Clemens J. Setz – Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

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Er stand auf der Longlist des deutschen Buchpreises, aber gewonnen hat er einen anderen Preis. Vor ein paar Tagen hat Clemens Setz den mit 30.000 Euro dotierten Wilhelm-Raabe-Preis für „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ bekommen. Die Jury meinte: Setz entwirft in seinem Roman mit großem Sprachwitz einen Thriller, mit zahllosen Bezügen zur Hoch- als auch Populärkultur“.

Aha, dachte ich mir – das war also ein Thriller. Habe ich gar nicht mitbekommen. Ich muss dann wohl an den spannenden Stellen kurzfristig eingenickt sein und habe dabei anscheinend auch den großen Sprachwitz gleich mit verschlafen. Ich gebe ja zu, dass ich bei der Lektüre nicht immer voll konzentriert war. Die langatmigen Dialoge, ausführlichen Zustands- und Tätigkeitsbeschreibungen und die am Ende im Nichts endenden Gedankengänge der Protagonistin haben mich beim Lesen stellenweise doch sehr ermüdet. Aber ich bin dran geblieben, habe mich Abend für Abend wach gehalten, hier und da einen dieser hochgelobten Bezüge gefunden und an der einen oder anderen Stelle über eine gelungene Formulierung geschmunzelt. Und das ist doch schon was. Wenn ich ein Buch mit über 1.000 Seiten wirklich bis zum Ende lese, dann kann es schon mal nicht richtig schlecht gewesen sein. Aber es war leider auch nicht richtig gut.

Oder sagen wir es so – es hat mich nicht erreicht. Ich habe es gelesen, ich habe es verstanden, aber es hat mich nicht berührt. Und wenn ein Buch mich auf dieser Ebene nicht anspricht, in mir nichts zum Klingen bringt, dann kann es noch so gut geschrieben sein, mit tausend Bezügen und Sprachwitz ohne Ende – dann lege ich es aus der Hand und denke: so what? Kann man lesen, muss man aber nicht.

Doch jetzt habe ich schon wieder mein Urteil vorweggenommen und keine vernünftige Begründung geliefert. Was heißt denn „es hat mich nicht erreicht“? So ein dumpfes Bauchgefühl raushauen, kann ja jeder. Mit Literaturkritik hat das natürlich wieder einmal nichts zu tun. Ich muss da immer an die eine Szene aus dem Film Amadeus denken, in der Mozart den Kaiser nach seiner Meinung zu seiner Komposition befragt. „Zu viele Noten“, lautet die unqualifizierte Antwort. „Streichen sie ein paar Noten und es ist gut“. So absurd es klingt, aber fast würde ich Clemens Setz den gleichen Tipp geben: „Zu viele Buchstaben, zu viele Wörter und Seiten. Streichen sie einfach ein paar Seiten, dann ist es gut.“

Ja, ich glaube das ist mein Problem mit diesem Werk. In meinen Augen ist der Roman für die Geschichte, die er erzählt, einfach zu lang. Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis. Alles wirkt gedehnt, gestreckt, verlängert. Clemens Setz verliert sich in der Geschichte und kommt mir vor wie Forrest Gump, der mit dem Football im Arm einfach läuft und läuft, weit über die Ziellinie hinaus. Jemand hätte ihn einfach aufhalten sollen.

Denn spätestens ab Seite 300 hat man kapiert, wie die Romanfiguren ticken und braucht nicht noch einen Beleg, um zu wissen, dass Natalie in vielfacher Hinsicht gestört und angstgesteuert ist, dass Herr Dorm Täter und gleichzeitig Opfer ist und der gute Christopher Hollberg ein falsches Spiel spielt. Man hätte die Spannung bis Seite 400 noch etwas steigern und ab Seite 500 zu einem befreienden Ende führen können. Mir persönlich hätte das vollauf gereicht.

Aber nein, Clemens Setz mag es gerne ausführlich und bietet seinen Lesern auf weiteren 500 Seiten hier noch einen Charakterschnipsel, da noch eine skurrile Begebenheit und ein paar zusätzliche Skype Messages zwischen Natalie und Ihrem Exfreund vor dem Einschlafen. Das kann man so machen, aber dann ist eben lang und birgt die Gefahr, auch schnell langweilig zu werden. Aber darauf legt es Setz scheinbar an, oder es ist ihm egal. Er will seine Leser fordern, sie müssen da durch, sollen sich reiben, lesen bis ihnen die Augen brennen, bis sie nicht mehr können, bis sie das Gefühl haben, diese Leute da im Roman schon ewig zu kennen, mit dabei zu sein, so wie ein ganz normaler Arbeitskollege von Natalie. Wir treffen uns Morgens zum Frühdienst, Herr Dorm hat schlecht geschlafen und ins Bett gemacht, Astrid und B unterhalten sich in der Küche, es wird Kaffee aufgesetzt und ein wenig später kommt Herr Hollberg. Oh je, schnell noch wappnen und dann zum Spaziergang nach draußen.

