Eva Menasse – Tiere für Fortgeschrittene

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Je älter ich werde, desto mehr verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass die besten deutschsprachigen Autoren Österreicher sind. Ein Thomas Glavinic, eine Ruth Cerha, Valerie Fritsch, ein Clemens Setz, Daniel Kehlmann oder eine Eva Menasse – die sind einfach eine Klasse für sich. Die können schreiben, was sie wollen – es ist immer irgendwie gut. Ich meine, man muss einem Österreicher ja nur mal zuhören: dieser Singsang, das melodische Artikulieren, die alpenländischen Sprachschnitzer und Verniedlichungen. Das Spielen mit der Sprache ist dort unten Kulturgut, wird jedem Bub und Mädel praktisch direkt in die Wiege gelegt.

Kein Wunder also, dass die österreichische Autorin Eva Menasse mit ihrem aktuellen Kurzgeschichtenband vor allem sprachlich begeistert. Jede Geschichte in „Tiere für Fortgeschrittene“ ist ein kleines Juwel, fein geschliffen und funkelnd. Wer sie sich laut vorliest, hört die Melodie, spürt den Rhythmus der Komposition. Noch dazu beherrscht Menasse, was beim Schreiben von Kurzgeschichten besonders wichtig ist: das Weglassen, Abwerfen von Ballast und auf den Punkt kommen. Denn der Raum ist begrenzt. Dreißig, vierzig Seiten für eine ganze Welt – für den Einstieg, die Hinführung und das Finale. Für die komplette Katharsis, das Kennenlernen der Protagonisten, für Identifikation oder Abgrenzung. Da ist kein Platz für Überflüssiges, da verliest sich nichts. Da muss alles passen und sitzen.

Das können nicht viele. Die meisten Kurzgeschichten-Autoren überfrachten, verquatschen oder verzetteln sich. Gerne wird auch bedeutungsschwanger abgebrochen und eine halbgare Geschichte der Phantasie des Lesers überlassen. Das alles passiert hier nicht. Tiere für Fortgeschrittene bietet Kurzgeschichten wie sie sein sollen. Zwei bis maximal vier handelnde Personen, ein überschaubares Setting und ein konsequent verfolgter Handlungsstrang. Eva Menasse ist ein Vollprofi, verliert nie die Kontrolle über den Plot und hat ihre Leser vom ersten bis zu letzten Satz am Haken.

Jede der acht Geschichten beginnt mit einer Tiergeschichte, kurze Zeitungsmeldungen, ‚Wussten-Sie-schon‘- Randnotizen über Haie, Igel, Raupen, Schafe, Schlangen und Enten. Das ist der rote Faden dieses Buches. Die Geschichten sind alle von diesen Tiergeschichten inspiriert, mal mehr, mal weniger. Da taucht der Igel, dessen Kopf in einem Eisbecher von McDonalds feststeckt, plötzlich direkt in der Geschichte auf. Dann wieder steht die Schlange, die sich einen Baum hochschlängelt, symbolisch für den Alltag einer Kleinfamilie in der multikulturellen Großstadt. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich diesen roten Faden überhaupt bräuchte. Ohne das wären die Geschichten nicht einen Deut schlechter. Aber es würde dann auch etwas fehlen.

Eigentlich ist jede der acht Erzählungen ein kleines Meisterwerk. Aber zwei haben mich ganz besonders bewegt. In „Raupen“ wird die Geschichte eines älteren Ehepaars erzählt. Sie dement und pflegebedürftig, er desillusioniert und gezwungen, sich zu kümmern. Die Kinder mit Ihren Sorgen und Ansprüchen, der Enkel mit seiner Unbedarftheit, die ganzen Rückblenden, Erinnerungsschnipsel, der Abgleich zwischen damals und jetzt. Schließlich das ernüchternde Fazit – Leben ist nichts anderes als der Anfang vom Sterben. Wie die Tabakschwärmer-Raupen, die sich beim Fressen ihr eigenes Grab schaufeln.

