatur überaus subjektiv bewerten kann. Ich kann das so machen, Journalisten können und dürfen das nicht so machen. Vielleicht würden sie ja gerne und beneiden uns Blogger insgeheim wegen dieser ungehemmten Subjektivität und Meinungsfreiheit.

Auch wenn es sich jetzt blöd anhört, ich lese meine Blogbeiträge selber gerne. Ich bin generell der Meinung, dass man nur das schreiben sollte, was man auch selber gerne lesen möchte. Und wenn man über Bücher schreibt, gilt das erst recht. Denn wie ermüdend muss die Lektüre eines Buches sein, wenn einen die Rezension dazu schon langweilt?

Ich lese, um mich selbst zu finden und aus dem gleichen Grund schreibe ich über das, was ich gelesen habe. Ich bin der, der bei einem Gruppenfoto immer zuerst guckt, ob er selber gut getroffen ist, der sein Spiegelbild in den Fenstern parkender Autos betrachtet und der in jedem Buch, das er aufschlägt, auf der Suche ist nach sich selbst. Vielleicht werde ich irgendwann fündig und höre dann auf zu lesen. Oder ich fange dann erst richtig an zu lesen. Nicht mehr auf der Suche nach mir selbst, sondern nur noch auf der Suche nach guter Literatur. Obwohl – ich könnte mir das sehr langweilig vorstellen.

Foto: Gabriele Luger

Reading man revisited

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Gummibärchen mit Altbier. Es gibt für mich nichts, was so sehr mit Zuhause, mit Im- Sessel-Sitzen-Und-Lesen verbunden ist, wie diese eigentlich unmögliche Kombination zweier Genussmittel, von denen ich besser die Finger lassen sollten, wenn ich nicht noch mehr zunehmen will. Doch das ist mir egal. Die paar Kilos werde ich im Frühjahr schon wieder los. Aber ich liebe dieses Flüssige und Gummige, dieses Kalte und Laue, Herbe und Süße – Gegensätze, die sich harmonisch im Mund vereinen, ergänzen und diesen Geschmack ergeben – den Geschmack des Lesens.

Wie schmeckt für Sie Lesen? Niemand wird mich das je fragen. Aber wenn, dann würde ich sagen: Genau so! Wie Gummibärchen und Altbier. Wie Spielplatz und Kneipe. Unpassend, ungewöhnlich und ungesund. Aber ich kann nicht davon lassen. Ich stopf das in mich rein, acht Kalorien pro Bärchen und spüle ordentlich nach. Ich mach das einfach und denke gar nicht groß drüber nach. Das ist wie Seiten umblättern, wie Lesezeichen setzen, wie bemerkenswerte Sätze anstreichen – alles ganze normale Lesemoves.

Gleiches gilt für Kopfhörer auf und Musik an. Schön laut aufdrehen und alles um einen rum einfach wegwummern. Alle Sorgen, alle Eindrücke, den ganzen Alltag. Dann kommt irgendwann dieser Tunnelblick und es ist soweit. Ich kann mich einlassen, mich konzentrieren, fremdes Leben an mich ranlassen – lesen. Stundenlang und wenn das Buch mitspielt, auch mit wachsender Begeisterung. Das klappt nicht bei jeder Musik. Sie sollte sich nicht aufdrängen, nicht andauernd „Hier“ schreien, mir nichts beweisen wollen. Sollte einfach nur da sein, als Gefühlstransmitter, als Mauer zwischen dem Hier und Dort, meinem Leben und dem der anderen, zwischen Realität und Fiktion.

Genau wie der Sessel, auf dem ich sitze. Er ist einfach nur da, will kein Design sein, ist kein Hingucker. Will einfach nur, dass ich auf ihm sitze und lese. Er hat die besten Tage schon lange hinter sich, der Bezug aus den 90ern und abgewetzt, die Rückenlehne mit Kratzspuren von unserem alten Kater. Der ist jetzt auch schon 13 Jahre tot. Aber ich sitze hier immer noch und lese. Das macht mich traurig und gleichzeitig froh. Ich habe hier in diesem Sessel viel erlebt, bin einmal in Gedanken um die ganze Welt gereist, habe unzählige Menschen kennengelernt, habe mich verliebt, habe Schreckliches erfahren und süße Träume gehabt. Ich weiß, dass andere das vielleicht armselig finden. Second-Hand Experience – nichts Eigenes, alles nur gebrauchte Emotionen, aufgewärmt und fad.

Aber genau so will ich es haben. Lesen ist für mich leben. Ich entscheide, was ich von dem Gelesenen auch wirklich erleben möchte. Allzu viel ist es nicht. Eine Handvoll Gummibärchen und ein Altbier sind da oftmals wesentlich reizvoller.