Ja, ich muss zugeben, dass es funktioniert. So sehr man sich auch sperrt, irgendwann taucht man ein in diese triste Romanlandschaft. Es passiert kaum etwas, schon gar nichts, was in irgendeiner Weise an einen Thriller erinnert –mit Ausnahme vielleicht des Showdowns am Ende. Aber trotz aller Ereignislosigkeit bin ich nicht ausgestiegen. Weil es gut geschrieben und authentisch ist, weil man wissen will, was aus Dorm und Hollberg wird, weil diese ganzen Marotten von Natalie auch irgendwie spannend und unterhaltsam sind. Und wer Spaß daran hat, den ganzen versteckten Bezügen auf den Grund zu gehen, bei Google zu schauen, was es davon wirklich gibt und was sich der verrückte Setz wieder einmal nur ausgedacht hat, der wird diesen Roman noch mehr wertschätzen. Ja, ich kann verstehen und akzeptieren, wenn „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ als literarisches Meisterwerk hochgelobt wird.

Mir hat trotzdem etwas gefehlt. Ich konnte mich mit keiner der Romanfiguren identifizieren, da war nicht ansatzweise einer, der sich dafür anbot. Und so blieb ich als passionierter Identifikationsleser einfach außen vor. Alles passierte bei mir nur im Kopf. Ich habe kapiert, was gemeint war, aber ich habe es nicht verstanden. Habe alles als stiller Beobachter verfolgt, im Souterrain mit am Tresen gesessen und dem Gequatsche zugehört und immer gedacht: „Alles schön und gut. Aber jetzt komm mal langsam zum Schluss, lieber Clemens Setz. Ich habe da noch ein paar andere Bücher, die ich lesen möchte“.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
Seiten: 1.018 Seiten
Preis: 29,95 €

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Rolf Lappert – Über den Winter

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Man sollte im richtigen Alter sein, um diesen Roman angemessen wertzuschätzen. Oder müsste sich stattdessen ab und zu schon mal gefragt haben, ob das alles so richtig ist. Das, was man tagtäglich so veranstaltet, ohne nachzudenken. Einfach so, weil es sich so ergeben hat. Wenn man auf einmal jeden Tag immer den gleichen Termin im Kalender hat. Alltagswahnsinn und tausend Dinge, die alle nichts mit dir zu tun haben. Das ganze Leben nur Ansprüche, Erwartungen, Perspektiven und Konsequenzen.

Das alles sollte man schon mal irgendwann gedacht haben, wenn man diesen Roman in die Hände nimmt. Denn darum geht es hier. Das Rad einfach mal zurückdrehen, statt immer mehr, auch mal weniger, das Richtige zu wollen. Downshifting nennt man das wohl. Wenn man jung ist, in der Aufbauphase, die Familien- und Karriereplanung gerade begonnen hat, ist man weit von all dem entfernt. Dann gibt es nur eine Richtung: vorwärts, machen, klar kommen, sich was aufbauen. Wenn ich in dieser Lebensphase Rolf Lapperts „Über den Winter“ gelesen hätte, ich hätte diesen Roman mit Sicherheit nach einem Drittel in die Ecke gepfeffert. Die Lethargie des Protagonisten, seine ganze negative Lebenseinstellung, die vielen kleinen Verweigerungen hätten mich wahnsinnig gemacht. In dieser Phase kann man nur schwer Verständnis für einen Protagonisten aufbringen, der ohne Not seinen Lebenskarren einfach an die Wand fährt.

Aber ich bin mittlerweile in einer anderen Lebensphase, ungefähr im gleichen Alter wie Lapperts Antiheld Lennard Salm und muss zugeben, dass ich mich immer wieder bei den gleichen destruktiven Gedanken ertappe. Einfach alles hinschmeißen, noch einmal etwas ganz anderes machen. Einfach machen, bevor es zu spät ist. Nur was? Und genau daran scheitert es bei den meisten Menschen. Es gibt keinen Plan B, der all die Verpflichtungen tragen kann: den Hauskredit, die Kinder, das Auto. Und so verbleibt es dann. Man hat den Ausstieg in Gedanken einmal durchgespielt, hat festgestellt, dass es nicht geht und lässt alles wie es ist. Und vielleicht ist das auch gut so.

Nicht so bei Lennard Salm. Er macht Nägel mit Köpfen. Irgendwann beschließt er, dass er kein erfolgreicher Künstler mehr sein will – mit Manager, Mäzen und einem Atelier in New York. Stattdessen zieht er zurück in sein altes Kinderzimmer nach Hamburg in die Wohnung seines greisen Vaters. Und natürlich ist das nicht die Lösung. Das ist ein Rückschritt, der keinen Fortschritt bringt. Das löst keine Probleme, sondern bringt neue Probleme, existenzielle Probleme, alte verdrängte und unverarbeitete Probleme wieder hoch. Nichts wird besser, alles wird immer düsterer, trauriger, sinnloser. Man spürt Lennards Resignation und Kraftlosigkeit förmlich beim Lesen. Und über allem diese permanente Kälte des Hamburger Winters, die sich wie ein eisiger Schleier über das ganze Setting legt.

