Laabs Kowalski – So zärtlich war das Ruhrgebiet

 

In meinem Alter wird man schnell sentimental. Denn da ist so viel passiert im Leben, viel mehr als noch passieren wird. Das ist leider amtlich. Bei Facebook folge ich mittlerweile der Seite „Unsere Kindheit in den 70ern“ und erfreue mich an Bildern von alten Fernsehsendungen, Bonanzarädern und Senfeiern.

Ja, wir Männer in den besten Jahren haben schon ein gutes Stück Leben gelebt. So auch Laabs Kowalski, den ich auf einer Lesung in einer Kölner Kneipe kennengelernt habe. Er ist zwei Jahre älter als ich, und man sieht ihm an, dass er nichts ausgelassen, alles mitgenommen hat, was das Leben an Ups und Downs so im Angebot hat. Wenn man ihn googlet, findet man einen Wikipedia-Eintrag, der diese Vermutung bestätigt.

Ich war eigentlich wegen Sven Heuchert gekommen, aber Laabs Kowalski gehörte mit zum Programm und las im Wechsel mit Sven aus seinen Texten. Und das war gar nicht mal so schlecht. Ich würde das jetzt sentimentale Underdog-Prosa nennen, mit Geschichten über Glücksspiel, Schlägereien, Suff und Sex. Das hat mir live sehr gut gefallen. Am Ende fragte ich ihn, ob man denn seine Geschichten auch irgendwo gedruckt erwerben kann. Da warf er mir dieses schmale Taschenbuch zu. „Hier, kannste haben.“

Ich schaute aufs Cover und dachte, woher kenn ich nur diesen total uncoolen Titel? Na klar, Siegfried Lenz. So zärtlich war Suleyken. Kowalsky ersetzt den masurischen Ort durch das Ruhrgebiet, respektive Dortmund. Dort ist er aufgewachsen, dort hat er in den Siebzigern seine Kindheit verbracht, und darüber berichtet er in dreizehn kurzweiligen Geschichten. Zärtlich ist das Ruhrgebiet natürlich nur in der sentimental verklärten Erinnerung. In Wirklichkeit ist eine Arbeiterklasse-Kindheit im Ruhrpott als andere als kuschelig gewesen. Da wurde auf die Fresse gehauen, da wurde gezockt, gesoffen und dummes Zeug erzählt.

Und obwohl meine Kindheit in den Siebzigern so gar nicht mit der von Laabs Kowalski vergleichbar war, so gibt es doch jede Menge Gemeinsamkeiten. Und die teilen grundsätzlich alle, die in den Babyboomerjahren geboren wurden. Die heutige Individualität, die vielen verschiedenen Interessen und Vorlieben, die Dank Internet und neuer Medien möglich sind , die gab es früher nicht. Wir Jungs haben alle das Gleiche im Fernsehen geschaut, im Winter alle einen Parka getragen und als Jugendliche entweder eine Zündapp, Herkules oder Kreidler gehabt. Es gab Ökos, Popper, Rocker, Punks oder Prolos – und das war’s. Entweder man gehörte zu einer von diesen Gruppen oder man hat aufs Maul bekommen. So war das auch bei mir in der beschaulichen niedersächsischen Provinz.

Kowalski führt einen in seinen Geschichten durch die Zeit der Plateauschuhe und Schlaghosen. Wir erinnern uns mit ihm an Fernsehsendungen wie Klimbim und Nonstop Nonsens und Filme wie die Vorstadtkrokodile oder Nordsee ist Mordsee. Da fallen Bandnamen, die man seit Jahrzehnten nicht mehr gehört hat, wie Smokie, Sailor, Suzie Quattro, Les Humphries. Jeder, wirklich jeder kannte das alles – ohne Ausnahme. Wenn am Samstag um 19.30 Uhr im ZDF Disco mit Ilja Richter lief, haben das wirklich alle gesehen.

