Philipp Winkler – Hool

5

 

Ein stummer Schrei aus Wunstorf.

Er war überall. Bei der Preisverleihung im Römer, bei ARD und ZDF, am Stand von Aufbau und der WELT, auf dem blauen Sofa, dem roten Sofa, bei Orbanism und im Mantis auf dem Klo – überall ist er einem über den Weg gelaufen. Von den anderen Shortlist-Kandidaten hat man dagegen auf der Buchmesse nicht viel mitbekommen, sie standen mit ihren 08/15-Frisuren im Abseits rum und wurden nur selten angespielt. Für Philipp Winkler dagegen war diese Buchmesse ein einziger Traumpass, den er Volley genommen und oben im linken Eck unhaltbar verwandelt hat.

Souverän, sympathisch und noch dazu cool und lässig auf immer die gleichen Fragen reagieren, das muss einem erstmal einer nachmachen. Noch dazu als absoluter Newcomer auf dem Parkett. Kompliment. Waren sie mal Hooligan? Woher haben sie den Einblick in die Szene? Sind alle Hooligans rechtsradikal? Haben Sie schon mal solch eine Schlägerei mitgemacht? Auch wenn Winkler nicht immer mit einer Traumparade reagiert hat, so hat er zumindest seinen Kasten sauber gehalten.

Natürlich ist es in erster Linie das Thema, das zieht. Hooligans – da läuft es jedem Bildungsbürger erstmal kalt den Rücken runter. Man kennt sie nur als amorphe, grölende Masse, hinter den Absperrgittern der Nord- oder Südkurve, an Spieltagen von einer Hundertschaft durch die Stadt zum Stadion eskortiert. Wer mit so einer bierseligen Horde schon mal im selben Zug gesessen hat, weiß Bescheid. Jetzt gibt es also den ersten literarisch anspruchsvollen Roman, der in dieser Szene spielt. Wobei von der Kritik nicht nur der literarische Anspruch in Frage gestellt wird, sondern auch, dass das Thema wirklich neu sei.

Die Sprache ist natürlich derb, einfach und dem Milieu entnommen. Anders würde das Buch auch nicht funktionieren. Den literarischen Anspruch deshalb in Frage zu stellen, ist natürlich abstrus. Die Frage, die sich aber stellt: Ist das hier gelungen? Ist die Sprache so gewählt, dass sich der Leser ein authentisches Stimmungsbild machen kann? Ich finde ja, auch wenn ich aufgrund mangelnder Berührungspunkte nicht beurteilen kann, ob in der Hooligan-Szene wirklich so gesprochen wird. In meinen Ohren klingt da alles stimmig, auch wenn ich bei Ausdrücken wie „Gesichtsbuch“ anstelle von Facebook erstmal skeptisch schaute. Aber ich kenne auch Menschen, die sagen „zum Bleistift“, „Märchensteuer“ und Wirsing, statt auf Wiedersehen. Und ob das jetzt wirklich alles neu ist, ist prinzipiell auch egal. Geschenkt, wenn es denn schon vorher einen Roman aus der Hooligan-Szene gegeben haben sollte. Der hier hat es auf die Shortlist des Buchpreises geschafft, den Aspekte-Literaturpreis bekommen und die Frankfurter Buchmesse gerockt. Mehr Relevanz geht nicht.

Bloggerkollegin Sophie kritisiert, dass ihr die Romanfiguren zu klischeebehaftet und vorhersehbar gezeichnet sind. Das kaputte Familienumfeld des Helden Heiko, der saufende Vater, die Mutter, die irgendwann abgehauen ist, die stille Thailänderin, die an ihrer statt eingezogen ist, die Hundekämpfe, die Anabolika schluckenden Bodybuilder – das alles ist nicht wirklich neu, meint Sophie; ein klassisches Verlierer-Setting und daher für sie enttäuschend. Man kann dem entgegenhalten, dass schlichte Menschen nunmal häufig aus schlichten Verhältnissen stammen. Ein Jura studierender und aus einem Ärztehaushalt stammender Hooligan wäre zwar weniger vorhersehbar gewesen, aber auch weniger authentisch.

Mich haben weder die Sprache noch die Charakter-Klischees gestört. Ich finde den Roman stimmig, sprachlich und atmosphärisch dicht und insgesamt sehr unterhaltsam. Und mir ist auch vollkommen egal, ob die Kämpfe bei den Hooligans jetzt tatsächlich genau so ablaufen, ob in dem Milieu so gesprochen wird und Hannover 96 und die Braunschweiger wirklich Spinnefeind sind. Es ist ein Roman, es sind ausgedachte Figuren und Winkler hat sie in meinen Augen interessant und authentisch gezeichnet. Und natürlich sind Hooligans nicht nur Saufköppe und brutale Schläger. Hooligans wie Heiko sitzen nächtelang im Auto vor der Wohnung ihrer verflossenen Liebe, sie kümmern sich um Vatterns Tauben und besuchen den kranken Kumpel im Krankenhaus. Harte Schale, weicher Kern – noch so ein Charakter-Klischee. Nach Ansicht der Ärzte, ist Hass ja sowieso nur ein stummer Schrei nach Liebe. Und auch Heiko will eigentlich nur mal in den Arm genommen werden.