Ich habe schon viele traurige Romane gelesen. Als Murakami-Fan bleibt das nicht aus. Aber das ist mit Abstand eines der traurigsten Bücher überhaupt. Ab der Hälfte hatte ich einen Kloß im Hals und ab und zu auch mal Tränen in den Augen. Dieser Roman hat mich wirklich sehr aufgewühlt. Wenn man sich einlässt, an Lennard Salm nicht rumkritisiert, sondern ihn einfach machen lässt, dann fällt man als Leser tief. Ganz tief in diese Traurigkeit, diese Aussichtlosigkeit, die Verzweiflung, die Resignation. Mit offenem Mund und tief bewegt habe ich die letzten Seiten gelesen und wieder einmal erleben dürfen, was gute Literatur bewirken kann. Sie holt dich ab und nimmt Dich mit auf eine Reise. Führt dich an Orte am Rande deiner Vorstellungskraft und noch darüber hinaus.

Ich will gar nicht zu viel verraten. Aber dieser Shortlist-Titel ist in meinen Augen ein würdiger Preisträger für den Deutschen Buchpreis. Rolf Lappert hat mir eines der intensivsten Leseerlebnisse beschert, die ich in letzter Zeit hatte. Sprachlich auf einem hohen Niveau, authentisch bis ins Mark und obendrein mit einem aktuellen Flüchtlingsbezug (leicht angedeutet und nicht mit dem dicken Zaunpfahl wie bei Jenny Erpenbeck) ist dieses Meisterwerk in meinen Augen der Top-Favorit für den 12. Oktober. Ein grandios-trauriger Ü40-Roman.

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Verlag: Hanser

383 Seiten, 22,90 €

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Die Shortlist-Favoriten der Buchpreisblogger

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Seit dem 20.August lesen sich sieben ausgewählte Literaturblogger durch die Longlist des Deutschen Buchpreises. 24 Stunden vor der offiziellen Bekanntgabe der offiziellen Shortlist stellen die Buchpreisblogger jetzt ihre Favoriten für die Shortlist vor.

Zwei Frauen und vier Männer haben nach Ansicht der Literaturblogger gute Chancen am 12.Oktober für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet zu werden. Mit dabei sind die Autorinnen Gertraud Klemm mit Ihrem Roman „Aberland“ und Valerie Fritsch mit „Winters Garten“. Unter den männlichen Autoren haben es Peter Richter, Clemens J. Setz, Heinz Helle und Kai Weyand mit ihren nominierten Romanen auf die Blogger-Shortlist geschafft.

Ob die Favoriten von uns Bloggern es morgen auch auf die offizielle Jury-Shortlist des Buchpreises schaffen, bleibt abzuwarten.

 

Hier noch einmal unsere Shortlist-Favoriten im Überblick:

Valerie Fritsch, Winters Garten
Heinz Helle, Eigentlich müssten wir tanzen
Gertraud Klemm, Aberland
Peter Richter, 89/90
Clemens J. Setz, Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
Kai Weyand, Applaus für Bronikowski

 

 

 

Kai Weyand – Applaus für Bronikowski

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Zu den Kuriositäten in meinem Leben zählt, dass ich mal für ein paar Jahre leitender Redakteur einer Fachzeitschrift für das Bestattungsgewerbe war. Das ist noch gar nicht so lange her, und ich habe die Branche dabei sehr gut kennengelernt. Entgegen der landläufigen Meinung ist das Geschäft mit der Bestattung gar nicht so ‚bäh’, eklig und morbide, wie man sich das zunächst vorstellt. Letztlich ist das auch nur ein ganz normaler Berufsstand, dessen goldene Zeiten aber längst vorbei sind. Eigentlich sollte man meinen, der Job ist krisensicher wie kein zweiter. Denn gestorben wird doch immer. Aber Discount-Bestatter, Billig-Särge aus Osteuropa, der Trend zu Feuerbestattungen und der generelle Verfall der Bestattungskultur machen der Branche derzeit schwer zu schaffen.

Mit besonderem Interesse habe ich mich daher an die Lektüre von Kai Weyands „Applaus für Bronikowski“ begeben. Denn die Handlung dieses völlig überraschend auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis gewählten Romans spielt zu weiten Teilen in einem Bestattungsinstitut. Und natürlich habe ich ganz genau hingeschaut, ob da die gängigen Klischees bedient werden oder ein sachliches und authentisches Bild von der Arbeit des Bestatters gezeichnet wird. Soviel sei schon mal vermerkt: die Bestattungsbranche kommt gut weg. Der Berufsstand wird am Beispiel des fiktiven Bestattungsintstitutes Wege so dargestellt, wie ich ihn auch kennengelernt habe – solide, bodenständig, verantwortungsbewusst und unspektakulär.

Dass Kai Weyand nicht der Verlockung erliegt, das Geschäft mit dem Tod für seine Zwecke auszuschlachten, rechne ich ihm schon mal hoch an. Denn wie einfach wäre es gewesen, mit einem paar Übertreibungen und Ausschmückungen für einen auflagensteigernden, schaurig-schönen Gänsehaut-Effekt beim Leser zu sorgen. Nicht erst seit Simon Beckett weiß man ja, dass morbide Themen immer gehen.

