Robert Seethaler – Das Feld

*Tobias Nazemi*

Ich habe immer gerne gelesen. Als sich dann der Zustand meiner Augen im Alter immer mehr verschlechterte, bin ich auf Hörbücher umgestiegen. Zuerst war es eine Notlösung, dann fand ich das Zuhören sogar noch besser als selbst zu lesen. So hat mir bis zu meinem letzten Tage nichts gefehlt.

Während ich jetzt hier unten liege und nichts anderes zu tun habe, als den vielfältigen Geräuschen des Gräberfeldes zu lauschen, fehlen mir die Bücher schon sehr. Mein ganzes Leben lang hat mich die Literatur ummantelt, mir Orientierung gegeben, Perspektiven aufgezeigt und geholfen, mich zurechtzufinden. Durch die Bücher habe ich viel erlebt, war ständig unterwegs, an den exotischsten Orten, habe unzählige Menschen kennengelernt, mich verloren und manchmal auch verliebt.

Natürlich weiß ich, dass das alles nur Einbildung war. In Wirklichkeit hab ich mich mein halbes Leben lang nicht vom Fleck bewegt, im Sessel am Fenster gesessen und mir die Augen verdorben. Aber ich will mich beim besten Willen nicht beklagen und würde – wenn ich könnte – noch einmal alles ganz genauso machen. Denn ich hatte ein glückliches und erfülltes Leben.

Ideal wäre gewesen, wenn ich meine Bücher einfach hätte mitnehmen können. Natürlich nicht alle, aber eine kleine Auswahl – meine zehn Lieblingstitel oder die Autoren, für die mir zu Lebzeiten immer die Muße fehlte: Foster-Wallace, Joyce, Musil, Proust. Aber auch wenn man sie mir mit beigelegt hätte, es hätte mir nichts genutzt, denn es ist hier definitiv viel zu dunkel zum Lesen.

So bleiben mir nur mehr oder weniger schwache Erinnerungen an die vielen hundert Geschichten und Schicksale, die ich in meinem Haus zurücklassen musste. Was wohl aus den ganzen Büchern geworden ist? Aber wenn die Erinnerung auch verblasst, an ein ganz bestimmtes Buch aus dem Jahr 2018 kann ich mich auch jetzt noch ganz genau erinnern. Und zwar deshalb, weil es genau die Situation beschreibt, in der ich mich jetzt befinde. Erkaltet und eingesperrt in einen Kasten von 0,5 mal 2,20 Meter, nur einen spaltbreit über dem Grundwasser.

Robert Seethalers literarischer Spaziergang über den Friedhof von Paulstadt hat mich damals nachhaltig beeindruckt. Auch wenn jeder genau weiß, dass in den Gräbern eines Friedhofes Menschen liegen, die alle genauso intensiv gelebt, geliebt und gelitten haben wie du und ich, ist die Vorstellung, dass sie plötzlich wieder eine Stimme haben und zu dem, der da oben steht, sprechen, schon ziemlich spooky. Auch wenn es umgekehrt eigentlich genauso befremdlich ist, dass Angehörige am Grab stehend zu den darin liegenden Toten sprechen.

Aber Seethaler hat das grandios gemacht, hat eine ganze Stadt in vielen kleinen, mit den jeweiligen Namen auf den Grabstein betitelten Kapiteln literarisch wieder auferstehen lassen. Vom Hilfsarbeiter, Obsthändler, der Schuhverkäuferin bis zum Pfarrer und Bürgermeister. Und jeder der Toten erzählt auf seine Art, was ihm grad so einfällt. Schlüsselszenen ihres Lebens oder aber Belangloses. Wenn man erstmal hier unten liegt, das weiß ich jetzt nur allzu gut, ist sowieso alles belanglos, auch ehemalige Schlüsselszenen. Nichts hat mehr Bedeutung. Ob Leben oder Tod, Wahrheit oder Lüge, wen interessiert das noch? Kein Richter, kein Henker. Keine Schuld und keine Sühne.

Ja, an „Das Feld“ erinnere ich mich noch allzu gut. Für mich war das ein ganz klarer Kandidat für den Deutschen Buchpreis. Aber Seethaler ist damit noch nicht mal auf die Longlist gekommen. Wahrscheinlich, weil es gar kein richtiger Roman ist. Egal, auch das ist mittlerweile total belanglos. Trotzdem hätte ich das Buch zum noch mal Reinlesen und Schwelgen jetzt gerne hier unten. Und dazu bitte noch eine Taschenlampe mit Ersatzbatterien.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser
240 Seiten, 22,00 Euro

Auch als Hörbuch erhältlich:
Tacheles! / Roof Music
Gesprochen von Robert Seethaler, 5 h, 21 min

 

 

Alle Sorgen plötzlich nichtig und klein

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Robert Seethaler – Ein ganzes Leben.

Manchmal muss man einfach mal die Sichtweise wechseln, um zu sehen, wie gut es einem geht. Und nicht nur das. Um zu begreifen, wie unbedeutend das eigene Leben eigentlich ist. Wie wenig von einem bleibt. Wie schnell alles verfliegt. So wie von Andreas Egger, dem traurigen Helden in Robert Seethalers aktuellem Roman.

Er kam zur Welt, hat früh seine Mutter verloren, ist ungeliebt herangewachsen, hat hart gearbeitet, dann endlich die Liebe gefunden und sie sofort wieder verloren. Er hat gehungert, gefroren, in Stein gebohrt und ist gestorben. Das alles erfährt man in drei bis vier Stunden anregender Lektüre – mehr braucht man für die 150 Seiten von „Ein ganzes Leben“ nicht. Aber diese Lesezeit ist Gold wert. Wie geläutert legt man das Buch aus der Hand und blickt sich um. Alle Alltagsprobleme, der ganze Stress, die großen und kleinen Sorgen – wie beim Flug über den Wolken erscheint einem plötzlich alles „nichtig und klein“.

Was will man mehr? Das ist doch wirklich das Schönste, was man von einem Buch erwarten kann. Lesen, um Gelassenheit zu erlangen, seinen Frieden zu finden. Ich weiß nicht, ob Seethaler das wirklich beabsichtigt hat. Ich glaube nicht. Vielleicht wollte er einfach nur eine einfache Lebensgeschichte erzählen. Ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Moral von der Geschicht`. Und wie das immer so ist, wo die Moral fehlt, denkt sich der Leser eine dazu. Und die lautet diesmal: Lesen macht glücklich.

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Gelesen: Dezember 2014
Foto: Gabriele Luger