Ein anderes Geschichten-Highlight beschäftigt sich mit einem Typ Frau, dem man besonders im Kulturbetrieb häufig begegnet. Micol, „ein entzückend exaltiertes Wesen mit vielen Talenten, hatte es zu nicht mehr als zu einer wohlbestallten Ehe mit einem nach außen hin milden Mann gebracht“. In wenigen Sätzen skizziert Menasse diesen Typ Frau. Ich kann Micol regelrecht greifen, höre das Geplapper, sehe ihre Mimik, die ausdrucksstarken Gesten, den kecken Augenaufschlag.

Natürlich braucht jede Geschichte ihre Entsprechung beim Leser. Wenn ich nicht schon so alt wäre und das alles nicht irgendwie kennen würde – entweder selbst erlebt, schon mal gedacht oder erträumt hätte – dann würde ich trotz aller sprachlichen Brillanz vielleicht anders urteilen. Ob Menasses Kurzgeschichten auch eine jüngere Zielgruppe begeistern können? So wie Karen Köhler oder die damals noch junge Judith Hermann? Aber das muss auch nicht. Wie der Titel schon sagt, geht es hier schließlich um „Tiere für Fortgeschrittene“.

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
320 Seiten, 20,00 €

 

Judith Hermann- Letti Park

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Urlaubsgebräunt und mit hochgesteckten Haaren blickt sie in die Kamera. Auf ihrem neuesten Klapperfoto sieht sie erholt und gleichzeitig müde aus. Sie wirkt irgendwie reifer auf mich, ladylike. Aus dem Fräuleinwunder ist eine gestandene Frau geworden, aus dem gehypten Star der Nullerjahre, eine etablierte Größe im Literaturbetrieb.

Wie nervig muss es sein, wenn man immer wieder mit sich selbst verglichen wird. Mit etwas, was man damals einfach mal so rausgehauen hat.Früher, als alles noch unbeschwert und leicht war, noch ohne die Bürde eines zur Hälfte gelebten Lebens. Wie enttäuschend muss es sein, wenn die Begeisterung bei einem neuen Werk ausbleibt, obwohl man eigentlich viel besser geworden ist. Wenn alles als selbstverständlich erachtet wird – dass man schreiben, mit Sprache spielen, Stimmungsbilder schaffen kann. Wenn nicht mehr auf die 95 Prozent geschaut werden, die gut sind, sondern auf die fünf Prozent, die nicht so ganz so gut sind – beileibe nicht schlecht, ohne Frage besser als viele andere Autoren, aber eben auch nicht so gut, wie man es eigentlich von einer Judith Hermann gewohnt ist. Ganz ehrlich? Bei all dem Blödsinn, der schon über sie geschrieben wurde, würde ich auch nur noch müde in die Kamera lächeln.

Ich will daher gar nicht weiter darauf eingehen, dass auch ich ein großer Judith Hermann-Fan der ersten Stunde bin, dass die „…Gespenster“ und das „Sommerhaus…“ zu meinen Lebenslieblingsbüchern zählen, dass ich mit ihrem dritten Erzählband Alice so gar nichts anfangen konnte, mit ihrem ersten Roman aber umso mehr und dass ich natürlich mit einer sehr, sehr großen Erwartungshaltung ihr neuestes Buch „Letti Park“ aufgeschlagen habe.

Und gleich bei den ersten beiden Geschichten dieses Erzählbandes dachte ich: Was ist das denn? Wo ist die Story, wann geht es endlich los, das kann doch noch nicht alles gewesen sein? Ich nenne mal ein Beispiel: Das Setting der zweiten Geschichte namens „Fetisch“ führt den Leser zu einem Platz mit einer Gruppe Zirkuswagen, irgendwo in der Nähe eines Flusses. Ein Junge setzt sich zu einer Frau ans Lagerfeuer. Sie unterhalten sich, er holt ein Foto, zeigt es ihr und wirft es anschließend ins Feuer. Sie schauen sich an, dann verschwindet er wieder. Ende.