Nein, das tut Weyand nicht und erzählt stattdessen die Geschichte seines Romanhelden Nies. Weyands Protagonist erlebt im Alter von 13 Jahren ein Trauma, als sich seine Eltern einen Lebenstraum erfüllen und nach Kanada auswandern. Er bleibt mit seinem älteren Bruder allein in Deutschland zurück und immigriert stattdessen innerlich. Er verweigert sich, erfüllt nicht die Erwartungen, geht in Opposition zum Bruder und den abwesenden Eltern und nennt sich fortan NC – No Canada. So wird er irgendwie erwachsen, aber es wird nicht besser. Im Gegensatz zu seinem Bruder, der im Londoner-Finanzsektor Karriere macht, schleppt sich NC von Aushilfsjob zu Aushilfsjob und kommt nicht richtig ins Leben. Bis er irgendwann vor dem Bestattungsinstitut Wege steht und dort als Bestattungshelfer anfängt.

Dass ich mich für diesen Roman nicht so richtig begeistern kann, liegt hauptsächlich daran, dass ich mit diesem NC nicht warm geworden bin. In meinen Augen ist der Protagonist dem Autor nicht so richtig authentisch gelungen. Weyand konnte sich nicht entscheiden, ob NC jetzt cool und entspannt oder schräg und verhaltensauffällig sein soll. In diesem Roman ist er beides, und das habe ich als störend empfunden. Besonders auffällig ist das in dem Abschnitt mit der alternativen Seebestattung, wo NC in meinen Augen auf einmal vollkommen aus der Rolle fiel. Von da an hat mich Weyand verloren.

Und so kann ich leider nur sagen, dass dieser Roman ganz nett zu lesen ist, unterhaltsam daherkommt, die Situation im Bestattungsgewerbe ehrlich und nicht sensationsheischend darstellt und dem Leser hier und da ein paar Schmunzler entlockt. Viel mehr ist da aber nicht, und ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was dieses Buch auf der Longlist des Buchpreises zu suchen hat.

* NB = No Buchpreis

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Titelfoto. Gabriele Luger

Verlag: Wallstein
188 Seiten, 19,99 €
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Drei andere Buchpreisblogger haben sich auch zu diesem Buch geäußert: masuko13Sätze & Schätze und Klappentexterin

Julia Franck im Interview: Der ganze Glamour steht uns schlecht…

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In genau zwei Monaten ist es soweit. Der/die elfte Gewinner/in des deutschen Buchpreises wird am 12. Oktober in Frankfurt verkündet. Dann beginnt das Blitzlichtgewitter, stehen die Medien Schlange, jagt ein Termin den nächsten. Uns Buchpreisblogger hat interessiert, wie die bisherigen Preisträger/innen diese Zeit empfunden haben und was sich seither in ihrem Leben geändert hat. Ich habe die Chance gehabt, der Berliner Autorin Julia Franck, die im Jahr 2007 mit dem Roman „Die Mittagsfrau“ den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, ein paar Fragen zu stellen. Ihre schonungslos ehrlichen Antworten haben mich stark beeindruckt.   

Buchrevier: Frau Franck, was hat sich durch den Gewinn des Buchpreises im Jahr 2007 in Ihrem Leben geändert? Kurz-, mittel- und langfristig betrachtet.

Julia Franck: Kurzfristig hatte ich wahnsinnig wenig Zeit, mehrere Monate fühlte ich mich wirklich gehetzt und zerrissen, weil ich zwar viele Einladungen ablehnen musste, zugleich aber ungeheuer viel unterwegs und zugleich viel zu wenig bei meinen damals noch kleinen Kindern war. Das war ein schwieriger Spagat. Ohne Partner/Mann hat man ja auch niemanden, der einen manchmal begleitet oder einem den Rücken freihält. So fühlte ich mich unter enormem Druck und hatte ständig das Gefühl, niemandes Erwartungen gerecht zu werden, auch den eigenen nicht. Eigentlich eine paradoxe Situation für einen Erfolg, nicht? Zwar befand ich mich ständig unter vielen fremden Menschen, war dabei aber sehr allein. Man reist ja nicht im Ensemble. Jeder Handelsreisende und Geschäftsmann kennt das Grauen zahlloser Hotelzimmer, Bahnhöfe, Flughäfen. Mittel- und langfristig hat mir dieser Preis sehr viele Leser und damit für einige Jahre eine ökonomische Sicherheit beschert, wie sie wohl nur äußerst selten mit dem Schreiben erreichbar ist. Auch eine große Freiheit entstand, da ich nur das Neinsagen lernen musste und den Luxus des Rückzugs erfahren durfte. Als Selbstständiger zahlt man in Deutschland ja schnell hohe Steuern, da lernte ich mir die Frage stellen: Wenn ich jetzt die Hälfte des Honorars für die Steuern abziehe, die Kosten für das Kindermädchen, das über Nacht und manchmal mehrere Tage und Nächte am Stück bei meinen Kindern bleibt, das Vermissen, die langen Reisewege, die Abwesenheit vom Schreibtisch – steht das, was da von so einer Lesung an Geld übrig bleibt im Verhältnis dazu, dass nicht ich meine Kinder abends ins Bett bringen und morgens mit ihnen aufstehen kann? Durch den Buchpreis bin ich bewusster alleinstehende und alleinernährende Mutter geworden. Im Laufe der Jahre habe ich mich gegen viele schöne Einladungen in Deutschland und reizvolle in anderen Ländern entschieden, gegen das Mehren von Ehre und Ruhm vor einer Öffentlichkeit, ein ständig volles Konto, ein eigenes Haus oder ein eigenes Auto und zugunsten des schlichten und innerlich beglückenden Zusammenseins mit meinen Nächsten, Kindern und Freunden, für Konzerte, Ausstellungen, Studieren, Lesen und Schreiben entschieden.