Später im Studium habe ich gelernt, dass das Fernsehen damals eine sogenannte kohärenzstiftende Wirkung hatte und dass uns das heute fehlt. Wir haben nichts mehr, was uns alle verbindet, das wirklich jeder kennt. Da ist kein Rudi Carell mehr, kein Ilja Richter, keine Zündapp oder Herkules. Da ist stattdessen nur noch ein riesiger Pool an Möglichkeiten. Und keiner weiß vom anderen.

Aber zurück zu den Kurzgeschichten von Laabs Kowalski. Da ich ein Kind der Siebziger bin – und damit voll die Zielgruppe – habe ich mich von der Lektüre gut unterhalten gefühlt. Ich konnte mich wohlig erinnern und habe vieles von damals wiederentdeckt. Auch den rauen Charme des Ruhrpotts gibt Kowalski in seinen Geschichten sehr lebensnah wider. Das ist alles sehr echt und authentisch erzählt. Aber begeistern tut mich das nicht. Sprachlich sehr bodenständig, einfach und solide. Sehr distanziert, fast schon naiv. Da ist keine Passage, die einen emotional besonders gefangen nimmt. Ein Buch wie Senfeier – eines dieser längst vergessenen Gerichte aus den Siebzigern. Kannze essen, kannze aber auch lassen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Satyr
128 Seiten, 12,80 €
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Kai Weyand – Applaus für Bronikowski

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Zu den Kuriositäten in meinem Leben zählt, dass ich mal für ein paar Jahre leitender Redakteur einer Fachzeitschrift für das Bestattungsgewerbe war. Das ist noch gar nicht so lange her, und ich habe die Branche dabei sehr gut kennengelernt. Entgegen der landläufigen Meinung ist das Geschäft mit der Bestattung gar nicht so ‚bäh’, eklig und morbide, wie man sich das zunächst vorstellt. Letztlich ist das auch nur ein ganz normaler Berufsstand, dessen goldene Zeiten aber längst vorbei sind. Eigentlich sollte man meinen, der Job ist krisensicher wie kein zweiter. Denn gestorben wird doch immer. Aber Discount-Bestatter, Billig-Särge aus Osteuropa, der Trend zu Feuerbestattungen und der generelle Verfall der Bestattungskultur machen der Branche derzeit schwer zu schaffen.

Mit besonderem Interesse habe ich mich daher an die Lektüre von Kai Weyands „Applaus für Bronikowski“ begeben. Denn die Handlung dieses völlig überraschend auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis gewählten Romans spielt zu weiten Teilen in einem Bestattungsinstitut. Und natürlich habe ich ganz genau hingeschaut, ob da die gängigen Klischees bedient werden oder ein sachliches und authentisches Bild von der Arbeit des Bestatters gezeichnet wird. Soviel sei schon mal vermerkt: die Bestattungsbranche kommt gut weg. Der Berufsstand wird am Beispiel des fiktiven Bestattungsintstitutes Wege so dargestellt, wie ich ihn auch kennengelernt habe – solide, bodenständig, verantwortungsbewusst und unspektakulär.

Dass Kai Weyand nicht der Verlockung erliegt, das Geschäft mit dem Tod für seine Zwecke auszuschlachten, rechne ich ihm schon mal hoch an. Denn wie einfach wäre es gewesen, mit einem paar Übertreibungen und Ausschmückungen für einen auflagensteigernden, schaurig-schönen Gänsehaut-Effekt beim Leser zu sorgen. Nicht erst seit Simon Beckett weiß man ja, dass morbide Themen immer gehen.

Nein, das tut Weyand nicht und erzählt stattdessen die Geschichte seines Romanhelden Nies. Weyands Protagonist erlebt im Alter von 13 Jahren ein Trauma, als sich seine Eltern einen Lebenstraum erfüllen und nach Kanada auswandern. Er bleibt mit seinem älteren Bruder allein in Deutschland zurück und immigriert stattdessen innerlich. Er verweigert sich, erfüllt nicht die Erwartungen, geht in Opposition zum Bruder und den abwesenden Eltern und nennt sich fortan NC – No Canada. So wird er irgendwie erwachsen, aber es wird nicht besser. Im Gegensatz zu seinem Bruder, der im Londoner-Finanzsektor Karriere macht, schleppt sich NC von Aushilfsjob zu Aushilfsjob und kommt nicht richtig ins Leben. Bis er irgendwann vor dem Bestattungsinstitut Wege steht und dort als Bestattungshelfer anfängt.