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Verlag: Aufbau
310 Seiten, 19,95 €

Hier der Link zur Rezension von Sophie Weigand vom Blog Literaturen:

 

 

Michael Kumpfmüller – Die Erziehung des Mannes

9

Es ist schon komisch. Da meint man ein wenig Bescheid zu wissen, alle wichtigen Player im Literaturbetrieb zu kennen und dann kommt die Longlist des Buchpreises mit Namen daher, die man noch nie gehört hat, wie Platzgumer oder Kumpfmüller. Zumindest Letzteren hätte ich kennen müssen, denn er hat bereits mit einigen Titeln, wie zum Beispiel „Die Herrlichkeit des Lebens“ auf sich aufmerksam gemacht. Doch er ist mit all seinen Werken bisher komplett an mir vorbeigegangen. Aber das ist Vergangenheit, den Namen werde ich mir merken, denn mit der „Erziehung des Mannes“ hat er einen grandiosen Einstand bei mir gehabt.

Wie den Melle konnte ich auch diesen Longlist-Titel einfach nicht aus der Hand legen und hab die 315 Seiten in einem Rutsch innerhalb von zwei Tagen gelesen. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich diesen Entwicklungsroman anderen Lesern so ohne Weiteres ans Herz legen kann. Denn mich hat die Geschichte so berührt, weil ich mich an so vielen Punkten im Protagonisten Georg wiedergefunden habe. Stellenweise hatte ich das Gefühl, Kumpfmüller zitiert aus meinem Leben, beschreibt meine Jugend, meine ersten Schritte ins Erwachsenenleben, meine gescheiterte Ehe und den anschließenden Rosenkrieg. Stellenweise erschienen mir sogar einige Dialoge, als wenn ich sie vor Jahren schon mal genau so geführt habe.

Das heißt, es ist mal wieder alles andere als objektiv, was meine Begeisterung für diesen Roman anbetrifft. Auch wenn ich mit offenem Mund Seite um Seite wie paralysiert umblätterte, heißt das nicht, dass es anderen auch so gehen wird. Aber vielleicht erzähle ich trotzdem mal kurz, worum es hier geht.

Da ist Georg, ein Musikwissenschaftler und Komponist von klassischer Musik. Der Roman startet irgendwann Anfang der Achtziger, Georg studiert und lebt seit einigen Jahren mit Katrin zusammen – erst in Freiburg, dann in Hamburg. Doch mit Katrin läuft es nicht mehr so gut, besonders im Bett – da passiert schon seit langer Zeit gar nichts mehr. Georg leidet still vor sich hin, käme sich aber schäbig vor, deswegen Schluss zu machen. Also ein super anständiger Typ; einer der Verständnis hat, der einen stundenlang im Arm halten kann, Seite an Seite liegen und Zärtlichkeiten austauschen kann, ohne Hintergedanken. Er geht dann einfach irgendwann ins Bad und erleichtert sich, anstatt Katrin irgendeine Körperlichkeit abzufordern, die sie ihm freiwillig nicht gewähren will. Später heißt es dann von ebendieser Katrin: ‚Warum hast du es dir nicht einfach mit Gewalt genommen?‘ Und Georg kann nicht fassen, dass sie das wirklich sagt. Erste Lektion gelernt.

Dann taucht irgendwann Jule auf und Georg versucht mit ihr den Absprung von Katrin, kommt dadurch vom Regen in die Traufe, aber das wird er erst später erkennen, wenn er auch diese Lektion gelernt hat. Jule entpuppt sich als der Albtraum eines jeden Mannes. Eine dominante, selbstverliebte Lehrerin, die alles besser weiß, alle Register zieht, um ihren Willen durchzusetzen und auch nicht davor zurückschreckt, dafür die Kinder zu instrumentalisieren. Ja, Georg hat einen schweren Fehler gemacht, als er Jule geheiratet und mit ihr auch noch drei Kinder gezeugt hat. Ein Fehler, der sein ganzes weiteres Leben bestimmen wird. Denn natürlich steht so ein grundanständiger Kerl wie Georg auch nach dem voraussehbaren Scheitern der Beziehung zu seiner Verantwortung als Vater. Obendrein liebt er seine Kinder sehr, ein Umstand, den Jule auch noch Jahre nach der Scheidung für ihre Zwecke zu nutzen weiß.

Und während Georg sich durch diesen Beziehungskrieg kämpf, geht das Leben weiter. Die Kinder werden größer, es wird nicht einfacher, sondern anders schwer. Nebenher gilt es noch, die eigene Karriere und eine neue Liebe, ein neues Glück aufzubauen. Doch Jule lässt nicht locker, am Ende haben alle verloren: Georg, Jule und die Kinder – die nächstes schmerzliche Lektion.