Buchrevier: Dem Buchpreis wird oft vorgeworfen, ein Marketingpreis und kein Literaturpreis zu sein. Wie sehen Sie das?

Julia Franck: Ach, was sind denn Literaturpreise? Die französischen und britischen Literaturpreise sind von jeher auch marktwirksam, was einfach an ihrer Vernetzung liegt. Das waren andere deutsche Literaturpreise nie. Es kann ja nicht falsch sein, wenn Preise auch öffentlichkeitswirksam und nicht nur die Literatur im inzestuösen Dickicht der Feuilletons feiern. Klar ist aber, dass ich nach dem Buchpreis nie wieder einen Literaturpreis in Deutschland erhalten habe. Ich glaube schon, dass die Verbindung von Buchpreis und dem gigantischen Verkaufserfolg wie auch die fast vierzig Lizenzen in andere Sprachen, Theater und Filmrechtverkäufe viele Preisrichter misstrauisch und missgünstig gestimmt hat. Wobei meine Literatur (ich nenn sie einfach mal so) schon immer heftig umstritten war.

Buchrevier: Meinen Sie, dass Sie auch ohne den Gewinn des Buchpreises da wären, wo Sie heute beruflich stehen?

Julia Franck: Sicherlich nicht. Ich vermute, dass ich ohne den Buchpreis weder so viel Öffentlichkeit erhalten und einen so riesigen Verkaufserfolg eines Buches erzielt hätte, noch in der Weise Ächtung erfahren hätte. Vermutlich würde ich noch heute – wie auch bei den vier Büchern zuvor – als ein „hoffnungsvolles junges Talent“ gelten, das jedes Jahr ein hübsches Stipendium oder ein, zwei kleine echte Literaturpreise erhalten würde.

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Buchrevier: Ralf Rothmann hat in diesem Jahr verzichtet, von seinem Verlag für den Buchpreis nominiert zu werden. Können Sie das nachvollziehen?

Julia Franck: Natürlich. Auch Handke hat schon auf Preise verzichtet. Ralf Rothmann ist ein guter Schriftsteller, dessen Bücher auch ohne den Buchpreis erfolgreich sind. Die Berührungsangst mit einem so vulgär anmutenden Preis verstehe ich heute unbedingt. Hätte ich 2007 ahnen können, was dieser Preis an Aura leidenschaftlich aufbläst und zerstört, hätte ich ihn vielleicht auch gemieden. Wir sind ja keine Filmteams, wir haben keine Hauptdarsteller und Cutter und Produzenten, mit denen wir uns auf dem Roten Teppich an den Händen fassen und uns gegenseitig die Schulter küssen können. Der Schriftsteller steht da völlig allein – er kann den Erfolg wie die Niederlage, das ganze Schlaglicht mit niemandem teilen. The winner is – dazu die sechs entsetzten und überraschten Gesichter. Der ganze Glamour steht uns schlecht, er lässt uns falsch aussehen und jedes Wort falsch klingen.

Buchrevier: Bringt der Buchpreis Aufmerksamkeit für die deutsche Literaturszene insgesamt oder nur für den kleinen Kreis der zwanzig nominierten Autoren.

Julia Franck: Das kann ich nicht einschätzen. Ich glaube, die Vielseitigkeit der deutschsprachigen Literatur ist ein sehr besonderes kulturelles Phänomen. Kein Schriftsteller schreibt wegen eines Preises – und so kann ich mir nicht vorstellen, dass ein einzelner Preis mehr oder weniger Aufmerksamkeit auf die deutsche Literatur lenkt. Wie Sie vermutlich wissen, wird nur sehr wenig deutsche Literatur übersetzt – was vermutlich mehr mit der Deutschen Geschichte und dem entsprechend verändertem Ansehen und Interesse für deutsche Kultur und deutsches Denken, deutsches Erzählen seither in den meisten anderen Ländern als mit der Sprache oder der Qualität der Romane zu tun hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass seit dem Buchpreis mehr deutsche Literatur übersetzt wird. Vielleicht eher nach der Fußballweltmeisterschaft.

Buchrevier: In acht Jahren nach dem großen Erfolg der Mittagsfrau haben Sie nur noch einen weiteren Roman (Rücken an Rücken 2011) veröffentlicht. Haben Sie nach dem wirtschaftlichen Erfolg der Mittagsfrau einen Gang runtergeschaltet – bzw. negativ ausgedrückt: keinen Veröffentlichungsdruck mehr?

