Die Shortlist-Favoriten der Buchpreisblogger

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Wir hatten vier Wochen, um uns auf die 20 Titel einzulassen. Nicht viel Zeit, um sich mit dieser für uns überraschenden Longlist anzufreunden, die Leseproben und die ausgewählten Titel zu lesen oder zumindest mal hineinzublättern. Doch bei sechs arbeitsteilig agierenden Buchpreisbloggern ist jeder der nominierten Titel mittlerweile von mindestens einem von uns gelesen und bewertet worden. Und so können wir jetzt, zwei Tage bevor die Buchpreisjury die offizielle Shortlist bekannt gibt, unsere sechs Titelfavoriten verkünden.

Das sind die Shortlist-Favoriten der Buchpreisblogger:

Akos Doma – Der Weg der Wünsche

Gerhard Falkner – Apollokalypse

André Kubiczek – Skizze eines Sommers

Thomas Melle – Die Welt im Rücken

Joachim Meyerhoff – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Anna Weidenholzer – Weshalb die Herren Seesterne tragen

Unsere Favoriten-Liste ist keine Shortlist-Prognose. Wir haben nicht darauf spekuliert, wie wohl die Fachjury entscheiden wird, sondern das ausgewählt, was uns an Longlist-Titeln interessiert, überzeugt und begeistert hat. Wenn unsere Favoriten mit der am Dienstag um 10.00 Uhr verkündeten Shortlist hier und da übereinstimmt, dann freuen wir uns.

Auch wenn die lange Liste jetzt von einer kurzen abgelöst wird – das Longlistlesen ist für uns noch lange nicht vorbei. Nach anfänglicher Skepsis sind wir Blogger mittlerweile einhellig der Meinung, dass die diesjährige Longlist eine gute ist. Kaum ein Titel, außer vielleicht Lewitscharoff, der da nicht hingehört, viele Überraschungen, wie Kubiczek, Weidenholzer und Winkler, und nicht zuletzt Titel, an denen man sich abarbeiten und reiben kann, wie Falkner oder Stadler. Wir sind alle sehr gespannt darauf, wer es in die nächste Runde schaffen wird und drücken unseren Favoriten schon mal die Daumen.

Hier noch ein Link zu ausgewählten Beiträgen der Buchpreisblogger.

10 Tage nach Bekanntgabe der Longlist – erste Eindrücke.

Rezension zu Apollokalypse auf Sounds & Books und das Streitgespräch dazu auf Literaturen

Rezension zu Anna Weidenholzer „Weshalb die Herren..“ auf Literaturen

Rezension zu die Thomas Melle „Die Welt im Rücken“ auf Buchrevier

Herbert liest  und bespricht „Das Pfingstwunder“ von Sibylle Lewitscharoff

Rezension zu André Kubiczek „Skizze eines Sommers“ auf Sounds & Books

Jacqueline Masuck hat Akos Doma „Der Weg der Wünsche“ besprochen.

Michael Kumpfmüller – Die Erziehung des Mannes

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Es ist schon komisch. Da meint man ein wenig Bescheid zu wissen, alle wichtigen Player im Literaturbetrieb zu kennen und dann kommt die Longlist des Buchpreises mit Namen daher, die man noch nie gehört hat, wie Platzgumer oder Kumpfmüller. Zumindest Letzteren hätte ich kennen müssen, denn er hat bereits mit einigen Titeln, wie zum Beispiel „Die Herrlichkeit des Lebens“ auf sich aufmerksam gemacht. Doch er ist mit all seinen Werken bisher komplett an mir vorbeigegangen. Aber das ist Vergangenheit, den Namen werde ich mir merken, denn mit der „Erziehung des Mannes“ hat er einen grandiosen Einstand bei mir gehabt.

Wie den Melle konnte ich auch diesen Longlist-Titel einfach nicht aus der Hand legen und hab die 315 Seiten in einem Rutsch innerhalb von zwei Tagen gelesen. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich diesen Entwicklungsroman anderen Lesern so ohne Weiteres ans Herz legen kann. Denn mich hat die Geschichte so berührt, weil ich mich an so vielen Punkten im Protagonisten Georg wiedergefunden habe. Stellenweise hatte ich das Gefühl, Kumpfmüller zitiert aus meinem Leben, beschreibt meine Jugend, meine ersten Schritte ins Erwachsenenleben, meine gescheiterte Ehe und den anschließenden Rosenkrieg. Stellenweise erschienen mir sogar einige Dialoge, als wenn ich sie vor Jahren schon mal genau so geführt habe.

Das heißt, es ist mal wieder alles andere als objektiv, was meine Begeisterung für diesen Roman anbetrifft. Auch wenn ich mit offenem Mund Seite um Seite wie paralysiert umblätterte, heißt das nicht, dass es anderen auch so gehen wird. Aber vielleicht erzähle ich trotzdem mal kurz, worum es hier geht.

Da ist Georg, ein Musikwissenschaftler und Komponist von klassischer Musik. Der Roman startet irgendwann Anfang der Achtziger, Georg studiert und lebt seit einigen Jahren mit Katrin zusammen – erst in Freiburg, dann in Hamburg. Doch mit Katrin läuft es nicht mehr so gut, besonders im Bett – da passiert schon seit langer Zeit gar nichts mehr. Georg leidet still vor sich hin, käme sich aber schäbig vor, deswegen Schluss zu machen. Also ein super anständiger Typ; einer der Verständnis hat, der einen stundenlang im Arm halten kann, Seite an Seite liegen und Zärtlichkeiten austauschen kann, ohne Hintergedanken. Er geht dann einfach irgendwann ins Bad und erleichtert sich, anstatt Katrin irgendeine Körperlichkeit abzufordern, die sie ihm freiwillig nicht gewähren will. Später heißt es dann von ebendieser Katrin: ‚Warum hast du es dir nicht einfach mit Gewalt genommen?‘ Und Georg kann nicht fassen, dass sie das wirklich sagt. Erste Lektion gelernt.