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Foto: Gabriele Luger

Gebrauchsanweisung für Literaturblogger

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Warum sind lesende Männer in der U-Bahn eigentlich so cool und sexy? Weil sie dort meistens vernünftig angezogen sind und man Ihnen nur maximal zehn, fünfzehn Minuten gegenübersitzt. Weil man nicht mitbekommt, wie sie am Freitag nach Hause kommen, sich ihre Schlumpfhose anziehen, die Kuscheldecke schnappen und für den Rest des Wochenendes mit einem Buch auf dem Schoß in ihrer Leseecke auf dem Sofa rumgammeln.

Dort sitzen sie dann und lesen – stundenlang. Reicht man Ihnen einen Tee, nehmen sie ihn gerne an. Auch Obst (fertig geschält) und Gebäck darf gerne gereicht werden. Wird staubgesaugt, heben sie hilfsbereit die Beine und reichen auch leere Joghurtbecher an. Ja, sie sind eigentlich nette Kerle. Wenn man sie in Frieden und einfach nur lesen lässt, hat man nichts zu befürchten. Unwirsch werden Literaturblogger nur, wenn man den Fernseher anschaltet oder fragt, ob man nicht mal wieder zusammen ins Kino gehen sollte oder alternativ auch Freunde besuchen.

Dann verziehen sie sich nach einem kurzen Wortwechsel mit den ewig gleichen Argumenten (was an Buchblogger hast Du nicht verstanden?) beleidigt mit ihrer Kuscheldecke ins Ausweichquartier und lesen da weiter. Dort sollte man sie dann tunlichst nicht mehr stören und abwarten, bis sie irgendwann Sonntag Abend von allein wieder in Erscheinung treten. Hast Du das Buch fertig? Ja, war aber blöd.

Wenn ein Buch gerade ausgelesen, die entsprechende Rezension noch nicht in Arbeit ist und auch die nächste Lektüre noch nicht begonnen wurde, gibt es einen Zeitslot von einigen wenigen Stunden, in denen Literaturblogger ansprechbar für kleinere Alltagsangelegenheiten sind, wie zum Beispiel Reparaturen im Haushalt. Aber auch Fragen der mittel- und langfristigen Lebensplanung (wollen wir noch ein Kind oder lieber in Urlaub fahren?) bieten sich in dieser Zeit zur Klärung an.

Urlaube mit Literaturbloggern sind übrigens meistens sehr entspannt. Ein schattiges Leseplätzchen am Strand oder Hotelpool zum Lesen genügt vollkommen. Wenn das Wetter nicht so gut ist, liest man halt im Hotelzimmer. Reicht man ihnen einen Longdrink, nehmen sie ihn gerne an. Auch diverse Speisen, kleine Snacks und Nachtisch vom Buffet sind jederzeit willkommen. Unwirsch werden sie, wenn das Animationsteam mit der Wassergymnastik beginnt oder der Partner einen Tagesausflug vorschlägt (was an Urlaub hast Du nicht verstanden?).

„Dann lass ihn doch einfach lesen“, sagt die beste Freundin. „Ich wäre froh, wenn Meiner das tun würde. Dann wüsste ich zumindest immer wo er ist. So wie Deiner, hier auf dem Sofa mit dem Buch. Da macht er keine Dummheiten und du hast ihn immer im Blick“.  Aber das Lesen ist ja nur die halbe Miete, heißt es dann. Richtig anstrengend wird es, wenn es ans Schreiben geht. Wenn ihm nichts einfällt, er frustriert und schlecht gelaunt durch die Wohnung tigert, immer wieder in den Kühlschrank schaut, sich einen Joghurt, danach ein Bier holt und sich mit einem Seufzen zu einem setzt. Dann ist Vorsicht geboten. Jetzt bloß nicht das Falsche sagen. Wie zum Beispiel: „Jetzt mach doch mal Pause und lass uns einfach ein wenig TV schauen“. Auch falsch wäre: „Musst Du denn über dieses Buch überhaupt etwas schreiben? Zwingt dich doch keiner.“ Am besten, man sagt irgendetwas Unverfängliches und wartet bis er wieder abhaut.