Am Ende des Romans ist Georg über sechzig und blickt erschöpft zurück. ‚Er war stets bemüht‘, würde im Arbeitszeugnis seines Lebens stehen. Einer, der bei Vorgesetzten und Kollegen gleichermaßen beliebt war und sich durch sein großes Einfühlungsvermögen ausgezeichnet hat. Doch leider fehlte ihm bei der Durchsetzung seiner Ziele die nötige Konsequenz und die Fähigkeit, Dinge auch gegen starke Widerstände durchzusetzen. So konnte Georg die ihm übertragenen Lebensaufgaben leider nicht zur vollsten Zufriedenheit ausführen. Er verlässt uns nach 315 Seiten auf eigenen Wunsch, um sich mit seiner Geschichte für die Shortlist des deutschen Buchpreises zu bewerben.

Ich wünsche Georg und Herrn Kumpfmüller bei diesem Unterfangen viel Erfolg und auf ihrem weiteren Lebensweg beruflich wie privat alles Gute.

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
320 Seiten, 19,99 €

Julian McLaren-Ross – Von Liebe und Hunger

1

 

Julian Maclaren-Ross – Von Liebe und Hunger.

Von diesem Autor habe ich noch nie etwas gehört – genauso wenig wie vom Arco-Verlag aus Wuppertal. Trotzdem wollte ich den dort erschienenen Roman auf der Stelle und unbedingt lesen. Schuld daran war eine Buchkritik von Edelgard Abenstein (auch noch nie gehört) auf Deutschlandradio Kultur. Das wäre ein Buch für alle, die Dashiell Hammett, Raymond Chandler und auch Ernest Hemingway mögen, hieß es da. Diese Namen dagegen kenne ich nur zu gut. Das sind die Helden meiner jungen Lesejahre, mit diesen Autoren bin ich erwachsen geworden, sie haben mein Männerbild geprägt. Einmal so cool und lässig sein wie Philip Marlowe oder so schlicht, trocken und intensiv schreiben können wie Hemingway. Das war der Plan, damals als ich zwanzig war.

Aber wie das nun mal so ist; Ziele und Pläne ändern sich oder geraten in Vergessenheit. Genauso wie auch Julian Maclaren-Ross. Der 1964 verstorbene Schriftsteller war eine schillernde Figur in den Nachkriegsjahren in Großbritannien, bekannt für ein paar Kurzgeschichten aber vor allem auch für seine Erscheinung und seinen Lebensstil. Ein stets in Anzug, Krawatte und dunkler Sonnenbrille gekleideter Dandy-Säufer, der den Vorschuss auf seine Geschichten in den Londoner Kneipen durchbrachte. Er hat genau diesen einen, 1947 erschienenen Roman geschrieben und war damit für kurze Zeit ein Star. Hier in Deutschland kannte man ihn nicht. Erst jetzt, 52 Jahre nach seinem Tod, hat der kleine, ambitionierte Arco-Verlag diesen Autor wiederentdeckt und sein Romandebüt in der Übersetzung von Joachim Kalka dem deutschen Publikum zugänglich gemacht. Diese Wiederentdeckung allein ist schon eine tolle Story. Die teilweise autobiografische Geschichte über den erfolglosen Staubsauger-Vertreter Richard Fanshawe ist es aber auch.

Der Vergleich zu den Harboiled-Genre Autoren Hammett und Chandler ist durchaus zutreffend. Auch der Romanheld in „Von Liebe und Hunger“ ist so ein hartgesottener, kettenrauchender Zyniker wie Marlowe und Konsorten. Sprachlich erinnert mich dieser Roman schon sehr an die genannten Vorbilder. In kurzen knappen Sätzen werden wir vom Ich-Erzähler in das Roman-Setting eingeführt. Keine Ausschmückungen, nichts wird verschachtelt, alles ist klar skizziert und auf den Punkt gebracht.

Man ist sofort drin, kann sich den kleinen englischen Badeort im Jahre 1939 gut vorstellen, sieht vor dem inneren Auge die Staubsaugervertreter von Haustür zu Haustür ziehen, klingeln, Teppiche reinigen, Verkaufsgespräche führen. Später sitzen die Männer in den Kneipen, tauschen sich über ihre Erfolge und Misserfolge aus und überlegen, ob sie nicht einfach die Branche wechseln und lieber Bürsten verkaufen sollten. Aber so oder so – es ist immer nur ein Hungerlohn; einen echten Ausweg gibt es nicht und der Krieg steht praktisch schon vor der Tür. Auch die Liebe, die einzige Abwechslung in dem tristen Vorkriegsalltag, gestaltet sich für den Romanhelden schwierig und endet in einem Desaster.

Von Liebe und Hunger – der Titel dieses Romans ist Programm. Genau darum geht es. Und hier unterscheidet sich Maclaren-Ross von Hammett und Chandler, die ja in erster Linie Krimiautoren waren. Es passiert kein Verbrechen, das es aufzuklären gilt. In dieser Geschichte geht es nur um den schnöden Alltag in einer wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeit, um enttäuschte Hoffnungen, um verschmähte Liebe und den geheimen Traum des Protagonisten, irgendwann einmal Schriftsteller zu werden. Das sind auch heute noch typische Themen der Gegenwartsliteratur und zusammen mit der schnörkellosen, einfachen Sprache erscheint dieser Roman beinahe zeitlos.