Dann taucht irgendwann Jule auf und Georg versucht mit ihr den Absprung von Katrin, kommt dadurch vom Regen in die Traufe, aber das wird er erst später erkennen, wenn er auch diese Lektion gelernt hat. Jule entpuppt sich als der Albtraum eines jeden Mannes. Eine dominante, selbstverliebte Lehrerin, die alles besser weiß, alle Register zieht, um ihren Willen durchzusetzen und auch nicht davor zurückschreckt, dafür die Kinder zu instrumentalisieren. Ja, Georg hat einen schweren Fehler gemacht, als er Jule geheiratet und mit ihr auch noch drei Kinder gezeugt hat. Ein Fehler, der sein ganzes weiteres Leben bestimmen wird. Denn natürlich steht so ein grundanständiger Kerl wie Georg auch nach dem voraussehbaren Scheitern der Beziehung zu seiner Verantwortung als Vater. Obendrein liebt er seine Kinder sehr, ein Umstand, den Jule auch noch Jahre nach der Scheidung für ihre Zwecke zu nutzen weiß.

Und während Georg sich durch diesen Beziehungskrieg kämpf, geht das Leben weiter. Die Kinder werden größer, es wird nicht einfacher, sondern anders schwer. Nebenher gilt es noch, die eigene Karriere und eine neue Liebe, ein neues Glück aufzubauen. Doch Jule lässt nicht locker, am Ende haben alle verloren: Georg, Jule und die Kinder – die nächstes schmerzliche Lektion.

Am Ende des Romans ist Georg über sechzig und blickt erschöpft zurück. ‚Er war stets bemüht‘, würde im Arbeitszeugnis seines Lebens stehen. Einer, der bei Vorgesetzten und Kollegen gleichermaßen beliebt war und sich durch sein großes Einfühlungsvermögen ausgezeichnet hat. Doch leider fehlte ihm bei der Durchsetzung seiner Ziele die nötige Konsequenz und die Fähigkeit, Dinge auch gegen starke Widerstände durchzusetzen. So konnte Georg die ihm übertragenen Lebensaufgaben leider nicht zur vollsten Zufriedenheit ausführen. Er verlässt uns nach 315 Seiten auf eigenen Wunsch, um sich mit seiner Geschichte für die Shortlist des deutschen Buchpreises zu bewerben.

Ich wünsche Georg und Herrn Kumpfmüller bei diesem Unterfangen viel Erfolg und auf ihrem weiteren Lebensweg beruflich wie privat alles Gute.

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
320 Seiten, 19,99 €

Bloggertalk zu Bodo Kirchhoffs ‚Widerfahrnis‘

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Unter den Buchpreisbloggern wird viel gestritten. Natürlich nur um Literatur. Zu Bodo Kirchhofs neuestem Buch „Widerfahrnis“ habe ich mit meiner Bloggerkollegin Jacqueline (masuko13) zahlreiche Mails ausgetauscht. Beide mögen wir Kirchhoff sehr. Doch während Jacqueline diese Novelle als berührende Ü40 Liebesgeschichte sieht, empfinde ich es als Altherrenprosa. Sie meint, dass Kirchhoff es damit auf die Shortlist schaffen könnte, ich glaube das eher nicht. Aus dem Mailwechsel ist dieser Bloggertalk entstanden. 

Tobias: Das ist jetzt schon der fünfte Roman, den ich von Kirchhoff lese. Und in jedem der Bücher ging es um eine komplizierte Liebe älterer Herrschaften, bei der die Protagonisten regelmäßig im Auto über den Brenner nach Italien fahren, sich in irgendeinem romantischen Hotel lieben und anschließend entweder zusammenkommen oder wieder auseinandergehen. Das ist so ein typisches Kirchhoff-Schema. Fast würde ich sagen, er schreibt seit Jahren nur Variationen des immer gleichen Romans.

Jacqueline: Das kann ich nicht bestätigen, da ich bis auf „Die Liebe in groben Zügen“ nichts kenne von ihm. Aber wenn das so ist, dann mag ich sein Thema in allen möglichen Variationen wirklich sehr.

Tobias: Ich mag das ja eigentlich auch. Finde es gut, wenn sich Autoren treu bleiben und nicht meinen, sich ständig neu erfinden zu müssen. Aber Kirchhoff könnte für meinen Geschmack jetzt mal was Neues bringen. Überhaupt finde ich „Widerfahrnis“, wie ich schon in meiner Rezension geschrieben habe, insgesamt ein wenig altmodisch. Das ist fast schon Altherrenprosa. Was sagst du als Frau dazu?

Jacqueline: Sehe ich gar nicht so. Unter „Altherren-Roman“ verstehe ich eher die übertriebenen Phantasien älterer Autoren – alter Mann liebt junge Frau und umgekehrt. Kirchhoff erzählt eine Liebesgeschichte zweier Menschen jenseits der 50. Weder ist Reither uralt, noch Leonie Palm sehr jung. Ich konnte mich gut in der Figur der Leonie wiederfinden, mochte aber auch Reither sehr. Ein ewig jung Gebliebener. Mit seiner ollen Lederjacke beispielsweise, die er schon getragen hat, als es noch kein Internet gab. Und es gehört doch auch jede Menge Spontanität und Mut dazu, einfach Richtung Italien loszufahren. Alles hinter sich zu lassen! Für mich ist das endlich mal wieder eine Liebesgeschichte für Leser jenseits der 20 oder 30 Jahre. Er beschreibt Gefühle und Menschen wie kein anderer.