Julia Franck: Wie ich schon sagte, ich schätze auch andere Dinge im Leben sehr, unter anderem habe ich Rebecca Solnit übersetzt, für Künstler Texte geschrieben, und vor allem 2012 und 13 Medizin studiert und mir damit einen Traum ermöglicht, der meiner rasenden wissenschaftlichen, besonders medizinischen Neugier entspricht. Sehr zeitintensiv, sehr kostbar und teuer – wenn man es ohne Bafög, Partner, Eltern etc. macht, und nebenbei drei Menschen ernährt. Schreiben ist ja eine innere Notwendigkeit, eine Zwangskrankheit. Zumindest bei mir. Das kollidiert mit allen anderen Beschäftigungen im Leben. Veröffentlichen aber gehört nicht dazu – man muss mit diesem inneren Zwang nicht an die Öffentlichkeit. Es kann sogar sehr peinlich und unangenehm sein. Aber es ist keineswegs so, dass ich in den letzten Jahren noch von den Tantiemen dieses einen so erfolgreichen Buches leben könnte, auch ein anderer Beruf lässt sich nicht ohne weiteres herbeizaubern – also besteht schon ein gewisser Druck. Zugegeben ist die Scheu, vielleicht sogar Angst vor der Öffentlichkeit durch den Buchpreis enorm gewachsen. Sie war ganz zu Beginn meiner Veröffentlichungen Ende der 90er Jahre auch enorm stark. Ich habe jahrelang schweißkalte Hände und Herzrasen vor jeder Lesung gehabt. Erst als ich Kinder hatte, wurde das besser, aber dann kam der Buchpreis. Es könnte also sein, ich veröffentliche, aber nicht unter meinem Namen?

Buchrevier: Wann erscheint der nächste Roman von Ihnen?

Julia Franck: Das kann ich nicht sagen.

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Foto: Das offizielle Siegerfoto aus dem Jahr 2007. Copyright: Claus Setzer / Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.

Link-Tipp: Ein schöner Streifzug durch Julia Francks Leben in Berlin auf Literaturport.de

Das nächste Buchpreisblogger-Interview erscheint am Freitag 14.08. 2015 auf dem Blog Buzzaldrins Bücher: Mara Giese im Gespräch mit der Preisträgerin 2013 Terézia Mora.

Die Marketing-Tricks der Buchpreis-Macher

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(Vorsicht: dieser Text kann Spuren grober Verallgemeinerungen enthalten)

Ist der Deutsche Buchpreis jetzt ein Literaturpreis oder, wie die Kritiker behaupten, nur ein Marketing-Trick des Börsenvereins? Geht es darum, anspruchsvolle deutschsprachige Literatur auszuzeichnen oder nur darum, möglichst viele Bücher zu verkaufen? Dass der Deutsche Buchpreis durchaus verkaufsfördernd ist, zeigen die Auflagenzahlen der Nominierten und Preisträger. Dass sich darüber hinaus literarischer Anspruch und kommerzieller Erfolg nicht ausschließen müssen, haben die beiden bisher erfolgreichsten Preisträger Julia Franck und Uwe Tellkamp bewiesen.

Für mich ist der Deutsche Buchpreis ein Beispiel für die gelungene Synthese von Anspruch und Kommerz. Aber ich kann auch die Kritiker verstehen. Denn die Grenze zum unterhaltsamen Mainstream ist schnell überschritten. Man kann bei jedem Werk endlos diskutieren, was noch Kunst und was schon Marketing ist. Das fängt beim Thema, dem Setting, den Protagonisten an und hört beim Cover, dem Buchtitel und dem Klappentext noch lange nicht auf. Von der Person des Autors/der Autorin ganz zu schweigen.

Ich arbeite in der Kommunikations- und Marketingbranche und finde das Thema natürlich super spannend. Was liegt da näher, als eine Liste zu erstellen mit Antworten auf folgende Frage: Was muss ein anspruchsvoller literarischer Roman mitbringen und wie muss er aufbereitet sein, damit er sich gut vermarkten lässt?
Hier der erste Teil mit den Basics:

Kurze Buchtitel

Ein Buchtitel für anspruchsvolle Belletristik ist eher sachlich, reduziert, verrät nichts, weckt aber Interesse und ist im besten Falle kurz. „Kruso“ oder „Landgericht“, aber auch „Der Turm“, „Die Mittagsfrau“ und „Das Ungeheuer“ sind gute Beispiele. Solch kurze Titel kann sich der potentielle Käufer gut merken. Und wenn nicht, weiß das gute Fachpersonal im Buchhandel trotzdem, welche Bücher der Kunde meint, wenn er nach die Burg, das Amtsgericht oder das Monster fragt.

Weniger geeignet sind ganze Sätze und Aussagen, die auch noch Rückschlüsse auf die Story zulassen. Sie passen nicht waagerecht auf den Buchrücken und sind noch schwerer zu merken. Vermeiden sollte man auch Begriffe im Titel, die Assoziationen zu anderen Literaturgattungen wecken wie z.B. Mord, Geheimnis, Rosen oder Elfen. Und ganz wichtig: Der Titel muss sich gut sprechen lassen und im beiläufigen Lit-Talk funktionieren. Hast Du Kruso schon gelesen? Nee, ich bin immer noch mit dem Turm zugange. Wie fandest Du das Ungeheuer? Nicht so gut wie die Mittagsfrau, aber allemal besser als das Landgericht.