Ist der leidige Text dann endlich geschrieben und online gestellt, hat man einen Zeitslot von entspannten zehn bis zwanzig Minuten, bis die ersten Likes und Kommentare aufpoppen. Dieses Zeitfenster sollte man nutzen, um mal Grundsätzliches in der Beziehung anzusprechen. Soll das jetzt eigentlich ewig so weitergehen? Meinst Du, mir macht das Spaß, meinen Mann immer nur auf dem Sofa sitzen zu sehen? Einen Mann, mit dem man sich noch nicht einmal unterhalten kann? Weil er entweder gerade liest oder gerade schreibt oder nachschaut, wie oft sein blöder Beitrag angeklickt wurde? Andere Männer gehen zum Sport, fällen Bäume, reparieren Motorräder oder haben eine Geliebte“.

Das hat gesessen. Der Literaturblogger schaut seine Frau entgeistert an. „Soll ich mir eine Geliebte nehmen?“ Nein, Du sollst einen Baum fällen, den tropfenden Wasserhahn reparieren, zum Sport gehen – Männersachen machen“. Das Handy tutet, die ersten Kommentare zum gerade veröffentlichten Blogbeitrag trudeln ein. Das Zeitfenster hat sich geschlossen. Bevor er zum Rechner zurückgeht, um den Beitrag auch bei Facebook und Twitter einzustellen, reicht sie ihm noch eine Apfelsine, die sie gerade geschält hat.

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Titelfoto: Gabriele Luger

 

 

 

Big Data, der Bücherkanon und warum Amazon gar nicht so schlecht ist

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Wer bloggt, darf sich nicht wundern. Wer auf Facebook ist erst recht nicht. Tue ich auch nicht, denn ich will es ja so. Ich gebe Informationen preis, sag was mir gefällt und was nicht. Und da draußen lesen Leute mit. Auch das wundert mich nicht. Denn ohne Publikum wäre es ja witzlos. Ich weiß auch, dass das alles irgendwo gespeichert wird. Was ich so schreibe, like, meine. In riesigen Rechenzentren in Kalifornien, vielleicht aber auch gleich hier um die Ecke in Mönchengladbach oder Krefeld.

Big Data. Ich bin ein Teil davon. Das Internet kennt mich. Besser als meine Eltern, besser als meine Kollegen. Kennt mich vielleicht irgendwann sogar besser als ich mich selbst. Nicht alles von mir, aber Teile davon. Zum Beispiel mich als Leser. Da bin ich wie ein aufgeschlagenes Buch – nackig, transparent, der gläserne Kunde. Denn alles was ich lese, habe ich entweder aus dem Internet oder stelle es irgendwann dort ein. Als Rezension, mit Foto und Bewertung. Amazon kennt meinen Geschmack genau. Die Buch-Empfehlungen treffen in der Regel auf den Punkt. Der neue Houellebecq wird mir vorgeschlagen. Passt – aber hab ich mir schon im Buchladen gekauft. Lutz Seiler – na klar, gehört als Buchpreisgewinner natürlich auch in meine Leseliste. Seethaler, Thomas Melle und Katja Petrowskaja – alles Volltreffer, alles Top-Empfehlungen.

Bevor hier die ersten mit den Augen rollen und die Litanei vom Überwachungsstaat anstimmen – ich will das so. Ich finde gut, dass Amazon mich so gut kennt, um mir treffsicher Produkte vorzuschlagen. Denn ich habe keine Zeit für Experimente und keine Lust auf Werbung, die nichts mit mir zu tun hat.

Ich denke dabei an die aktuelle Diskussion hier in den Blogs zur neuen Frühjahrs-Bücherschwemme, der Halbwertzeit von Büchern (buzzaldrin) und dem Bücherkanon (sätze&schätze). Birgit zitiert in Ihrem Blog Arno Schmidt, der vorrechnet, dass man als berufstätiger Mensch gerade mal die Lektüre von 3.000 Büchern im Leben schafft. Da ist jede schlechte Empfehlung, jede Lektüre, die mich langweilt, mich nicht weiter bringt, mir nichts zu sagen hat, einfach vertane Lebenszeit. Ich habe nicht nur nichts dagegen, dass Algorithmen meine Daten im Netz zu Werbeempfehlungen hochrechnen. Nein, ich erwarte es mittlerweile sogar. Denn so geht Werbung heutzutage. Streuverluste kosten die Unternehmen nicht nur Geld, mich kostet es Zeit. Lebenszeit, die ich mit dem falschen Produkt verbracht habe. Und schon sind es nur noch 2999 Bücher, die man im Leben lesen kann.

Natürlich bin ich nicht total naiv und weiß selbstverständlich, dass auch Missbrauch mit meinen Daten getrieben werden kann. Aber höre ich deswegen auf zu telefonieren oder krankenversichert zu sein? Ich habe gelernt, mit meinen Datenspuren zu leben. Daten, die ich bewusst freigebe, Daten, von denen ich mir denken kann, dass sie gespeichert werden, Daten, die mein Handy automatisch erfasst. Ich weiß dass ich gerade jetzt, während ich das hier schreibe, Daten produziere, die mich z.B. als Blogger, als Leser, als Amazon-Kunden outen. Genauso wie jeder, der das hier gerade liest, als Datensatz in meiner WordPress-Statistik auftaucht.