Alles in allem ist dies eine wunderbare literarische Wiederentdeckung, ein tolles Lesevergnügen und eine besondere Empfehlung für die letzten lesenden Männer. Dieser Roman ist ehrlich und authentisch, klar auf den Punkt und dabei lässig und entspannt – so wie Männer insgeheim alle gerne wären, wenn ihnen da nicht immer irgendetwas dazwischen kommen würde: Frauen, Kriege oder einfach nur die eigenen Unzulänglichkeiten. Maclaren-Ross ist der Alkohol und dann schließlich mit 52 Jahren ein Herzinfarkt dazwischen gekommen. Zu jung zum Sterben und zu alt, um unsterblich zu werden.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Arco-Verlag
Übersetzung: Joachim Kalka
260 Seiten, 24,00 €

 

David Vann – Aquarium

9

 

Ich weiß nicht, ob das sein Thema ist, denn so viel habe ich von diesem Autor noch nicht gelesen. Aquarium ist erst mein zweiter Vann-Roman. Aber „Dreck“ war bereits ein Familien-Beziehungsdrama und Aquarium ist es auch. Und das muss man ihm lassen, dieses Eltern-Kind-Ding kann er gut. Schon bei Dreck ging mir die tragisch-schaurige Geschichte von Mutter und Sohn unter die Haut, und auch in seinem neuen Roman lässt einen die Schilderung der auch hier wieder herrlich zerrütteten Familienverhältnisse erschaudern.

Ich versuche die Geschichte jetzt mal zusammenzufassen, ohne allzu viel zu spoilern. Die zwölfjährige Caitlin lebt mit ihrer Mutter alleine irgendwo in Detroit, in einem Stadtteil und einer Wohnung, wo keiner freiwillig wohnt. Einen Vater gibt es nicht. Sheri, die Mutter, geht einer körperlich harten und schlecht bezahlten Tätigkeit irgendwo im Containerhafen nach. Mutter und Tochter verlassen frühmorgens gemeinsam das Haus und kehren spät abends wieder heim. Dann Essen machen, Hausaufgaben, ein wenig Fernsehen, das war’s. Und am nächsten Tag wieder das Gleiche. Jahrein, jahraus – ohne Hoffnung auf bessere Zeiten. Bis ihre Mutter sie abends wieder abholt, vertreibt sich Caitlin die Zeit nach der Schule im städtischen Aquarium. Sie kennt jedes Becken, jeden Fisch und jede Krabbe. Und dort lernt sie eines Tages einen alten Mann kennen, der die Nachmittage mit ihr durch die Unterwasserwelt streift.

So weit, so unschön. Ein normales Leben, hart aber nicht ohne Liebe. Mutter und Tochter sind eine symbiotische Einheit, im harten Alltagstrott vereint, geben sich gegenseitig Halt und Wärme. Doch damit ist es schlagartig vorbei, als herauskommt, dass der alte Mann im Aquarium Caitlins Großvater ist. Was für Caitlin das größte Glück bedeutet, denn sie wünscht sich nichts sehnlicher als eine richtige, große Familie, ist für Ihre Mutter Sheri eine Katastrophe. Sheri hasst ihren Vater, seit er vor mehr als zwanzig Jahren einfach abgehauen ist und sie, damals im gleichen Alter wie ihre Tochter heute, mit der todkranken Mutter zurückgelassen hat. Sie musste ihre Mutter viele Jahre bis zu ihrem Tod pflegen und hat dadurch nicht nur Schule und Ausbildung versäumt, sondern auch keine Freunde, keine Freizeit und keine Kindheit mehr gehabt. So etwas kann man nicht verzeihen, damit hat sich ein Vater auf ewig jeden Anspruch auf Tochterliebe verspielt.

Doch genau das erwartet Caitlin von ihrer Mutter. Sie liebt ihren Großvater und will ihn, einmal gewonnen, nicht wieder verlieren. Ihre Mutter soll verzeihen, soll ihren Hass überwinden. Das kann doch nicht so schwer sein. Ist es aber doch. Und den Ursprung des Schmerzes soll Caitlin am eigenen Leib erfahren. Sie soll das erleben, was sie damals auch durchleben musste. Und so läuft die Geschichte auf eine dramatische Zerreißprobe hinaus. Ein Hin und Her zwischen Liebe und Hass, brutal, schmerzhaft und traumatisch.

David Vann erzählt die Geschichte aus Sicht der zwölfjährigen Caitlin und beherrscht die kindliche Erzählperspektive perfekt. Da ist nichts albern oder altklug, sondern alles authentisch und stimmig. Passend dazu ist die Sprache einfach und klar. Keine Schnörkel und literarischen Spielereien. Als Leser gleitet man so dahin, ist schnell drin in der Geschichte und spürt von Seite zu Seite, wie Vann die Schlinge enger zieht, wie sich beim Lesen alles verkrampft und man auf einmal mittendrin ist, in diesem brutalen Beziehungschaos.

Und als Leser lässt einen die Geschichte auch deswegen schon nicht kalt, weil sich parallel eine zweite Ebene aufbaut. Die eigene Geschichte, meine Kindheit, all das was ich meinen Eltern nicht verzeihen kann, das, was mich heute noch blockiert, was ich mir anders gewünscht hätte, was man aber einfach nicht mehr rückgängig machen kann. Wenn man nachdenkt, findet sicherlich jeder Ereignisse im Leben, an denen sich etwas entschieden hat. Wo auf einmal klar war, das ist jetzt der Weg, den du gehen musst, ob dir das nun gefällt oder nicht.