Tobias: Ja, Kirchhoff ist und bleibt ein großer Meister in der Darstellung des Zwischenmenschlichen, das macht er gut, facettenreich und voller Empathie. Aber trotzdem, jemand der immer noch seine olle Lederjacke aus den Achtzigern trägt und sich damit ewig jung geblieben fühlt, ist meist das genaue Gegenteil davon. In meinen Augen gibt es nichts, was einen älter macht, als solch verstaubte Relikte. Aber das ist Ansichtssache. 

Ich glaube ja, dass all das Unzeitgemäße in diesem Roman – das Kettenrauchen, die Musikkasetten, Bücher, Hüte, Lederjacken – ganz bewusst zusammengetragen wurden, weil sie für den Abschied der Generation Kirchhoff stehen. Für mich schwingt da jede Menge Wehmut mit, das ist ok, aber so entsteht nun mal der Eindruck von Altherrenprosa. Auch sprachlich ist der Roman ein wenig aus der Zeit gefallen. Ich finde den Erzählstil ein wenig zu aufgesetzt und gekünstelt.

Jacqueline: Kirchhoff hat einen besonderen Erzählton, den man so schnell nicht wiederfindet. Gekünstelt finde ich ihn nicht. Ich mag diesen Ton. Als du noch am Anfang des Romans warst, meintest du bereits, er sei dir zu virtuos. Aber ist nicht genau das Virtuose das, was einen Kirchhoff auszeichnet? Wie geht es dir denn mit dem Titel? Widerfahrnis ist ja ein Wort, dass im Duden gar nicht existiert.

Tobias: Ich mag Kirchhoffs virtuosen Erzählstil eigentlich sehr. Aber in diesem Buch hat er es für meinen Geschmack übertrieben, eine Schleife, eine Girlande zu viel gezogen. Das wirkt auf mich zu gewollt, zu virtuos, zu konstruiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass junge Leser etwas mit Bodo Kirchhoff anfangen können, alleine schon aufgrund des altmodischen Begriffs Widerfahrnis. Was für Leute fragen denn nach Bodo Kirchhoff-Büchern bei Dussmann?

Jacqueline: Interessante Frage! Leser, die sich für Kirchhoff interessieren, sind wohl eher aus der Gruppe 40+. Kirchhoff-Leser sind außerdem anspruchsvoll und intellektuell. Ich empfehle immer gern „Die Liebe in groben Zügen“, wenn ein inhaltlich und sprachlich guter Liebesroman für nicht mehr ganz junge Leser gesucht wird. Ich denke, dass sich junge Leser mehr für Bücher interessieren, die sie direkt etwas angehen. Beispielsweise die Romane von Benedict Wells.

Tobias: Jetzt hat Kirchhoff in diesem Buch ein brandaktuelles Thema eingebaut. Findest du die Flüchtlingsthematik schlüssig und passend oder aufgesetzt?

Jacqueline: Aufgesetzt finde ich sie nicht. Mich hat sie aber tatsächlich ein wenig überrascht. Anfangs sind es ja nur dunkle Schemen am Rande. Dann werden daraus reale Figuren, welche Reither und Leonie in die Realität zurück katapultieren. Nein, ich finde, das passt ganz gut. Vielleicht kann man heute nicht mehr einfach losfahren, ohne mit solchen Schicksalen konfrontiert zu werden. Und deshalb gehören sie auch in die Welt der Literatur und der Liebesgeschichten.

Was mich beim Lesen leider gestört hat, war, dass er den Figuren der Geschichte manchmal so seltsame Bezeichnungen gibt. Also, wenn dann aus Leonie Palm die Beifahrerin und aus dem Flüchtlingsmädchen die Stumme mit Hut wird. Oder Taylor, der Mann aus Nigeria, ist plötzlich der angelernte Beifahrer. Das fand ich dann doch ein wenig gekünstelt. Hat dich das auch gestört?

Tobias: Nein, das hat mich eigentlich nicht gestört. Trotzdem, mein Urteil steht. Ich finde, das hier ist nicht Kirchhoffs bestes Werk. Wenn er für sein Meisterwerk „Liebe in groben Zügen“ schon den Buchpreis nicht bekommen hat, dann sollte er es mit „Widerfahrnis“ auch nicht schaffen. Zumal ich jetzt schon Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ eindeutig stärker finde. Glaubst du, dass Kirchhoff Chancen auf die Shortlist oder sogar den Buchpreis hat?

Jacqueline: Um darauf zu antworten, muss ich wirklich noch ein paar mehr Bücher der Nominierten lesen. Mir gefiel bisher „Fremde Seele, dunkler Wald“ von Kaiser-Mühlecker sehr gut. Ich bin wahnsinnig gespannt auf Falkners „Apollokalypse“, auf Winklers „Hool“ auf Goma, Lewitscharoff, … auf Melle auch! Ja, aber auf die Shortlist könnte es „Widerfahrnis“ schaffen, das ist durchaus realistisch. Was denkst du?

Tobias: Obwohl ich ein großer Bodo Kirchhoff-Fan bin – ich glaube die Shortlist wird er mit diesem Werk nicht schaffen. Aber der Deutsche Buchpreis ist ja bekanntermaßen unberechenbar.

 

Hier der Link zu Jacquelines Rezension auf Ihrem Literaturblag masuko13. Auch Buchpreisblogger Gérard hat Widerfahrnis gelesen und auf seinem Blog besprochen.