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Und damit komme ich zu einem Buch, das ich allen an diesem Thema interessierten Lesern wärmstens empfehlen kann. Christoph Kucklick „Die Granulare Gesellschaft“ – das ultimative Buch zum Thema Big Data!“ Ich bin noch nicht ganz durch, deswegen gibt es hier keine Rezension. Aber soviel kann ich schon sagen. Der Autor zeigt sehr kenntnisreich und ohne dystopische Big-Brother-Ressentiments den Stand der Technik in Sachen Datenauswertung und die Auswirkungen auf unser Leben. Und was soll ich sagen? Das Leben wird durch Big Data nicht schlechter – ganz im Gegenteil. Vieles im Leben wird klarer, wenn man sich einfach nur mal die Daten anschaut. Frei von allen Deutungen und Interpretationen. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Vollkommen unromantisch und überhaupt nicht literarisch. In Sachen Gesundheit, bei der Partnerwahl, bei politischen Präferenzen und natürlich auch bei Literaturempfehlungen.

Und wer sich jetzt aufregt und meint: diese Entwicklung müssen wir unbedingt aufhalten – der sei an Dürrenmatts „Physiker“ erinnert. Ich hab den Klassiker damals in der Schule gelesen und die Conclusio ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: Alles, was technisch machbar ist, wird auch gemacht. Man kann es nicht aufhalten, man muss lernen, damit zu leben.

Soundtrack fürs Kopfkino

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Es ist eine dieser menschlichen Grundsatzfragen. So wie: kaufen oder mieten? E-Book oder Papier? Kartoffelsalat mit oder ohne Gurken? Ich kenne Menschen, die können nicht mit. Und es gibt Menschen, die können nicht ohne. Die Rede ist vom Musikhören beim Lesen.

Ich bin ein musikhörender Leser. Wenn ich ein Buch auf dem Schoß habe, dann habe ich in der Regel auch die Kopfhörer auf und höre Musik. Das gehört für mich dazu. Einerseits eine Notwendigkeit. Denn wenn Günther Jauch im Hintergrund die 16.000-Euro-Frage stellt, kann ich mich nicht auf meine Lektüre konzentrieren. Andererseits ist Musik für mich beim Lesen ein zusätzlicher Stimmungsverstärker. Der Soundtrack für mein Kopfkino.

Aber natürlich funktioniert das nicht mit irgendwelcher Musik. Genauso wenig wie mit irgendwelchen Büchern. Zu ausgewählter Literatur kommt auch nur ausgewählt Musikalisches auf die Ohren. Für mich zwei Seiten der gleichen Medaille. Ich kann Menschen nicht verstehen, die einerseits einen hohen literarischen Anspruch haben und andererseits an Musik das hören, was im Radio so läuft. Charthits und der beste Mix aus den Achtzigern, Neunzigern und von Heute. Oder noch schlimmer, aber das wissen die Betroffenen selber gar nicht: Snow Patrol und Sunrise Avenue. Mainstream-Musik zum Lesen von Mainstream-Literatur. Wer es mag – bitte sehr!

Für mich ist das nichts und ich betreibe gern den Aufwand. Denn in Sachen Musik auf dem Laufenden zu bleiben, kostet Zeit und Muße. Genauso, wie sich in Sachen Literatur Up-to-Date zuhalten. Zeit, die heutzutage kaum noch einer hat. Aber es lohnt sich und kann den Literaturgenuss noch steigern. Vorausgesetzt man wählt die richtige Musik zum Lesen aus. Denn nicht alles, was man musikalisch gut findet, eignet sich auch als Begleitung zur Lektüre.

Ich bevorzuge in erster Linie unaufdringliche, stille Stücke. Stimmungstragend, gerne auch nur instrumentell, elektronisch oder Singer/Songwriter mit Gitarre. Kein Uptempo, keine hektischen Gesangsperfomances und treibende Gitarren. Und kein deutscher Text. Denn die Musik muss beim Lesen immer im Hintergrund bleiben. Englische Songtexte kann ich ausblenden, nehme ich gar nicht als Textinformation wahr. Bei deutschen Texten funktioniert das bei mir nicht. Da entsteht beim Lesen so etwas wie eine Rückkopplung mit schrillem Pfeifton im Kopf.

