Vea Kaiser – Rückwärtswalzer

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Man tut diese Gattung allzu schnell als konventionell und rein unterhaltend ab, aber eigentlich ist das die Königsdisziplin der Literatur: der Familienroman. Wer als Schriftsteller oder Schriftstellerin unsterblich werden will, sollte in seiner Laufbahn wenigstens ein großes Familienepos geschrieben haben. Dann, ja nur dann besteht die Chance, einmal mit Fontane, Mann oder Fallada, Bronté oder Austen, Tolstoi oder Dostojewski in einem Atemzug genannt zu werden. Angesichts des schleichenden Bedeutungsverlusts der Literatur ist es sehr unwahrscheinlich, dass jemals noch ein zeitgenössischer Autor in die Hall of Fame der großen Romanciers einziehen wird, aber trotzdem: der Familienroman ist und bleibt die Messlatte.

Die Familie als Ursprung allen Seins – als Heimat, Kraftquelle, Sehnsuchtsort oder aber Trauma und Last – das war immer schon ein zentrales Thema in der Literatur. Selbst Homer erzählt in seiner Odyssee nichts anderes als eine Familiengeschichte. Aber im Moment trendet das Thema wieder ganz besonders. Wohin man auch schaut, alles dreht sich momentan um Blutsbande, das Vater-Mutter-Kind-Ding in unendlichen Variationen. Vielleicht ist dies der zunehmenden Alltagskomplexität geschuldet, der Auflösung vertrauter Konventionen und Rollenbilder. Vielleicht sind wir alle schlichtweg überfordert mit den gesellschaftlichen Veränderungen und schauen deswegen mit sehnsüchtigem Blick so gerne auf vermeintlich einfache Zeiten zurück.

Gerade hat Vea Kaiser ihren dritten großen Familienroman in Folge vorgelegt und wenn man sich vergegenwärtigt, dass die österreichische Autorin gerade mal 30 Jahre alt ist, ist das eine wahrhaft beeindruckende Leistung. Wenn man dann noch bedenkt, dass beide Vorgängerromane, sowohl Blasmusikpop als auch Makarionissi, internationale Top-Bestseller waren, die sich nicht nur exzellent verkauften, sondern auch von der Literaturkritik sehr wohlwollend aufgenommen wurden, wird man vielleicht erahnen können, unter welchem Erwartungsdruck die Autorin mit ihrem dritten Roman steht. Sie hat sich vier Jahre Zeit gelassen, nebenher noch ihr Alt-Griechisch-Studium abgeschlossen, den Mann fürs Leben gefunden und geheiratet, und jetzt betritt sie mit „Rückwärtswalzer“ wieder die große Bühne. Und wer sie einmal live erlebt hat, weiß, dass sie genau dahin gehört. Vea Kaiser ist eine literarische Rampensau, die übersprudelnd und mit weit ausholenden Gesten ihre Zuhörer in den Bann zieht. Eine ihrer Lesungen sollte man sich daher nicht entgehen lassen.

Doch kommen wir zu Rückwärtswalzer. Um es gleich vorwegzunehmen: Sie hat wieder abgeliefert. Großes Vea Kaiser-Familienepos Nr. 3 – und mit Sicherheit ein Bestseller in spe. Handwerklich gekonnt, emotional bewegend, pageturnend. Tolle, liebevoll skizzierte Charaktere, die wir Leser von der Wiege bis zur Bahre begleiten dürfen; von Montenegro nach Österreich und wieder zurück, vom Bauernhof in die Stadt, in Beziehungen hinein und wieder hinaus. Über Jahrzehnte beschreibt sie die Geschicke der Familie Prischinger. Fünf Geschwister, die in den vierziger und fünfziger Jahren auf einem Landgasthof aufgewachsen sind. Einer stirbt, die anderen wachsen heran, ziehen aus, machen alle auf ihre Art mehr oder weniger ihr Glück, verlieren sich aber nie aus den Augen und zumindest die drei Schwestern Mirl, Hedi und Wetti kommen in der Mitte ihres Lebens wieder zusammen. Ab da hängen sie tagein und tagaus bei Kaffee und Kuchen, panierten Schnitzeln, Tafelspitz, Grießnockerlsuppe und Kaiserschmarrn in Mirls oder Hedis Küche zusammen – streitend, lamentierend, aber wenn es drauf ankommt, stehen sie zusammen. Und dann is da noch ihr Neffe Lorenz Prischinger, semi-erfolgreicher Schauspieler in einer Schaffenskrise und dadurch in akuter Finanznot. Er zieht vorübergehend bei seinen Tanten ein, und gemeinsam erfüllen sie dem plötzlich verstorbenen Onkel einen letzten Wunsch, indem sie seinen Leichnam in seinen Geburtsort nach Montenegro transportieren. Und wer Ende der Achtziger die US-Kömödie „Immer Ärger mit Bernie“ gesehen hat, wird jetzt vielleicht erahnen, wie sie das gemacht haben.