Ich habe diese Geschichte zweimal gelesen, weil ich wissen wollte, ob mir beim ersten Durchgang irgendetwas entgangen ist. Ein wichtiges Detail; etwas, das dieser Geschichte einen Sinn verleiht, rechtfertigt, dass sie überhaupt geschrieben, gedruckt und von mir gelesen wurde. Aber nein, der Plot ist so wie er ist. Übersehen habe ich hierbei nichts, doch beim erneuten Lesen ist mir etwas ganz anderes aufgefallen. Nämlich, wie schön das alles geschrieben ist und wie intensiv diese Stimmung am Lagerfeuer rüberkommt, wie kunstvoll Judith Hermanns Bandwurmsätze sind, die einem aber gar nicht so lang vorkommen, weil sie Rhythmus und Drive haben.

Und auf einmal war ich drin in ihren Geschichten, hatte Spaß daran, las mir selber laut vor und war am Ende traurig, dass es nur insgesamt 17 Erzählungen sind. Alles leise, zurückhaltende Einblicke und Spotlights auf Dinge, die sich eigentlich nicht aufzuschreiben lohnen. Alltägliches, Begegnungen, Zwischenmenschliches, das stinknormale Leben in seiner ganzen traurigen Schönheit eingefangen. Ich habe versucht, meiner Frau von diesen Geschichten zu erzählen, doch es gelang mir nicht. Dafür passiert zu wenig, was man erzählen kann. Denn es sind Stimmungsbilder, es ist eine Melodie, die beim Lesen im Kopf erklingt, Assoziationen, die nur ich so habe. Das kann man nicht erzählen, das muss man selber gelesen haben.

Judith Hermanns Prosa hat etwas Lyrisches. Da hat sich jemand Gedanken gemacht, nicht einfach drauflos geschrieben, sondern sich hineinversetzt, die richtigen Worte liebevoll ausgewählt, arrangiert und anschließend zu kunstvollen Stimmungsbildern verdichtet. Ja, ich hatte beim Lesen tatsächlich das Gefühl, hier wirkliche Kunst zu genießen. Das sind nicht einfach nur Geschichten, wie sie jeder von uns schreiben könnte, das ist wahre erzählerische Dichtkunst, die nur eine etablierte Größe im Literaturbetrieb mit so einer unbeschwerten Leichtigkeit zu Papier bringen kann.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: S. Fischer
187 Seiten, 18,99

Karen Köhler – Wir haben Raketen geangelt

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Was ist dran an dem Hype um dieses Buch mit dem albernen Titel? Kollektive Begeisterung auf Seiten des Feuilletons, die Literaturblogs kriegen sich nicht mehr ein. Und bei Amazon gibt es eine fünf Sterne Bewertung nach der nächsten. Dabei es geht wohlgemerkt nicht um einen Roman, sondern um einen Erzählband. Und nicht um Judith Herrmann, sondern um eine gewisse Karen Köhler.

Um dem Hype auf den Grund zu gehen, hab ich zwanzig Euro investiert, den neuen Bodo Kirchhoff erst einmal liegen lassen und kritisch in die erste Geschichte hineingelesen. Und es ist wirklich wahr – man legt das Buch nicht mehr aus der Hand. Die Geschichten von Karen Köhler bringen etwas ganz tief im Innersten zum klingen. Ich weiß nicht was es ist, vielleicht sind es die Themen: Freundschaft, Liebe, Krankheit, Sterben, Verlust und Tod. Darum geht es im Leben. Das passiert uns, daran scheitern wir. Wir alle. Irgendwann.

Ich bin still geworden beim Lesen. Hatte stellenweise Gänsehaut, Tränen in den Augen und fühlte mich reich beschenkt. Dieses Buch ist einfach wunderbar. Trotz der tiefen Traurigkeit, die allen Geschichten innewohnt, ist die Sprache voller Leichtigkeit und Frische. Da werden keine düsteren Klischees bedient, keine schwermütigen und bedeutungsschwangeren Phrasen gedroschen.

Knapp zwanzig Euro für ein Buch, das man innerhalb weniger Stunden ausgelesen hat. Und doch war es die beste Investition seit langer Zeit. Der Hype ist völlig berechtigt. Und ich hype jetzt mal kräftig mit. Für mich das Debüt des Jahres.

Gelesen: September 2014

Foto: Gabriele Luger

Karen Köhler liest zehn Seiten: Bildschirmfoto 2014-11-29 um 23.17.36

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