Lesemusik darf Stimmungen tragen, sie unterfüttern, aber auf gar keinen Fall dominieren. Sie hat eine dienende Funktion, ist der Lektüre ungeordnet, darf mit ihr spielen, sie necken, herausfordern, aber auf keinen Fall mehr. Lesemusik ist im besten Falle devot. Sie funktioniert auch ohne Buch, trägt dann meine Gedanken und Tagträume.

Ich nenn einfach mal ein paar Beispiele. Hier die in meinen Ohren besten Alben 2014 zur Begleitung anregender Literatur:

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Obere Reihe (von links nach rechts).

Alone for the First Time – Ryan Hemsworth

Über Alles – Chilly Gonzales

Aftermath – Hundreds

Warpaint – Warpaint

Mittlere Reihe: 

Sleep in the Water – Snakadaktal

If You Wait – London Grammar

The Unknown – Dillon

Bon Iver – Bon Iver

Untere Reihe: 

My Favourite Faded Fantasy – Damien Rice

Angus & Julia Stone – Angus & Julia Stone

As If To Nothing – Craig Armstrong

A Strange Encounter – Thirteen Senses

Ich habe bei Soundcloud nach Hörproben gesucht und die Alben verlinkt.
Hört doch mal in das eine oder andere Album rein. Ich freue mich, wenn Ihr Spaß an der Liste habt.

Ich will hier nur sitzen.

(bibliophil = soziophob?)

Bücherfreunde sind keine besonders spannenden Lebenspartner. Das zeigt sich ganz besonders bei der täglichen Abendgestaltung. Wenn es nach mir ginge, könnte ich 365 Tage im Jahr jeden Abend das Gleiche tun. In meinem alten Sessel sitzen und lesen. Nicht eine Minute kommt mir in den Sinn, dass ich irgendetwas verpassen könnte. Freunde besuchen oder ins Kino gehen? Warum? Waren wir da nicht erst letztes Jahr?

Im besten Fall hat man einen Partner, der auch gerne liest. Es gibt für mich nichts Schöneres, als gemeinsam auf dem Sofa sitzend den Abend zu verbringen. Jeder mit seinem Buch und einem Glas Wein. Dazu ein paar Knabbereien und unaufdringliche Musik. Was es zum Alltagsgeschehen zu sagen gab, hat man bereits beim Abendbrot erledigt. Auf dem Sofa ist dann Ruhe. Ab und zu gibt es mal eine zärtliche Berührung und die Nachfrage: wie ist Dein Buch? Oder: willst Du auch noch ein Glas Wein? Gemeinsam einsam, jeder in seiner Romanwelt. Herrlich!

Das ist der Idealzustand. So könnte es immer sein. Aber leider kommt einem immer wieder das Leben dazwischen. Berufliches wie Privates. Dinge, die auch nett sind – ohne Frage. Telefonate, Verabredungen, hin und wieder mal eine Geburtstagsparty. Aber alles Dinge, die Zeit kosten. Und zwar Lesezeit. Wer wie ich einen anstrengenden, kommunikativen Beruf hat, freut sich auf die zwei, drei friedvollen Lesestunden zum Feierabend. Bevor einem vor Müdigkeit die Augen zufallen und man am nächsten Morgen wieder raus muss.

Für meinen Geschmack hat so ein Tag viel zu viel Arbeitszeit und viel zu wenig Lesezeit. Und wenn man dann auch noch aus gesundheitlichen Gründen Ausdauersport machen muss, bleibt einem kaum noch Zeit für Zwischenmenschliches. Am liebsten würde ich soziale Kontakte auf die Zeit werktags von 9.00 bis 19.00 Uhr beschränken. Optimal ist es, wenn man mit Geschäftspartnern auch befreundet ist. So kann man private Kontakte unbestraft auch während der Arbeitszeit pflegen und hat abends seine Ruhe.

Um nicht als mürrischer Bücherkauz zu enden, bin ich froh, dass meine Frau zwar gerne liest, aber auch noch andere Interessen hat. Sie sorgt dafür, dass ich nicht völlig vereinsame und wir alle paar Wochen auch privat mal unter Leute kommen. Es ist dann auch meistens sehr unterhaltsam und nett. Aber mehr als ein bis zwei mal im Monat muss ich das nicht haben.

Das weiß meine Frau, nimmt darauf Rücksicht und fragt mich abends gar nicht mehr, was ich am liebsten machen will. Denn ich will nicht ins Kino, nicht ins Theater, zu keiner Party und nicht zum Essen eingeladen werden. Und ich hasse Spieleabende. Ich will ich hier nur sitzen und lesen.