Reduzierte Cover

 Das Buchcover ist für die Vermarktung noch wichtiger als der Titel. Denn Bücher, deren Aufmachung einem nicht gefallen, nimmt man oftmals gar nicht erst in die Hand. Aber es geht nicht nur ums Gefallen. Buchcover senden Signale aus, weisen den Weg und helfen dem Kunden bei der Entscheidungsfindung. Ich sehe in der Regel sofort, ob ich zur Zielgruppe gehöre oder nicht. So hat jedes Genre typische Gestaltungsmuster. Krimicover sehen aus wie Krimicover, Fantasycover wie Fantasycover und seichte Unterhaltungsliteratur eben wie Hera-Lind- und Barbara-Cartland-Romane. Anspruchsvolle Buchpreis-Titel sollten so jedenfalls nicht aussehen. Typo, Motiv und Farbigkeit sind bei diesen Titeln eher reduziert und zurückhaltend. Lieber kein Bild und nur Schrift, als das falsche Motiv oder die falsche Farbe (z.B. Pink). Damit wird transportiert – hier ist der Inhalt das entscheidende.

Der Trick dabei: Ein reduziertes Cover allein transportiert schon Anspruch, auch wenn der Inhalt absoluter Trash ist.

Trend-Themen besetzen

Welches Thema ist gerade trendy? Kann man das bei den vielen unterschiedlichen Titeln so pauschal überhaupt sagen? Es ist nicht ganz einfach, aber es geht. Das Top-Thema seit ein paar Jahren ist definitiv die DDR-Renaissance. Seit 25 Jahren ist die Mauer schon weg und mittlerweile blickt man gerne wieder zurück. Nach Tellkamp, Ruge und Seiler dürfte das Thema für den Deutschen Buchpreis aber erst mal durch sein. Immer noch häufig sieht man dagegen Geschichten, die in Osteuropa spielen, vor allem Länder, die wir immer wieder in den Nachrichten sehen, wie Russland und die Ukraine. Diese Länder stellen aber nur das Setting. Politische Themen findet man in Romanen momentan eher selten. In unruhigen Zeiten beschränkt sich die Literatur traditionell eher aufs Private. Man beschäftigt sich lieber mit sich selbst. Mit der eigenen Vergangenheit, den Eltern, der Jugend, den Studentenjahren (vorzugsweise in Berlin), den Irrungen und Wirrungen der Liebe, Krankheiten und Ängsten.

Das perfekte Buchpreisthema 2015 wäre demnach ein retrospektiver Entwicklungsroman, mit einer in der Ex-DDR aufgewachsenen Protagonistin, die sich im Kroatienurlaub in einen Albaner verliebt, der Depressionen hat und über Umwege schließlich in Berlin landet. Am Ende stirbt einer von beiden.

Nicht zu dick und nicht zu dünn

Aus dem Radio kennt man das. Ein Musiktitel aus den Charts hat eine Länge von maximal ca. 3,5 Minuten. Alles, was darüber hinaus geht, wird ausgeblendet. Ein handelsüblicher Belletristik-Titel kennt keine derartigen Beschränkungen, aber das Gros der Titel liegt vom Umfang her irgendwo zwischen 200 und 350 Seiten. Das ist das, was man an einem Wochenende in einem Rutsch lesen kann – wenn es gut läuft. Wenn es sich zieht, kann die Lektüre auch schon mal zwei Wochen dauern.

Diese Zeit muss man auf alle Fälle einplanen, wenn ein Roman mit über 600 Seiten daherkommt. Die prämierten Buchpreistitel haben meistens diesen Umfang. Die Botschaft ist klar: So ein Meisterwerk ist nichts für ein schnelles Wochenende, man soll sich Zeit nehmen für den besten Roman des Jahres. Solch große Literatur muss einwirken und das dauert eben seine Zeit. Aber es darf auch nicht zu lang sein. Alles, was über 800 Seiten und nicht Fantasy ist, verkauft sich nur schwer. Insofern darf man gespannt sein, ob Clemens F. Setz und Frank Witzel es mit Ihren dicken Wälzern in diesem Jahr auf die Longlist schaffen werden.

Titelfoto: Gabriele Luger

Deutscher Buchpreis: die Skandalliste

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Seit es ihn gibt, erregt der Deutsche Buchpreis die Gemüter. Als PR-Mann kann ich nur sagen – genauso muss es sein. Zank und Streit, kleine und große Skandale – all das interessiert die Menschen und natürlich auch die Medien. Und genau deswegen ist der Deutsche Buchpreis auch im elften Jahr seines Bestehens noch immer das Literatur-Ereignis des Jahres. Ich habe mal ein wenig im Netz recherchiert und ein paar kleine und große Skandale gefunden.

Der Shortlist-Skandal

Egal, welche Bücher auch immer auf der Long- und Shortlist stehen, wenn ein bestimmtes fehlt,  ist es ein Skandal. Die stattdessen nominierten Titel sind es auch und überhaupt – der komplette Buchpreis an sich ist ein einziger großer Skandal. Gibt man „Deutscher Buchpreis“ in Kombination mit dem Begriff „Skandal“ bei Google ein, erhält man alleine über 9000 Treffer. Exemplarisch für die jedes Jahr aufs Neue einsetzende Long- und Shortlist-Kritik, hier mal ein Text von Tilman Krause aus dem Jahr 2012. Ich bin sehr gespannt, welches Buch in diesem Jahr skandalöserweise auf der Longlist fehlen wird. Wie man gestern in der FAZ lesen konnte, wird es auf alle Fälle schon mal Ralf Rothmann sein – und das auch noch freiwillig.