Dass ich mich für diesen Roman nicht so richtig begeistern kann, liegt hauptsächlich daran, dass ich mit diesem NC nicht warm geworden bin. In meinen Augen ist der Protagonist dem Autor nicht so richtig authentisch gelungen. Weyand konnte sich nicht entscheiden, ob NC jetzt cool und entspannt oder schräg und verhaltensauffällig sein soll. In diesem Roman ist er beides, und das habe ich als störend empfunden. Besonders auffällig ist das in dem Abschnitt mit der alternativen Seebestattung, wo NC in meinen Augen auf einmal vollkommen aus der Rolle fiel. Von da an hat mich Weyand verloren.

Und so kann ich leider nur sagen, dass dieser Roman ganz nett zu lesen ist, unterhaltsam daherkommt, die Situation im Bestattungsgewerbe ehrlich und nicht sensationsheischend darstellt und dem Leser hier und da ein paar Schmunzler entlockt. Viel mehr ist da aber nicht, und ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was dieses Buch auf der Longlist des Buchpreises zu suchen hat.

* NB = No Buchpreis

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Titelfoto. Gabriele Luger

Verlag: Wallstein
188 Seiten, 19,99 €
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Drei andere Buchpreisblogger haben sich auch zu diesem Buch geäußert: masuko13Sätze & Schätze und Klappentexterin

Bov Bjerg – Auerhaus

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Ganz ehrlich? Ich hätte es nicht gewagt, so ein dünnes Geschichtchen einem Verlag anzubieten. Hundertprozentig hätte ich ein Absageschreiben mit folgendem Inhalt bekommen. „In Ansätzen ist das schon ganz ok. Aber bauen Sie die Geschichte noch ein wenig aus, geben Sie den Charakteren mehr Tiefe und bringen Sie irgendeine Idee in die Geschichte ein, die man noch nicht hundertfach in ähnlicher Form gelesen hat.“

Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, dass dieser kleine Roman genau so bleiben muss, weil er perfekt in den Markt passt. Nicht zu dick, leicht zu lesen, einfache Charaktere, ein bisschen wilde Jugend, ein wehmütiger Blick zurück. Fertig ist ein solides Stück Popliteratur. Ein perfekter Roman für Männer und Frauen Mitte 30 oder 40, die noch mal gedanklich zurückreisen möchten. In die wilde Jugendzeit, als einem noch alle Wege offen standen. Als es die eigene Welt gab und die Welt der Erwachsenen – deutlich voneinander abgegrenzt. Als es nur öffentlich-rechtliches Radio gab und auf allen Sendern Chris de Burgh oder Madness lief.

Der perfekte Roman auch für den Blumenbar-Verlag, der genau diese im Geiste junggebliebene Zielgruppe bedient. Mit immer wieder wunderbar gestalteten Einbänden und liebevoll editierten Innenseiten. Nein, Auerhaus passt prima in die Zeit, ist ein Buch, das man auch mal Jugendlichen in die Hand geben kann. „Hier lies mal, so waren wir damals drauf. Wir haben nicht den ganzen Tag vor der Playstation gesessen“.

Für mich war Auerhaus jedoch nicht der perfekte Roman. Mit einem Schulterzucken habe ich das Buch aus der Hand gelegt und mich gefragt, ob ich da überhaupt etwas zu schreiben soll. Obwohl Bov Bjerg genau mein Jahrgang ist und Auerhaus in einer Zeit spielt, in der auch ich darüber nachdachte, einfach vor der Wehrpflicht nach Berlin abzuhauen, wie viele meiner Kumpels. Trotzdem hat Auerhaus nichts bei mir zum Klingen gebracht. Zu seicht das Ganze, die Geschichte plätscherte so dahin und ich hatte andauernd das Gefühl, das alles schon mal irgendwo gelesen zu haben – bei Herrndorf, bei Regener, bei Hischmann, bei Schamoni oder irgendwelchen anderen Popliteraten.