Und obwohl ich erst dachte, jetzt bricht es, jetzt driftet die Geschichte ins slapstickhafte ab, fängt die Autorin das erzählerisch gekonnt auf und lässt es nicht ins allzu Humoreske entgleiten. Ok, am Ende wird es dann noch ein wenig kitschig, aber nur ein ganz kleines Bisschen. Das Happy End ist für meinen Geschmack ein wenig zu sehr Hollywood, aber auch das verzeiht man der Autorin nach über 400 Seiten hochmeisterlich erzählter Prosa allzu gerne. Ich glaube, Vea Kaisers Stärke ist, dass sie zu hundert Prozent in ihrer Geschichte ist, nicht irgend etwas fabuliert, antizipiert und sich auch nicht einfach nur in ihre Figuren hineinversetzt. Nein, im Moment des Erzählens ist sie tatsächlich jede einzelne Person ihres Romans – der Willi, der Lorenz, die Mirl und natürlich die Hedi. Und daher freue ich mich schon sehr, sie in Leipzig beim Lesen aus ihrem neuen Roman zu erleben, mit diesem typischen Wiener Timbre, übersprudelnd und mit weit ausholenden Gesten.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
432 Seiten, 22,00 Euro

Franzobel – Rechtswalzer

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Nun ja, was soll ich zu diesem Buch sagen? Es ist gut gemeint, sicherlich auch wichtig, auf seine Art auch unterhaltsam, streckenweise sogar richtig spannend und humorig. Aber trotzdem hat es mich, obwohl ich es in einem Rutsch durchgelesen habe, nicht überzeugt. Zu naheliegend die ganze Geschichte, beinahe naiv anmutend, der Humor zu mainstream, die tragischen Verkettungen zu vorhersehbar, das Österreich-Bild zu klischeehaft. Franzobel als österreichischer Houellebecq. Das musste ja in die Hose gehen.

Wenn ich nicht vor ein paar Wochen Franzobels „Liebesgeschichte“ aus dem Jahr 2007 gelesen hätte, wäre mir dieser Houellebecq-Vergleich vielleicht gar nicht in den Sinn gekommen. Aber in dem durchaus lesenswerten Backlist-Titel haben mich die kruden Sexfantasien schon sehr an den französischen Großmeister erinnert, und auch der Plot seines aktuellen Werks ließ mich nicht nur wegen des vorangestellten Zitats immer wieder an das dystopische Szenario von „Unterwerfung“ denken.

Dabei scheint Franzobel einen direkten Vergleich mit Houellebecqs Sujet schon allein dadurch umgehen zu wollen, dass er „Rechtswalzer“ als Kriminalroman tituliert und ihn der Verlag darin unterstützt, indem er den Titel als Paperback veröffentlicht. Doch für einen Kriminalroman ist die Story zu vielschichtig. Und das meine ich jetzt durchaus positiv. Rechtswalzer hat literarisches Potenzial, bietet viel mehr als die klassischen Ermittler-sucht-den-Mörder-Krimis und ist, wenn schon unbedingt Krimi, dann zumindest ein sehr literarischer.