Und so bin ich bei der Lektüre von Aquarium permanent in zwei Welten unterwegs. In der Romanwelt und meiner eigenen. Leide mit Caitlin mit, kann aber auch ihre Mutter und ihren Hass verstehen und genauso den Großvater, der ja eigentlich nichts gemacht hat, außer nichts zu machen und zu gehen. Aber Familie funktioniert so nicht, da hat alles seine Konsequenzen. Machen oder nicht machen, sich kümmern oder nicht, verstehen oder nicht verstehen.

Wenn man mich fragen würde, wo genau der Unterschied zwischen anspruchsvoller Literatur und einem Unterhaltungsroman liegt, dann wäre es genau das soeben Beschriebene. Gute Literatur ist niemals eindimensional. Da ist neben der eigentlichen Handlung immer auch eine weitere Ebene, öffnet sich ein zweites oder drittes Fenster und gibt den Blick frei auf Dinge, die wir als Leser mit unserem ganz individuellen Wissen und Erfahrungen angereichert für uns entdecken können. Und das ist David Vann mit Aquarium wieder einmal ganz hervorragend gelungen. Er erzählt nicht nur die Geschichte von Caitlin und ihrer Mutter, sondern zeigt uns auch die vielen Abstufungen und verborgenen Ebenen zwischen Liebe und Hass. 

Verlag: Suhrkamp

283 Seiten, 22,95 €

Juli Zeh – Unterleuten

6

 

Ich weiß gar nicht, ob ich in jungen Jahren offener oder noch verstockter war als ich es jetzt bin. Man sagt ja älteren Männern eine nachlassende Aufgeschlossenheit nach. Zu Recht, denn genügend Erfahrungen wurden schließlich gemacht, das Weltbild steht. Wann, wenn nicht jetzt, ist die richtige Zeit für eine klare Meinung? „Hab ich doch gesagt“ und „Ist so““ sind zu Lebens-Leitsprüchen geworden. Und davon gibt es bei mir von Jahr zu Jahr immer mehr. Einer lautete bisher: „Juli Zeh geht gar nicht“.

Ob Vorratsdatenspeicherung, NSA-Affäre oder sonstige politische Debatten – Juli Zeh saß in gefühlt jeder zweiten TV-Talkrunde mit im Stuhlkreis. Wenn ich ihr engagiertes, sendungsbewusstes Gesicht sah, habe ich regelmäßig umgeschaltet. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, ein Buch von ihr zu lesen.

Doch dann habe ich auf einem Blog die erste hymnische Besprechung über ihren neuen Roman gelesen. Ein paar Tage später noch eine und dann noch eine. Und da kam ich dann schon ins Grübeln. Sollte ich vielleicht mal mein Urteil überdenken? Schließlich hatte ich Juli Zeh bisher noch gar nicht als Autorin, sondern nur als nervige TV-Debattiererin kennengelernt. Im Zweifel könnte ich ja meine Antipathie weiterführen und einen schönen Verriss schreiben. In einem Anflug von Altersmilde bestellte ich mir also das Buch, auch um mal zu schauen, was an Volker Weidermanns Zitat auf dem Backcover dran ist, der da sagt: „Im Grunde ist Juli Zeh genau jene Schriftstellerin, nach der sich alle sehnen.“

Eines kann ich schon mal vorwegnehmen. Weidermann hat Recht. Juli Zeh ist eine grandiose Schriftstellerin. Ihr Roman hat alles, was ein großer Gesellschaftsroman haben muss: Ein glaubwürdiges Setting, vielschichtige und interessante Charaktere, einen spannenden Plot mit aktuellen Bezügen und einen lebendigen, flüssigen und abwechslungsreichen Erzählstil. Das alles lässt einen Seite für Seite wie im Rausch umblättern. Ja, Unterleuten ist ein echter Pageturner. Kommt dick daher wie ein Tausendseiter, erscheint einem beim Lesen wie ein dünner Zweihundertseiter, hat aber tatsächlich 635 Seiten. Man bleibt dran, ist am Haken und hat in ein paar Tagen diesen Roman ausgelesen. Und seien wir doch mal ehrlich, das ist doch genau das Leseerlebnis, wonach wir alle immer wieder suchen. Dieses Eintauchen, dieses Sich-Verlieren in einer Geschichte, lesen bis einem spät in der Nacht die Augen zufallen, nur um morgens beim ersten Kaffee schon wieder weiterzulesen. Lesen in der Mittagspause, lesen als Beifahrer im Auto, in der Bahn und auf dem Klo. Ja, Volker Weidermann hat vollkommen recht – wenn ein Autor oder eine Autorin es schafft, diesen Leseflow zu erzeugen, dann ist das der perfekte Schriftsteller.