Der unauffällige Ich-Erzähler und sein problematischer, unangepasster Freund. Diese Protagonisten-Paarung findet man in jeder zweiten, literarischen Jugenderinnerung. Am Ende stehen immer Scheitern, Resignation und die Einsicht, dass man gegen die Welt da draußen, die Welt der Erwachsenen nicht gewinnen kann. Dass es aber gut ist, es zumindest mal probiert zu haben.

Nach dieser Blaupause für erfolgreiche Popliteratur funktioniert auch dieser Roman. Und deswegen wird Auerhaus auch mit Sicherheit jede Menge junggebliebene Leser und begeisterte Fans finden. Mir ist es nicht gelungen, das gut zu finden, aber ich habe es zumindest mal probiert.

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Sophie vom Blog Literaturen und Gérard von Sounds & Books haben Auerhaus auch gelesen und sind etwas anderer Meinung.

Titelfoto: Gabriele Luger

Blumenbar Verlag.
240 Seiten, 18,00 €
Das Buch direkt im lokalen Buchhandel bestellen:

Am Ende bleiben viele Fragen

Fabian Hischmann – Am Ende schmeißen wir mit Gold.

Deutschland erinnert sich. An die eigene Jugend, an all das, was man erlebt, erlitten hat. Was einen zu dem gemacht hat, was man ist. Weswegen man nicht das geworden ist, was man hätte werden können, hätte werden wollen. Wie viele Bücher habe ich eigentlich in letzter Zeit mit dieser Thematik gelesen? Weiß nicht genau, aber jetzt ist es jedenfalls eines mehr. Denn auch Fabian Hirschmann erinnert sich und lässt uns teilhaben. So weit, so populär.

Und natürlich ist das Grundthema ja auch interessant. Natürlich ist es auch immer wieder anders. Denn jeder Mensch hat eine andere Geschichte zu erzählen, andere Gründe fürs Scheitern, für die Angst, die Resignation. Auch der Held dieses kleinen Romans hat seine Gründe: für ein halbfertiges Leben, für seine Perspektivlosigkeit, Antriebsarmut, Beziehungsunfähigkeit.

In dieses halbfertige Leben dürfen wir Leser ein wenig hineinschauen, vielleicht sollte ich auch sagen: hineinschnuppern. Leider nicht viel mehr. Denn der Autor fasst sich kurz, verfällt nicht in Geschwätzigkeit. Die komplexe Persönlichkeitsstruktur des Romanhelden Max wird angerissen, aus einem oder zwei Blickwinkel beleuchtet und dann war es das. Mit den Fragen, die sich beim Lesen ergeben, bleibt man über weite Strecken allein und wird am Ende auch nicht erlöst. Ich hätte gerne noch erfahren, ob Max sich noch entscheidet, zwischen schwul, bisexuell und hetero. Und was es mit dem PENG auf sich hat, wer schmeißt da eigentlich mit Gold und warum? Aber auf einmal ist das Buch zu Ende.

Zum Schluss bekommt man auf zwei Seiten noch ein eilig zusammengeschriebenes Happy-End präsentiert, das ein paar Antworten gibt aber einen nicht wirklich zufrieden stellt. Das ist nicht nur schade, sondern auch etwas ärgerlich. Denn die Geschichte hätte mehr Potenzial gehabt und hundert zusätzliche Seiten, hätten dem Buch sicherlich gut getan. Auf mich wirkt dieser Roman nach Marketingkonzept konstruiert, auf ein ganz bestimmtes Publikum zugeschrieben. Ein populärer Titel, ein netter Einband, nicht zu dick und leicht bekömmlich für die Fans von Büchern wie Tschik und Nilowski.

Gelesen: April 2014
Foto: Gabriele Luger

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Link: Fabian Hischmann liest zehn Seiten aus seinem Buch: 

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Ohne Wohlfühlfaktor

Olga Grjasnowa – Der Russe ist einer, der Birken liebt.