 

 

 

Thomas Melle – Die Welt im Rücken

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Das Erste, was mir beim Melle-Lesen auffiel ist, dass das ja ein bisschen wie Stuckrad-Barres Panikherz ist, nur besser, nur ohne Udo, ohne diesen ganzen Show-Biz-Kram, irgendwie noch abgefahrener und ehrlicher. Da lässt einer die Hosen runter, aber jetzt mal so richtig, ohne Rücksicht auf Verluste. Nicht wie Stuckiman, der schon beim Schreiben die entsprechende Premierenlesung mit Playlist und Gastauftritt von Udo und Konsorten im Hinterkopf hatte. Melle hat gar nichts im Hinterkopf. Melle will reinen Tisch machen. Diesen ganzen Psycho-Scheiß endlich hinter sich lassen. Es aufschreiben, sich freischreiben, die Meute sich jetzt noch einmal das Maul über ihn zerreißen lassen und dann war es das, dann ist er damit durch. So der Plan. „Wenn ich mich nämlich nicht freischreibe, bleibe ich stecken, das weiß ich, und meine Texte würden weiter von diesen Doppelgängern bevölkert und beschwert sein.“

Jetzt heißt es überall zunächst einmal: Was? Der Melle ist irre? Und ich so: Hab ich mir doch gleich gedacht. Und mein Über-Ich sofort: Ach komm, hör auf. Aber es ist tatsächlich wahr. „Die Welt im Rücken“ ist autobiografisch, Melle ist Melle und keine Romanfigur. Er hat das Versteckspiel satt und sagt es frei heraus: Ja, ich bin krank, manisch-depressiv oder neudeutsch: bipolar gestört. Und er ist es immer noch, wird das nie wieder los, kann keine Entwarnung geben, uns kein Happy End anbieten.

Wie das so ist, wie es einem damit geht, das beschreibt er in diesem Buch. Und das macht er so gut, so intensiv und literarisch bemerkenswert, dass er damit schon wieder für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Auch diese Nominierungs-Meriten scheinen ihn wie seine Krankheits-Schübe immer wieder zu ereilen. Nach „Sickster“ in 2010 und „3000 Euro“ im Jahr 2014 jetzt also schon wieder. Warum? Weil Melle einfach ein unglaubliches Talent ist, sprachlich virtuos, ein hochintelligenter Kopf und einer, der etwas zu erzählen hat.

Und hier hat er es sogar vergleichsweise einfach gehabt. Er musste sich nichts ausdenken, nicht in Charaktere schlüpfen, sich nicht hinter ihnen verstecken. Er musste keinen Plot aufbauen, sondern einfach nur dem Durchlittenen eine lesbare Struktur geben. Und das ist die große Stärke dieses Buches, das sich nicht Roman nennt und trotzdem sehr gute Chancen hat, der beste des Jahres zu werden. Es ist einfach schonungslos offen, ehrlich und authentisch. Ich ziehe meinen Hut vor so viel Mut, die Bereitschaft, auch das Intimste preiszugeben; die manischen Höhenflüge mit allen Peinlichkeiten, Arroganz- und Wutanfällen, sowie die tiefen Abstürze ins schwarze Loch der Depression.

Ich finde, es ist noch etwas anderes und wesentlich schwerer zuzugeben, dass alles aus einem selber kommt und nicht die Folge irgendeines Drogenmissbrauchs ist. Stuckrad-Barre hatte in seiner Panikherz-Drogenbeichte eine Exit-Option, konnte sich jederzeit von sich selber distanzieren und sagen: ‚Das bin nicht ich, das hat die Droge aus mir gemacht. Aber jetzt bin ich clean, alles ist vorbei‘. So eine Exit-Strategie gibt es für Thomas Melle nicht. Weder im Buch noch im wirklichen Leben. Das, was er da beschreibt, ist immer er, er und die Krankheit, beide untrennbar miteinander verbunden. Er ist die Krankheit und die Krankheit ist er. Als das ist er jetzt bekannt. Biopolarität wird der Literaturbetrieb zukünftig mit seinem Namen verbinden. Und dann heißt es vielleicht auf irgendeiner Lesung: Du, der Melle guckt so komisch. Ob er wieder einen Schub hat?

All das wird Thomas Melle vermutlich durch den Kopf gegangen sein, als er sich entschieden hat, dieses Buch zu schreiben. „Da muss ich, da will ich jetzt durch“, wird er sich gedacht und insgeheim geschworen haben, es so intensiv und bemerkenswert zu machen, dass manche Autoren bereit wären, ihr Schicksal mit seinem zu tauschen, wenn sie nur auch so ein Werk schaffen könnten.

Und genau so ist es geworden. Ich habe dieses Buch wie im Rausch innerhalb eines Wochenendes durchgelesen, habe Melle mit wachsender Begeisterung durch alle mentalen Berge und Täler begleitet, mir mehr als die Hälfte des Buches laut vorgelesen, um den Flow und den einzigartigen Sprachrhythmus noch intensiver zu erleben und das Buch am Ende tief beeindruckt aus der Hand gelegt.

Auch wenn ich erst zwei Titel von der diesjährigen Longlist gelesen habe: Melle ist jetzt schon mein absoluter Favorit auf den Titel. Und wenn ich mir das Autorenfoto im Umschlapklapper anschauen, dann habe ich das Gefühl, er rechnet selber auch damit. Oder warum guckt er sonst so komisch?

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Rowohlt Berlin
352 Seiten, 19,95 €

Auch Sophie Weigand vom Blog Literaturen hat diesen Titel besprochen und war begeistert.