Was mich persönlich an diesem Roman so fasziniert hat, ist nicht der Plot, nicht das Setting in der Brandenburgischen Provinz, nein, das waren die Charaktere. Juli Zeh hat sich die Zeit genommen, jeden einzelnen der zahlreichen Romanfiguren detailliert und liebevoll einzuführen. Da ist der alte Kron, einer dieser Hundertprozentigen aus der alten DDR, einer, der das alte Regime, die alte Ordnung noch immer in sich trägt. Oder sein Gegenspieler Gombrowski, ein Bär von einem Mann, einer der alles aufgrund seiner schieren Leibesfülle dominiert, einer der sich einsetzt, der alles gibt, Gutes tut, aber was auch immer er anstellt, immer Feindbild bleibt. Oder Jule und Gerhard, ein stadtflüchtendes Akademiker-Paar, er alt, sie jung, mit Kind und Tragetuch. Dann wären da noch Frederic und Linda, er Computernerd und Spieleentwickler, sie Pferdeflüsterin und dominante Powerfrau, die rücksichtslos ihre Interessen durchsetzt. Alle diese Figuren, ihre Denkmuster, Zwänge und Handlungsroutinen lernen wir im Verlauf dieses Romans detailliert kennen. Juli Zeh baut auf, beschreibt, berichtet und erzählt ihre Geschichte auf eine angenehm zurückhaltende Weise. Ich hätte jetzt klare politische Standpunkte erwartet, das mir aus den TV-Talkshows bekannte Sendungsbewusstsein, aber nichts davon. Ich fühle mich als Leser nicht gedrängt, nicht in eine bestimmte Richtung manövriert. Zeh legt selbst die Figuren, die nicht ihrem gesellschaftspolitischen Weltbild entsprechen, mit großer Empathie und Sympathie an.

Ich muss sagen, das hätte ich jetzt nicht erwartet. Ich hatte Juli Zeh als Überzeugungstäterin eingestuft, eine, die jedem immer und überall ihre Weltsicht aufs Auge drückt. Eine politische Autorin, die wie Sartre oder Brecht in erster Linie deswegen schreibt, um Missstände anzuprangern, Dinge zu verändern, wachzurütteln. Vielleicht will sie das insgeheim auch, aber wenn, dann lässt sie es sich nicht anmerken. Trotzdem ist Unterleuten ein politischer Roman, hier kommt alles das zusammen, was in unserer Gesellschaft an Kräften agiert. Das Kapital, das Gestern, das Morgen, Ego-Shooter, Verkopfte, Bodenständige, Bestimmer und Befehlsempfänger und der ganze Rest von Menschen, die weder das Eine noch das Andere sind, sondern einfach nur versuchen klar zu kommen.

Und dann ist da noch die nette Posse rund um den Lebensberater und Buchautor Manfred Gortz, dessen Erfolgsformeln rund um Machtmenschen (Movern) und ihren Gegenspielern, den sogenannten Killjoys, im Buch immer wieder zitiert werden. Hier durchbricht Juli Zeh die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit, die Romanwelt tritt ins echte Leben ein. Das zitierte Buch „Dein Erfolg“ gibt es wirklich, man kann es kaufen, den Autor Manfred Gortz gibt es aber anscheinend nicht, er scheint eine ausgelagerte Romanfigur zu sein. Wenn es denn so ist, dann wäre das eine interessante literarische Spielart mit Aha-Effekt.

So lass ich mir Gesellschaftskritik gerne gefallen. Gekonnt und intelligent in Szene gesetzt. Natürlich werden auch hier Klischees bedient – der Computernerd, der Investor aus Rüsselsheim, der Möchtegernschriftssteller – aber Juli Zeh verschont uns mit ausgelutschten Phrasen und verknüpft jede Position in der Unterleutener Windkraft-Debatte mit einem persönlichen Schicksal. So durchlebt man mit jeder Figur alle Argumente und versteht auf einmal jeden einzelnen Standpunkt. Das ist grandios und prinzipiell genau das, was uns bei allen öffentlichen Debatten immer wieder fehlt: Verständnis für die Sichtweise des jeweils anders Denkenden. Eigentlich ganz einfach und trotzdem unglaublich schwer.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Luchterhand
635 Seiten, 24.99 €

Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz

8

 

Nachdem ich dieses Buch ausgelesen hatte, musste ich mir auf YouTube unbedingt noch mal die Sendung des Literarischen Quartetts vom 26.02.2016 mit Maxim Billers fatalem Fehlurteil ansehen. Biller hat mich ja anfangs amüsiert, nach seinem Bov Berg Plädoyer konnte ich ihn schon nicht mehr ernst nehmen, doch seine dummen Kommentare zu Panikherz haben ihn in meinen Augen endgültig erledigt. Man mag ihm zugute halten, dass er eine Meinung hat und diese mit Leidenschaft und Nachdruck zum Ausdruck bringt. Aber wer nicht erkennt — bei Ihm würde ich sagen: erkennen will — dass die Lebenserinnerungen von Benjamin von Stuckrad-Barre ein literarisches Meisterstück sind, der hat einfach keine Ahnung. Ich meine, wer liest eigentlich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung? Bestimmt niemand, der auch Stuckrad-Barre lesen würde. Billers Aussage, dass es sich hier um ein ekelhaftes, unerträglich moralisierendes Buch handelt, macht mich wütend. Das ist einfach nur ignorant, da möchte ich nichts mehr weiter zu sagen als: Biller, sie sind raus!