Es fällt mir schwer, eine abschließende Meinung zu diesem etwas merkwürdigen Roman zu entwickeln. Spontan würde ich sagen: gefällt mir nicht. Aber warum eigentlich? Sprachlich, handwerklich bewegt sich die junge, attraktive Autorin auf einem hohen Niveau. Kaum zu glauben, dass sie keine Muttersprachlerin ist.

Auch die Handlung ist durchaus erzählenswert. Liebe, Lust und Leidenschaft – ‚ alles drin in diesem Debutroman. Es liest sich locker und kurzweilig, ist nicht zu lang und nicht so kurz. Warum also gefällt mir das Buch nicht?

Vielleicht ist es die erzeugte Stimmung, die mir nicht gefällt. Ich möchte mich als Leser in einem Buch wohl fühlen, es gerne zur Hand nehmen, in Atmosphäre und Stimmungen eintauchen und den Ich-Erzähler entweder abstoßend oder sympathisch finden. Aber Mascha, die Ich-Erzählerin in diesem Roman, ist für mich nicht richtig greifbar. Auch nach 270 Seiten habe ich keine Meinung zu dieser Person. Ihr ganzes Umfeld ist und bleibt mir fremd. Russen, Armenier, Aserbaidschaner, Libanesen, Israelis und Ost-Deutsche schwirren um die kränkelnde Mascha rum. Und alle sind sie entweder Christen, Juden oder Moslems mit den dazu passenden Befindlichkeiten. Hinzu kommt noch ein Potpourri mit allen gängigen Varianten unkonventioneller Liebschaften. Mascha mit ihrem Professor, Mascha mit ihrem Ex-Freund, Mascha mit einem One-Night-Stand, Mascha mit einer Frau. Also für meinen Geschmack ist das ein wenig zu viel des Guten.

Am Ende ist man wirklich froh, das Buch zur Seite legen zu können und mit all diesen komischen Romanfiguren nichts mehr zu tun zu haben. Und für diesen eigentlich interessanten Effekt muss man das Buch wieder über alle Maßen loben. Denn so etwas schafft nur wirklich gute Literatur.

Gelesen: März 2012

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Indie-Pop Roman

Martell Beigang – Zu Gast im eigenen Leben. 

Ich stelle mein Fazit mal an den Anfang: Toller Titel, mäßiger Inhalt, schlechte Verpackung. Zusammen macht das dann drei Sterne. Aber jetzt der Reihe nach.

Der Titel dieses Romans ist grandios. Nur deswegen habe ich mir das Buch gekauft. Denn wer kennt nicht das Gefühl, zu Gast im eigenen Leben zu sein? Die Headline verspricht viel. Surreales, Epochales, eine Reise zum und ums Ich, vorbei an Über-Ich und Es. Was weiß ich – jedenfalls ist das ein Buchtitel, mit dem man Literaturgeschichte schreiben kann. Wenn denn auch der Inhalt die hohen Erwartungen erfüllt. Tut er aber leider nicht. Denn was auf den knappen 150 Seiten an Story folgt, ist leider nicht mehr als Durchschnittsware. Angesagte Pop-Literatur für den musikinteressierten Mitdreißiger. Das kennt man von Hornby, Regener oder Goosen.

Die Story ist schnell erzählt. Ein mehr oder weniger gescheiterter Musiker sucht seine Ex mittels eines Internetclips. Aus dem Clip wird im Laufe der Zeit eine erfolgreiche und beliebte Fernsehshow. Die Ex kehrt zurück, Happy End! Mehr oder weniger ist das die Story des Vodafone-Clips mit dem Song „We are the people“.

Aber warum auch nicht? So geht Popliteratur eben. Und damit die angepeilte Zielgruppe auch weiß, dass das ein Buch nur für sie ist, darf die obligatorische Gitarre auf dem Cover nicht fehlen. Fertig ist der Indie-Pop-Roman. Darüber hinaus ist die Aufmachung eher die eines Sachbuches. Format, Hochglanz-Einband und Bindung – das alles lässt einen ganz anderen Buchtitel und Inhalt erwarten. „Filmen fürs Internet. Vom Clip zur eigenen Sendung,“ oder so ähnlich.

Fazit? Siehe oben.

Gelesen: Juli 2011