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis

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Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis. 

Zunächst einmal sei hier betont: Ich bin der ultimative Bodo Kirchhoff-Fan. Das bedeutet,  wenn ich im Folgenden an seinem neuen Buch Widerfahrnis – das übrigens auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht – wenn ich also daran etwas kritisieren werde, was ich in der Tat zu tun gedenke, dann heißt das nicht, dass ich den Autor an sich und sein aktuelles Werk ablehne – ganz und gar nicht, nichts liegt mir ferner, im Gegenteil, ich bewundere ihn – es geht mir immer nur um Details, Kleinigkeiten, die vielleicht nur mir aufgefallen sind, die möglicherweise auch gar keinen stören – nur mich, seinen vielleicht größten Fan, der als solcher natürlich eine viel höhere Erwartungshaltung hat und einen Text von Bodo Kirchhoff ganz anders rezipiert, als ein ihm neutral gegenüberstehender Leser. Daher sei es mir gestattet zu sagen, dass mir in seinem jüngsten Werk die Sätze einfach zu lang sind.

Nicht dass er jemals kurze Sätze schreiben würde, nein der typische Kirchhoff-Stil verlangt nach langen, kunstvoll konstruierten und verschachtelten Sätzen. Aber diesmal hat er es für meinen Geschmack etwas übertrieben. Regelrechte Satzungetüme hat er da aufgebaut, die sich über halbe, fast schon ganze Seiten ziehen und nur mittels einer ganzen Batterie an Kommata, Gedankenstrichen, Doppelpunkten und hier und da sogar einem Semikolon mühevoll strukturiert und in Schach gehalten werden. Das, und so viel Kritik muss erlaubt sein, ist mir persönlich ein wenig zu viel des Guten. Mir fällt da der Vergleich zu der Schraube ein, die noch fester als fest zugedreht, plötzlich wieder locker wird.

Andere scheinen sich nicht daran zu stören, ganz im Gegenteil. So wird auf dem Backcover von Widerfahrnis aus der FAZ zitiert: “ Bodo Kirchhoff ist auf der Höhe seiner Kunst angekommen, ein souveräner Meister in der Beherrschung seiner Mittel. Virtuos!“ Ja, mag sein, aber Kunst läuft schnell Gefahr, wenn sie zu perfekt und geschliffen wirkt, als langweilig empfunden zu werden, oder aber anstrengend, zu gewollt, irgendwie uncool und sogar – Achtung Dolchstoß – als altmodisch.

Nun ist es raus. Ja – altmodisch, so kommt es mir vor, beinahe hätte ich sogar Altherrenprosa gesagt. Es tut mir leid, aber es ist so einiges irgendwie aus der Zeit gefallen in und an diesem Buch. Nicht nur die verklausulierte und manchmal etwas gestelzt wirkende Sprache; altmodisch ist auch der Begriff „Novelle“ und der Titel „Widerfahrnis“. Ich meine, wer außer vielleicht Martin Walser kennt und gebraucht noch dieses Wort, und wer bitteschön geht in den Buchladen und fragt nach einer schönen Novelle statt nach einem spannenden Roman? Altmodisch sind auch die Protagonisten, wie der ehemalige Verleger Reither, der seinen kleinen Indie-Verlag mit angeschlossener Buchhandlung verkauft hat, als er festgestellt hat, dass es mehr Menschen gibt, die schreiben, als Menschen, die lesen (meine Rede!). Wozu dann noch weiter Bücher verlegen – für wen? Auch wenn das keiner gerne hört – am wenigsten ich – Bücher sind leider auch altmodisch. Genauso wie Hüte. Die zweite Hauptfigur dieser „Novelle“, Leonie Palm, hatte einen Hutladen, der natürlich irgendwann Pleite gegangen ist, weil keiner mehr außer zu Karneval Hüte trägt.

Reither und Leonie Palm kommen sich näher, beginnen eine zarte Liebelei, die erst nach Tagen, achthundert Kilometern Autofahrt, mehren Flaschen Rotwein und zehn Schachteln Zigaretten im Bett landet. Es ist beinahe rührend zu sehen, wie die beiden erfahrenen Herrschaften wie zwei Teenager umeinander herum scharwenzeln, hier mal Händchen halten, da mal einen Nacken kraulen, aber nie zur Sache kommen, die magische Grenze nie überschreiten. Auch das, so meine Einschätzung, geht heutzutage irgendwie flotter.

Es hat etwas gedauert, bis ich darauf gekommen bin, dass das ganze Altmodische, das „Aus-der-Zeit-gefallen-sein“ zum Programm dieses literarischen Roadmovies gehört. Es ist sozusagen das Thema, darum geht es in „Widerfahrnis“. Deswegen wird geraucht, als wenn Zigaretten immer noch vier D-Mark kosten würden, deswegen trägt der Verleger seine alte Lederjacke aus den Achtzigern und hört die Hutmacherin in ihrem alten 3er-Cabrio Musikkassetten von Paul Anka. Das sind alles Allegorien oder meinetwegen Metaphern, jedenfalls Zeichen, die nicht zufällig in die Geschichte eingebaut wurden.

Reither und Palm fahren von Bayern nach Sizilien, von Nord- nach Südeuropa. Im Auto ist zusammen mit beiden die alte Zeit gefangen – Bücher, Hüte, Zigaretten und Paul Anka. Draußen ist die neue Zeit, Flüchtlinge, die in die entgegensetzte Richtung streben, von Süd- nach Nordeuropa. Reither und Palm sehen sie auf Bahnhöfen und hier und da an diversen Stellen. Sie stehen für Veränderung, für eine neue Zeit, in der mehr Bücher geschrieben und weniger gelesen werden, in der keine Hüte getragen werden und auch keiner mehr im Auto ein Kassettenlaufwerk hat, um Paul Anka-Kassetten zu hören.