Aber dieses Urteil zu Panikherz ist ein schönes Beispiel dafür, dass selbst professionelle Kritiker nicht in der Lage sind, Werke bestimmter Schriftsteller unvoreingenommen zu bewerten. Es wird immer auch die Person des Autors und seine mediale Präsenz und Inszenierung mit bewertet. Auch bei Ronja von Rönne ist dies mehr als offensichtlich. Wenn man den Schreibenden nicht mag, wird man mit hoher Wahrscheinlichkeit auch sein Buch nicht mögen. Man wird nach Stellen suchen, die einen in der ablehnenden Haltung bestätigen und diese mit Sicherheit auch finden. Und wenn nicht, dann biegt man sich, wie Biller, seine Wahrheiten eben zurecht.

Aber das sind Probleme, die ein normaler Leser gar nicht hat. Denn wer liest schon freiwillig Bücher von Autoren, die man gar nicht mag. Warum sollte man sich das antun? Warum über 500 Seiten einem Menschen wie Benjamin von Stuckrad-Barre durchs Leben begleiten, wenn man sich nicht für ihn interessiert, ihn unsympathisch findet? Gerade „Stucki“ hat sich Zeit seines Lebens nicht nur Freunde gemacht. Sein respektloser Witz, seine aufgedrehte Art, diese intellektuelle Hybris — das ist nicht jedermanns Sache. Kann ich gut verstehen. Doch dieses Buch ist anders. Es ist schonungslos offen, vollkommen uneitel, bewegend und anrührend, menschlich und zu 100 Prozent authentisch. Und noch dazu ist es sprachlich phänomenal, hat Drive, Witz und Tiefe. BSB gelingt es, seinen Aufstieg zum It-Boy der deutschen Populärkultur sowie den Absturz in den Drogensumpf und die anschließende Rekonvaleszenz in den USA immer mit den richtigen Worten zu begleiten. Während zu Beginn der Karriere in jedem Satz Hoffnung, Übermut und Leichtigkeit mitschwingt, wird es bei der Beschreibung der Drogenjahre angemessen wirr, hektisch, lethargisch und unstrukturiert, um dann am Ende ruhig und nachdenklich auszuklingen.

Das Zitat auf dem Backcover des Buches bringt es auf den Punkt: „Stuckrad-Barre ist einer der begabtesten Schriftssteller seiner Generation, und endlich hat er das Buch geschrieben, dass er schreiben musste“, sagt Ferdinand von Schirach. Und genau das habe ich auch gedacht.

Vielleicht musste es so weit mit ihm kommen, damit er genau dieses eine Buch schreiben konnte. Das deswegen so gut ist, weil es nicht ausgedacht, nicht konstruiert ist. Weil er den Absturz aus dem Popolymp ins Hamburger Bahnhofsviertel wirklich praktiziert hat, weil er auf seine eigene Person keine Rücksicht genommen hat, nichts beschönigt und jede einzelne Schwäche offenbart hat. Und es ist ganz besonders gut, weil BSB einfach schon immer ein großes Schreibtalent war und sich diese Fähigkeit nicht nur bewahrt, sondern verfeinert hat. Wie ein alter Wein, hat er jetzt noch mehr Ausdrucksstärke und Charakter. Es macht einfach Spaß, seinen Sätzen zu folgen, dieses Wechselspiel aus distanzierter Überheblichkeit und dem schonungslosen Alle-Karten-Offenlegen.

Ich könnte mir vorstellen, dass Panikherz ein Buch sein wird, das bleibt, mit dem BSB Zeit seines Lebens verknüpft wird, sozusagen seine Blechtrommel. Stuckrad Barre, Autor des Kultbuches Panikherz. Ja, es hat durchaus Potenzial zum Kultbuch. Die Schilderung eines wildes Lebens zwischen Genie und Wahnsinn, anziehend und abschreckend zugleich und gleichzeitig ein Stück bundesdeutsche Zeitgeschichte. Es erinnert von der Lesestimmung ein wenig an Naked Lunch von William S. Burroughs oder Glamorama von Bret Easton Ellis.

Womit wir auch schon beim Thema Helden wären. Ellis ist einer von diesen Helden. Genau wie Helmut Dietl, Harald Schmidt und natürlich Udo Lindenberg. Heldenverehrung ist ja ganz ok. Bis auf Maxim Biller haben wir ja alle unsere Helden und Vorbilder. Und das ist auch gut so. Aber Benjamin von Stuckrad-Barre geht in diesem Punkt für meinen Geschmack zu weit, ist wie ein Boxenluder der Unterhaltungsindustrie, schmeißt sich wahllos jedem x-beliebigen VIP an den Hals, sei es Thomas Gottschalk, Westbam oder Heinz Rudolf Kunze. Das hat mich genervt, dadurch büßt das Buch an Coolness ein. Denn Helmut Dietl ist nicht cool, und Udo Lindenberg finde ich ganz fürchterlich. Wenn Panikherz kein Kultbuch wird, dann liegt das wohl daran.

Aber die Promis einfach weglassen geht auch nicht. Denn wie Udo Lindenberg sagen würde, ist das nunmal die Crew von Käpt’n Stuckiman auf seinem Panikdampfer namens Leben.