Doch worum geht’s? Die Geschichte spielt im Wien des Jahres 2025. Die rechtspopulistische und islamophobe Partei LIMES ist seit wenigen Monaten an der Macht. Malte Dinger, Getränkehändler, Barbesitzer und Familienvater bringt morgens seinen Sohn Carvin in die Schule und gerät auf dem Rückweg in eine Fahrkartenkontrolle. Was dann passiert, hätte selbst Bastian Pastewka nicht besser hinbekommen. Eine Verkettung unglücklicher Umstände führt schließlich dazu, dass Malte in Untersuchungshaft kommt und am Ende sogar für ein Kapitaldelikt angeklagt wird. Er wird aus seinem Leben gerissen und ist der Willkür des Machtapparates und der Brutalität des Gefängnisalltages ausgeliefert. Parallel ermittelt Kommissar Groschen in einem mysteriösen Mordfall, bei dem ein Unbekannter brutal gefoltert und mit kochend heißem Wasser sozusagen totgekocht wurde. Beide Erzählstränge nähern sich immer mehr an und kommen am Ende zusammen. Zum fulminanten Showdown kommt es dann beim traditionellen Wiener Opernball. Mehr möchte ich gar nicht verraten.

Natürlich ist es interessant und sehr zeitgemäß, die derzeitigen politischen Strömungen, die nicht nur in Europa sondern weltweit immer weiter nach rechts rücken, einfach mal weiterzudenken. Wo landen wir, wenn das so weitergeht und es keiner aufhält, wenn die Zeichen nicht erkannt werden, wenn Geschichte sich wiederholt. In Rechtswalzer kann man lesen, was passieren könnte. Hier vollzieht sich, was 1933 schon in Deutschland stattgefunden hat. Wenn Toleranz und Meinungsvielfalt verschwinden, wenn aus einem Rechtsstaat ein Unrechtsstaat, aus Demokratie Diktatur wird. Und wie schon 1933 ff. gibt es in diesem Prozess sowohl Gewinner als auch Verlierer. Malte Dinger scheint definitiv zu den Verlierern zu gehören, obwohl er gar nicht politisch ist und eigentlich nur sein ganz normales Leben führen will. Aber der Roman zeigt sehr anschaulich, dass in solch einer Situation keiner mehr nicht-politisch ist, die Veränderungen alle betreffen, und niemand sich raushalten kann.

So weit, so wichtig. Und doch erscheint mir das alles ein wenig zu banal, kommt mir vor wie spätpubertäre Antifa-Prosa – zu augenscheinlich, zu sehr nach Schema F. Unterstützt wird dieses Bild von einem, ich würde mal sagen, sehr einfach strukturierten Humor, der sich in so profanen Aussagen wie „Kein Geld ist auch keine Lösung“ und an Stand-up-Comedy erinnernden Schmunzlern äußert. Das alles relativiert das Bild und lässt mich zu dem Fazit kommen, dass  Rechtswalzer zwar durchaus gesellschaftspoltitische Relevanz und literarisches Potenzial hat, sich aber in dem Bemühen des Autors, dem Topic die Schwere zu nehmen, in unterhaltsamer Beliebigkeit verliert. Schade.

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Foto: Gabriele Luger
Verlag: Zsolnay
416 Seiten, 19,00 €

Dörte Hansen – Mittagsstunde

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Auch ich bin in einem Dorf aufgewachsen. Etwas größer als Dörte Hansens Brinkebüll, aber auch norddeutsch, mit einer Dorfschule, zwei Bäckern, einem Postamt und zwei Lebensmittelläden. Und während der Lektüre von ‚Mittagsstunde‘ war ich in Gedanken die ganze Zeit wieder genau dort, bin mit dem Fahrrad durch die  Straßen meines niedersächsischen Heimatdorfes gefahren, habe all die Leute wieder vor mir gesehen, den Sportlehrer, der uns Jungs immer an den Ohren gezogen hat, die Bäuerin, bei der ich mit der Blechkanne die Milch geholt habe, die alten Kumpels mit den Bonanza-Rädern. Es hat ein bisschen weh getan – so ein Kloß in der Brust, gespeist von Wehmut und einem ganz warmen Gefühl, das ich nicht näher bestimmen kann, sich aber gut anfühlte.