Als Mann, der auch nicht mehr blutjung ist, glaube ich zu verstehen, was Bodo Kirchhoff damit sagen will. Die Nachkriegs-Generation ist am Ende. All die alten Ideale, Rituale und Alltäglichkeiten haben ihre Bedeutung, ihren Sinn und Zweck verloren, wirken altmodisch und antiquiert. Genau wie eine übertrieben kunstfertige Sprache. Jetzt kommt etwas Neues auf uns zu, von Süden nach Norden, mit neuen Ansichten und Werten. Wir werden uns darauf einlassen müssen, uns wird nichts anderes übrig bleiben. Denn man kann die Zeit nicht zurückdrehen, sondern nur für ein paar Stunden mal anhalten und sich aus ihr fallen lassen, um Paul Anka zu hören, Bodo Kirchhoff zu lesen und einfach mal unbeschwert altmodisch zu sein.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
224 Seiten, 21,00 €

 

Leserbrief #7 (Longlist of Love)

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Liebe Buchpreisjury,

wie viele Stoßgebete wohl in den letzten Tagen gen Himmel gesendet wurden. Lieber Gott, bitte, bitte mach, dass mein Buch in diesem Jahr auf der Longlist steht. Und wenn denn tatsächlich gebetet wird, tun das bestimmt nicht nur die Autoren, sondern auch ihre Verleger. Nun weiß natürlich jeder, dass Gott im Moment ganz andere Sorgen hat, als die Longlist des Deutschen Buchpreises. Diesen Job habt ihr übernommen, und daher müsste so ein Stoßgebet auch eigentlich beginnen mit: Liebe Buchpreisjury, …

Das soll kein Gott-Vergleich sein, aber so willkürlich und unvorhersehbar wie die Titelauswahl immer wieder ist, hilft eigentlich nur noch beten. Und das ist auch gut so. Denn die Longlist wird ja nur deshalb so viel beachtet und lebhaft diskutiert, weil sie immer wieder überraschend ist. Das mag daran liegen, dass ihr als Jury euch jedes Jahr neu formiert. Andere Typen, andere Meinungen und dadurch unkalkulierbar. Ich vermute aber, dass Ihr das Überraschungsmoment ganz bewusst mit einplant. Habe ich recht?

Bestimmt habt ihr so eine geheime Quotenregelung, bei der genau festgelegt ist, wieviele Bücher gemäß der allgemeinen Erwartung und wieviele davon vollkommen überraschend auf die Longlist kommen. Ihr könnt es ruhig zugeben; ich schätze mal, gut ein Drittel der zwanzig Titel sind für den Aha-Effekt vorgesehen. Und dann sind da ja noch die anderen Vorgaben. Der Gender-Proporz, das optimale Verhältnis zwischen Indie- und Majorverlag, der Trendthemen-Bezug, nicht zu viel Suhrkamp, die Migrationsautoren-Quote und natürlich müssen die Österreicher und die Schweizer auch noch berücksichtigt werden.

Viele unterschiedliche Erwartungshaltungen, die eine Menge Druck erzeugen. Gott sei Dank hat Clemens Setz in diesem Jahr nichts Neues vorgelegt, so dass an dieser Front erstmal Ruhe ist. Dafür steht jetzt Christian Kracht zur Debatte. Wenn ihr den nicht wenigstens auf die Longlist packt, wird es im Feuilleton wieder einen #Aufschrei geben. Oh je – kein einfacher Job, den ihr da habt.

Und jetzt kommt auch noch einer dieser Blogger daher – eine Laus, die ihr euch selbst in den Pelz gesetzt habt – und der hat nicht nur eine Longlist-Wunschliste dabei, sondern auch noch ein paar schlaue Sprüche auf Lager. Einer davon lautet: Vergesst einfach mal alle Erwartungshaltungen von außen und folgt dem Bauchgefühl. Denn die Aufgabe des Deutschen Buchpreises ist nicht nur, den besten deutschsprachigen Roman des Jahres zu küren, sondern auch für deutschsprachige Literatur und das Lesen an sich zu werben. Und hier wünsche ich mir in diesem Jahr eine Longlist mit Titeln, die einfach Spaß machen zu lesen, die einen verblüffen, fesseln, zum Nachdenken und zum Lachen bringen; auf die man sich als berufstätiger Mensch abends nach einem harten Arbeitstag einfach freuen kann, die einen fordern, aber nicht überfordern. Kein verquaster und sperriger Lesestoff für das literaturwissenschaftliche Proseminar, Keine tausendseitige Bleiwüste wie das Preisträgerbuch vom letzten Jahr. Ich meine, wir alle haben uns mit Frank Witzel gefreut, weil es so eine tolle Überraschung war und weil er ein netter Kerl ist. Aber mal ganz ehrlich, wer außer Jochen Kienbaum hat seinen manischen depressiven Teenager denn tatsächlich gelesen? Ich hab mal reingeblättert, festgestellt, dass ich für die Lektüre Monate brauchen würde und es dann ganz schnell wieder ins Regal gestellt. Damit wird man niemand Neues für die moderne deutschsprachige Gegenwartsliteratur begeistern können.