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
565 Seiten, 22,90 €

 

 

 

Heinz Strunk – Der Goldene Handschuh

4

 

Ich kann mich noch gut erinnern. Dieser Name, Fritz Honka, das ist so ein Kindheitsding. Wie Baader und Meinhoff, wie Beckenbauer, Kuhlenkampf und Schleyer – Namen, die damals in den Siebzigern jeder kannte. Honka – das stand für pervers, für gemein und hässlich. So wurden bei uns im Dorf die Fieslinge, die Außenseiter bezeichnet. Wenn du ein Honka warst, dann hattest Du verloren.

Heinz Strunk erzählt in „Der goldene Handschuh“ die Geschichte gleich mehrerer Verlierer. Da ist Wilhelm Heinrich von Dohren, pubertierender Spross einer Hamburger Reederfamilie. Ein Sonderling, leicht behindert, unattraktiv, ungeliebt und von Akne entstellt. Dann kommt Karl von Lützow ins Spiel, Rechtsanwalt aus dem gleichen Hamburger Upper Class Umfeld – Einzelgänger, Misanthrop und Alkoholiker, der seinen Selbsthass in dominant-sexuellen Abenteuern kompensiert. Und nicht zuletzt die Hauptfigur: der Nachtwächter Fritz Honka, vierzig Jahre, klein, schmächtig, mit einem aufgrund eines Unfalls entstellten Gesicht und natürlich auch Alkoholiker.

Drei Männerschicksale, drei Verlierer, drei tickende Zeitbomben, die es immer wieder dahin treibt, wo es noch mehr von Ihnen gibt: in den „Goldenen Handschuh“ auf St. Pauli. In dieser Kaschemme sind sie alle zusammen. Zuhälter, Prostituierte, Obdachlose, Säufer, Junkies, die gesamte Halbwelt. Eine Armee der Gescheiterten, vereint an Herberts Tresen. Man kann noch so tief gefallen sein, dort trifft man garantiert jemanden, dem es noch dreckiger geht, der noch weniger zu verlieren hat und all das in noch mehr Fanta-Korn ertränkt. Und nicht nur Männer können so tief sinken, nein, in Puncto Elend und Verzweiflung waren Frauen schon immer gleichberechtigt.

Und wenn du gar nichts mehr hast, kein Zuhause, keine Hoffnung, nichts als eine Plastiktüte voller Habseligkeiten und einen nicht zu stillenden Durst auf Alk, dann gehst du für eine Flasche Korn wahrscheinlich überall mit hin. Auch mitten ins sichere Verderben – in diesem Fall Honkas stinkende Mansardenwohnung in Altona.

Heinz und Fritz – zwei Namen, die rein phonetisch schon eng beieinander liegen. Und in der Tat, der Autor kommt seinem Haupt-Protagonisten ziemlich nah. Man merkt, da kennt sich einer aus mit menschlichen Abgründen, mit Suff, mit Gewalt, mit dem Milieu am Hamburger Kiez. Egal ob im Handschuh oder in Honkas Mansarde, Strunks distanzierte Erzählperspektive ist dem Geschehen in jeder Form angemessen. Als Leser wird man mit reingenommen, kann das Setting geradezu riechen. Sprache, Stimmung, Spannungsbögen – alles passt perfekt zusammen. Insgesamt hat mich die Lesestimmung auf eine sehr angenehme Art an die Romane von Hans Fallada erinnert. Einerseits nüchterne Berichterstattung, dann wieder bewegende Introspektiven, fast schon poetische Einblicke in die Gedankenwelt der Protagonisten.

Der Goldene Handschuh liest sich locker und spannend und ist gekonnt komponiert. Obwohl die beiden anderen Verlierertypen nichts mit dem Fall Honka zu tun haben, macht es Sinn, dass sie dabei sind. Sie sorgen für Abwechslung, holen einen für ein paar Momente aus dem Kneipen- und Mansardenmief. Und zwar immer genau dann, wenn man die Intensität der Darstellung kaum noch ertragen kann. Strunk arbeitet mit Überblendungen, lockert die Handlung durch die unterschiedlichen Erzählstränge auf, ohne dass Intensität und Spannungsbogen verloren gehen.

Ich kannte Heinz Strunk bisher weder als Autor noch als Musiker. Auch sein Bestseller „Fleisch ist mein Gemüse“ ist mir nur vom Namen her ein Begriff. Was man so hört, soll sein bisheriges Werk eher humorig, seichte Unterhaltung sein. Aber dieser Roman ist es nicht. Heinz Strunk hat sich dem sensationsheischendem Thema auf eine sehr feinfühlige Art genähert und daraus ein literarisch beeindruckendes Werk geschaffen, das zurecht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Ich kenne die anderen Romane auf der Shortlist nicht, aber wenn Heinz Strunk mit dem Goldenen Handschuh gewinnen sollte, wäre das für mich keine Überraschung – denn der Autor ist interessant und medientauglich und sein Buch ist einfach gut.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Rowohlt
255 Seiten, 19,99 €

 

Auf YouTube findet man eine spannende Dokumentation zu dem Fall.

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