Und jetzt mal ehrlich – ist dies nicht genau das, was wir alle erwarten, wenn wir ein Buch aufschlagen? Dass das Gelesene Assoziationen weckt, tief in uns drin etwas anstößt. Dass sich im Kopf des Lesers neue Ebenen auftun, dass sich weitere Handlungsstränge entspinnen, dass Romanhandlung und persönliche Erinnerungen sich gegenseitig befeuern, einen in die Zange nehmen, bis man am Ende nicht mehr unterscheiden kann, zwischen dem wahren Leben und Literatur.

Ok, vielleicht sollte ich nicht immer von mir auf andere schließen. Ich weiß natürlich, dass das tatsächlich nicht alle wollen. Zum Beispiel Menschen mit einem komplett anderen Literaturverständnis, die keine Identifikation mit Romanfiguren wollen oder brauchen, keine zweite oder dritte Ebene, keine individuell angereicherte Durchmischung. Stattdessen die reine Literatur – objektiv betrachtet, unabhängig von der Vita des Lesers, einzig am geschriebenen Wort gemessen und bewertet. Wer so etwas von mir erwartet, ist hier sowieso komplett falsch. Objektiv kann ich nicht, will ich nicht, interessiert mich auch nicht. Mein lesendes Ich schwebt über allem. Literatur muss sich an mir reiben, darf mich nicht kalt lassen. Und Dörte Hansens Mittagsstunde hat genau das getan. Sich gerieben und mich nicht kalt gelassen.

Dabei dachte ich zunächst: was für eine lahme, unzeitgemäße Hinterwäldler-Story. Aber weit gefehlt. Es dauerte etwas, bis ich realisierte, dass Dörte Hansen hier eigentlich das derzeit am meisten diskutierte Thema überhaupt abhandelt: Heimat. Aktuell geht es in jeder zweiten gesellschaftspolitischen Debatte früher oder später immer wieder nur um eins: Heimat. Um Fragen der nationalen und regionalen Identität, um Zugehörigkeitsempfinden, kulturelles Erbe, Integration und Ausgrenzung – Heimat. Ein Mega-Thema auch in der aktuellen Gegenwartsliteratur. Flucht, Vertreibung, Familie, Herkunft, Vater, Mutter, Kind – Heimat. Und auch die klassischen Fragen: Wo gehöre ich hin, was macht mich aus, was hat mich geprägt?Alles immer wieder nur dieses eine Mega-Thema: Heimat.

Heimat ist Umgebung, ist Landschaft, ist der scharfe Wind, der über die flurbereinigten Felder zieht. Heimat ist aber auch das tuckernde Mofa von Hanni Thomsen, das Geräusch der klappernden Holzlatschen von Marret Ünnegang oder die schallende Ohrfeige vom Dorflehrer Steensen. Heimat ist so viel und immer wieder anders. Und so wenig literaturkritisch das jetzt auch wieder klingen mag – ich habe mich einfach daheim gefühlt in Brinkebüll. Ich habe dieses nordfriesische Geestdorf, das die Autorin in ihrem Roman über einen Zeitraum von knapp 60 Jahren beschreibt, beinahe bildlich vor mir gesehen und ein paar sehr angenehme Lesetage dort verbracht.

Gestern bin ich zufällig auf eine Kritik zu diesem Buch gestoßen. Birgit Bollinger vom Literaturblog Sätze & Schätze moniert in ihrer Besprechung die vielen Klischees, aus denen sich das Bild vom Brinkebüller Dorfleben zusammensetzt. Ich kann nachvollziehen, was sie meint. Diese knorrigen Stereotypen scheint es in jedem Dorf zu geben. Auch in meinem Heimatdorf gab es eine tüdelige Marret, einen Hanni mit seinem Mofa, einen Ingwer Feddersen, der den Absprung in ein anderes Leben geschafft hat. In jedem Dorf gibt es Menschen, wie die aus Brinkebüll. Aber das macht diesen Roman noch lange nicht klischeehaft. Dann wären Juli Zehs „Unterleuten“ und Jan Brandts „Gegen die Welt“ – zwei Heimatromane an die ich bei der Lektüre von „Mittagsstunde“ oft denken musste – das auch. Nein, Stereotype sind nicht immer auch Klischees, genauso wenig wie Muster Wiederholungen sein müssen. Gute Autoren – und Dörte Hansen gehört zweifellos dazu – können hier differenzieren.