Nein, ich wünsche mir, dass in diesem Jahr Romane wie Unterleuten von Juli Zeh oder Der Goldene Handschuh von Heinz Strunk auf der Longlist stehen. Bücher, die ein beeindruckendes Leseerlebnis bieten. Romane, die man tief bewegt aus der Hand legt und mit leuchtenden Augen weiterempfiehlt. Und es ist egal, dass diese Titel schon seit Monaten die Bestsellerlisten anführen und keine weiteren Auszeichnungen mehr bedürfen. Denn der Buchpreis darf nicht als Entwicklungshilfe für literarische Schattengewächse verkommen. Der Leser darf nicht das Gefühl bekommen, hier zeichnet die Branche ein literarisches Meisterwerk aus, das irgendwie alles ist, nur nicht lesbar.

Ich habe mal meine ganz persönliche „Longlist of Love“ zusammengestellt. Alles Titel, die entweder andere Blogger oder ich schon mit großer Begeisterung gelesen haben oder denen wir mit großer Vorfreude entgegenfiebern. Bitte, bitte liebe Buchpreisjury, mach, dass davon möglichst viel am Dienstag auch auf der offiziellen Liste steht. Und wenn ihr nicht sicher seid, ob ihr das einfach so locker aus dem Bauch heraus entscheiden könnt – ich habe neulich Gott gefragt, was er gerne lesen würde. Er meinte, meine Liste wäre ok.

Na also.  Hier ist sie: 

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Emma Braslavsky – Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen (Suhrkamp)

Charles Lewinsky – Andersen (Hanser)

Sabine Gruber – Daldossi oder das Leben des Augenblicks (C.H. Beck)

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Shida Bazyar, Nachts ist es Leise in Teheran (Kiepenheuer & Witsch)

Martin Mosebach – Mogador (Rowohlt)

Juli Zeh – Unterleuten (Luchterhand)

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Senthuran Varatharajah: “Vor der Zunahme der Zeichen” (S.Fischer)

Mireille Zindel – Kreuzfahrt (Kein & Aber)

Christoph Hein – Glückskind mit Vater (Suhrkamp)

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Thomas Melle – Die Welt im Rücken (Rowohlt)

Heinz Strunk – Der goldene Handschuh (Rowohlt)

Lukas Bärfuss – Hagard (Wallstein)

Matthias Hirth – Lutra Lutra (Voland & Quist)

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Thomas Glavinic – Der Jonas-Komplex (S.Fischer)

Rasha Khayat – weil wir längst woanders sind (Dumont)

Silke Scheuermann – Wovon wir lebten (Schöffling)

Thea Dorn – Die Unglückseligen (Knaus)

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Christian Kracht – Die Toten (Kiepenheuer & Witsch)

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis (Frankfurter Verlagsanstalt)

Tilman Rammstedt – Morgen mehr (Hanser)

Das ist anspruchslos, das lese ich nicht.

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Worin unterscheidet sich anspruchsvolle Literatur von Unterhaltungsliteratur? Der Versuch einer Kriterienliste.

Immer wieder werde ich gefragt: Was liest du denn so für Bücher? Anfangs sagte ich noch „Belletristik“. Aber dieser Begriff hilft einem nicht weiter, er ist viel zu weit gefasst. Da fällt alles rein, was nicht ganz klar Genre ist. Günter Grass oder Jojo Moyes – beides Belletristik. Neuerdings sage ich daher „anspruchsvolle Gegenwartsliteratur“, aber das klingt irgendwie schnöselig und eingebildet. Und prompt wird man gefragt: Wo ist denn der Unterscheid zwischen anspruchsvoll und weniger anspruchsvoll?

Ich habe gedacht, das wäre klar geregelt. Habe nie daran gezweifelt und bin davon ausgegangen, dass es Definitionen gibt – anerkannte Kriterien, nach denen man eine Zuordnung vornimmt, um ganz klar sagen zu können: Das ist Literatur und das ist Unterhaltung; das ist Nische und das ist Masse; das ist gut fürs Image und das gut fürs Geschäft.

Aber so einfach ist das nicht. Ich habe bei Verlagen nachgefragt, wie sie das handhaben und festgestellt, dass darum viel gestritten wird, dass nicht nur jeder Verlag, sondern auch jeder Entscheider seine eigenen Kriterien hat. Also woher weiß ich, ob ein Buch auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gehört oder in den Urlaubskoffer als leichte Strandlektüre? Oder schließt das eine das andere gar nicht aus?

Ich habe mir Gedanken gemacht und meine eigene Kriterienliste zusammengestellt.

1. Die Motivation des Autors

Jedes Buch beginnt mit einem weißen Blatt Papier und einem ersten Satz. Aber entscheidend ist, was davor geschieht, noch bevor der erste Satz überhaupt geschrieben wird. Was hat den Autor bewogen, dieses Buch zu schreiben? Was treibt ihn an? Will er damit Geld verdienen, einen Bestseller landen und aller Sorgen ledig sein? Für wen schreibt er? Für sich oder für eine bestimmte Zielgruppe? Ist das Schreiben für ihn ein inneres Bedürfnis oder eine Pflicht, lediglich Mittel zum Zweck? Ich bilde mir ein, das alles zu spüren, die Motivation des Autors zwischen den Zeilen lesen zu können. Und wenn ich das Gefühl habe, dass ich nur noch Zielgruppe bin und eine nach gängigem Erfolgsmuster konstruierte Geschichte vorgesetzt bekomme, bin ich raus.