Verweigerung

Alle, die es noch nicht wussten, werden jetzt aufhorchen. Wie? Ralf Rothmann will nicht mitmachen? Er verzichtet freiwillig auf 25.000 Euro, eine sechsstellige Verkaufsauflage und die lukrative Aussicht auf Lizenzverkäufe? Das ist ja ein Skandal!

Und in der Tat – das wirft kein gutes Licht auf den Deutschen Buchpreis. Der Top-Favorit ist aus dem Rennen. Blöd auch für den diesjährigen Preisträger, der immer mit dem fahlen Beigeschmack leben muss, den Preis nur gewonnen zu haben, weil Ralf Rothmann verzichtet hat. Für den Verweigerer ist das natürlich ein cooler Auftritt und – wenn auch ungewollt – zusätzliche Publicity. So wie schon im Jahr 2008, als Peter Handke auf seine Longlist-Nominierung verzichtet hat, um jüngeren Autoren eine Chance zu geben.

Boykottaufruf

Eine nicht ganz so freundliche Art der Verweigerung ist der Boykott. Im letzten Jahr stand Michael Ziegelwagner mit seinem Roman „Der aufblasbare Kaiser“ auf der Longlist und machte mit so einem Boykottaufruf auf sich aufmerksam. Die 20 Longlist-Autoren, so sein Aufruf, sollten sich das Preisgeld von insgesamt 37.500 Euro untereinander aufteilen, die Verleihungszeremonie schwänzen und stattdessen ein Picknick vor dem Frankfurter Rathaus abhalten. Da Ziegelwagner nicht nur Romane schreibt, sondern auch Titanic-Redakteur ist, nahm schließlich niemand diesen Boykottaufruf so richtig ernst. Auch bei seinem Artikel über den misslungenen Aufruf weiß man nicht immer, ist das jetzt Satire oder Galgenhumor?

Sexismus/Feminismus

Bei der Genderthematik kann man eigentlich nur verlieren. Egal, welchen Standpunkt man vertritt – der Shitstorm ist beinahe vorprogrammiert. Rund um den Buchpreis kommt es immer mal wieder gerne zu kleinen oder größeren Feminismus-Debatten. Mal geht es um die politisch korrekte Benennung von Autoren oder Autorinnen, wie sie im letzten Jahr von Marlene Streeruwitz in einem Artikel angeprangert wurde. Dann wieder um das Geschlechterverhältnis auf der Longlist, das wie zum Beispiel im letzten Jahr mit 15 Autoren und nur fünf Autorinnen nicht gerade ausgewogen war. Ob da eine Frauenquote schon bei der Vorauswahl helfen könnte, ist fraglich.

Aber wenn auch die Frauen in der Longlist unterrepräsentiert sind, bei den Preisträgern haben sie mit 6:4 ganz klar die Nase vorn. Und auch beim Buchpreis-Wording können Feministinnen sich eigentlich nicht beklagen. Das Objekt der Begierde, der Buchpreis ist zwar eindeutig maskulin, aber um den zu bekommen, muss man einige feminine Hürden nehmen. Als da wären: die Einreichung, die Jury, die Nominierung, die Longlist, die Shortlist und nicht zu vergessen: die Preisverleihung.

Literaturpreis vs. Marketingpreis

Dass Preise und Auszeichnungen für Aufmerksamkeit sorgen und damit zur Verkaufssteigerung beitragen, dürfte hinlänglich bekannt sein. Trotzdem wird gerade das am Deutschen Buchpreis immer wieder kritisiert. Das ist kein Literaturpreis, sondern in erster Linie ein Marketingpreis. Damit wird der Fokus der ohnehin schrumpfenden Leserschaft noch mehr eingeschränkt. Nur noch die nominierten Titel bekommen die mediale Aufmerksamkeit und der Rest kann sehen wo er bleibt. Daher haben die kleinen, unabhängigen Verlage mit der Hotlist ihren eigenen Preis ins Leben gerufen, der aber letztlich auf einer anderen Ebene die gleichen Auswirkungen hat.

Und in der Tat – der Deutsche Buchpreis ist in Sachen Marketing und Verkaufsförderung eine wirklich erfolgreiche Sache. Ich habe eine Statistik gefunden, die zeigt, dass alle Preisträger bis auf Terezia Mora eine sechsstellige Auflage erzielen konnten. Allen voran natürlich Uwe Tellkamp, der mit 450.000 verkauften Exemplaren neben Julia Frank der bisher erfolgreichste Preisträger ist. Bei den verkauften Auslandslizenzen führt Julia Frank die Liste mit 34 Lizenzen an. Ich finde solche Erfolge einfach skandalös.

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Quelle: Statista

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Fazit – nach dem Skandal ist vor dem Skandal

Nicht erst seit Marcel Reich-Ranicki wissen wir, über Literatur lässt sich herrlich streiten. Die eine, ultimative Meinung über einen Autor, einen Roman gibt es nicht. Zu jedem positiven Urteil gibt es immer auch die gegenteilige Meinung. Erst wenn keine Gegenrede mehr kommt, alles kritiklos hingenommen wird, keiner mehr „Skandal“ ruft, müssen wir anfangen, uns Sorgen zu machen.

Titelfoto: Gabriele Luger