2. Der Plot ist nicht wichtig

Um mich für einen Roman zu begeistern, bedarf es weder einer erzählenswerten Handlung, noch interessanter oder spannender Verwicklungen. Gute Literatur braucht nicht zwingend einen Plot. Ganz im Gegenteil, je mehr Handlung ein Roman hat, desto flacher ist er in der Regel. An dieser Eindimensionalität erkennt man die reine Unterhaltungsliteratur. Hier geht es nur um die zu erzählende Geschichte, nichts weiter. Da schwingt nichts mit, öffnet sich keine zweite oder dritte Ebene, da ist kein Platz für Assoziationen, Identifikation, schweifende Gedanken, Erkenntnisse, überraschende Gefühle. Da ist nur diese eine Geschichte, mehr nicht. Für gute Literatur ist mir das entschieden zu wenig.

3. Klischees und Stereotypen

Am einfachsten erkennt man billige Unterhaltungsliteratur an abgedroschenen Phrasen, Stereotypen und Klischees. Der Arzt ist in solchen Romanen wie man sich einen Arzt eben so vorstellt, mit Stethoskop und weißem Kittel , der jugendliche Liebhaber jugendlich und liebend, der fiese Verbrecher fies und verbrecherisch. Eindimensionalität auch hier. Das hat natürlich seine Vorteile. Klischees muss man nicht groß einführen, die sind bekannt und können gleich in die Handlung integriert werden. Ich will so etwas aber nicht lesen. Das langweilt mich und zeigt deutlich, dass der Autor sich keine Mühe gegeben hat oder noch schlimmer – es einfach nicht besser kann.

4. Ecken und Kanten

Wenn wir Literatur als Kunstform begreifen, dann gehören Ecken, Kanten und Längen einfach dazu. Es ist durchaus ok, sich an Passagen zu reiben, an Formulierungen zu stoßen und über Sätze zu stolpern. Nur dann lebt ein Text, zeigt Charakter und Profil. Begeisterung und Ablehnung – literarische Texte erzeugen bei der Leserschaft immer beides. Sie leben in der Diskussion, in der Nachbetrachtung weiter. Das erhebt sie letztlich zur Kunstform. Unterhaltungsliteratur ist dagegen ein reines Konsumprodukt, nicht mehr als eine Trägerlösung für Geschichten. Glattgebügelt wie ein Song von Dieter Bohlen oder ein Hemd von C&A – einfacher Mainstream to go.

5. Sprache und Melodie

Wenn über Literatur gesprochen wird, stehen eher die Themen und nicht die Sprache im Vordergrund. Worüber ein Autor schreibt, scheint immer noch wichtiger zu sein, als wie ein Autor schreibt. Doch mir nicht. Literatur ist für mich in erster Linie Sprache und Gefühl. Ein Rhythmus, eine Melodie, die beim Lesen im Kopf entsteht. Ob kurz und prägnant oder lang und verschachtelt – ich habe da keine Präferenzen. Beides kann gut sein, wenn der Autor seine Texte nicht einfach nur niederschreibt, sondern komponiert. Und auch hier ist Mehrdimensionalität gefragt. Nicht ein Stilelement konsequent durchknüppeln, bis es dem Leser zum Hals heraushängt, sondern Texte so komponieren, dass sie klingen und etwas zum Klingen bringen.

6. Ein Gefühl für Literatur

Menschen, die nicht lesen, können auch nicht schreiben. Es gibt bestimmt hier und da mal Ausnahmen, aber im Großen und Ganzen ist das so. Wenn sich also jemand hinsetzt, um ein Buch zu schreiben, ohne jemals eines gelesen zu haben, dann entsteht daraus nur selten große Literatur. Und wenn doch, dann ist dieser Autor wohl ein großes Talent. Mir ist es wichtig, dass Autoren belesen sind. Denn Literatur ist ein Geben und Nehmen. Es geht nicht darum, Vorbilder zu haben und diese zu imitieren. Es geht darum, ein Gefühl für gute Literatur zu bekommen; zu wissen, was beim Lesen passieren kann, welche Empfindungen und Gedanken freigesetzt werden. Wer das nicht kennt und niemals selber erfahren hat, wird bei seinen eigenen Texten immer nur im Nebel stochern.

7. Persönlicher Stil

Es gibt nur wenige Autoren, von denen ich behaupten würde, sie sofort am Schreibstil zu erkennen. Haruki Murakami und Martin Walser könnte ich ziemlich sicher identifizieren, doch bei allen anderen hätte ich Probleme. Aber das ist auch wirklich die Königsdisziplin – nicht nur gut schreiben zu können, sondern auch noch einen unverwechselbaren Schreibstil zu haben. Bei Walser sind es seine Wortschöpfungen, das Kosige und Gurren, seine emotional aufgeladenen Satzkonstruktionen. Bei Murakami das genaue Gegenteil: einfache Sätze, karg und schlicht, fast schon unterkühlt. Ich habe das Gefühl, beide Autoren sehr gut zu kennen, ihnen nah zu sein, zu wissen, was sie bewegt, wie sie über bestimmte Dinge denken. Das ist natürlich Blödsinn, aber irgendwie auch ein schöner Blödsinn.

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8. Cover, Titel und Verlag

Wer mit all diesen Kriterien überhaupt nichts anfangen kann und trotzdem schnell anspruchsvolle Literatur von Unterhaltungs-Mainstream unterscheiden will, der schaue einfach auf das Buchcover. Manche Verlage haben überhaupt keine anspruchsvolle Gegenwartsliteratur im Angebot, sondern beschränken sich ausschließlich auf seichte Unterhaltungsliteratur. Man erkennt sie schnell am wild-romantisch illustrierten Cover, sprechenden Titeln und liebevoll arrangierten Angebotstischen im Buchhandel – ganz vorne in der Nähe des Eingangs. Anspruchsvolle Gegenwartsliteratur dann weiter hinten im Laden. Und wenn nicht, dann kann’s bestellt werden.

Titelfoto: Gabriele Luger