Und so schließe ich mit einer nicht ganz uneingeschränkten Leseempfehlung für einen leisen Heimatroman, der kein Pageturner ist, einige Längen hat, mich aber sowohl sprachlich als auch atmosphärisch sehr überzeugt hat.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Penguin Hardcover
320 Seiten, 22,00 €

Juli Zeh – Neujahr

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Nein, das ist wahrlich kein Traumberuf, Schriftsteller zu sein. Gerade jetzt, wo es eh bergab geht und weder Ehre, Ruhm noch viel Geld zu erwarten sind. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland ein grundsätzliches Problem mit unseren Leistungsträgern haben. Erfolg – ganz gleich ob in Politik, Wirtschaft oder Kultur errungen – ist zunächst erstmal verdächtig. Wer es im Buchmarkt tatsächlich bis ganz nach oben geschafft hat, darf weder Anerkennung, Respekt noch Stolz erwarten, dafür aber jede Menge kritisches Hinterfragen und den geweckten Ehrgeiz all derer, die Spaß an der Demontage haben.

Und was bringt einem unbedeutenden Rezensenten mehr Aufmerksamkeit, als einer unserer besten und zugleich erfolgreichsten literarischen Autorinnen ans Bein zu pinkeln. Sich gegen den Mainstream und Tausende von Fans zu stellen und vollmundig zu behaupten, dass das letzte Buch jetzt wahrlich kein Meisterwerk war. Und wer jetzt denkt, das muss der Herr Buchrevier grad sagen, hat natürlich recht. Ich bin ja selbst einer, der an solch despektierlichem Tun seine Freude hat. Doch bei Juli Zeh würde ich das niemals machen. Denn es wäre nicht nur grundsätzlich nicht richtig, sondern auch ganz konkret falsch.

Doch warum schreibe ich das überhaupt? Weil ich bei Facebook und Instagram ein Foto vom besagten Buch mit dem mittlerweile berühmten Backcover-Blurb von Volker Weidermann gepostet habe, wo er behauptet, Juli Zeh sei genau die Schriftstellerin, nach der sich alle sehnen. Ein Zitat, das zwangsläufig die kritischen Mainstream-Hinterfrager, Großverlags-Verweigerer und notorischen Denkmalstürzer auf den Plan ruft. Und da man auf dem Backcover eines Buches nichts kommentieren kann, tut man es eben im Netz. Soweit so normal. Dafür gibt es ja die sozialen Medien, und ich würde es auch nicht erwähnenswert finden, wenn die kritisch-spöttischen Kommentare mich nicht all das denken ließen, was ich gerade versucht habe, in Worte zu fassen.

Ich bin kein Fan von Volker Weidermann, aber bei dem, was er über Juli Zeh sagt, hat er vollkommen recht. Auch in meinen Augen ist sie eine nahezu perfekte Schriftstellerin und völlig zurecht so erfolgreich. Unter einem der Facebook-Kommentare habe ich erläutert, warum ich das so sehe. „Weil Juli Zeh das Handwerk eines Romanciers beherrscht wie keine Zweite, weil sie es immer wieder schafft, ihre Leser mit neuen Themen zu überraschen, weil sie Anspruch und Unterhaltung aufs Feinste kombiniert. Weil ihre Charaktere immer authentisch sind und mich ihre Bücher bisher niemals kalt gelassen haben. ‚Unterleuten‘ ist herausragend gewesen, ‚Leere Herzen‘ war thematisch verblüffend und in ‚Neujahr‘ hat sie wieder mal gezeigt, wie gut sie sich in ihre Figuren hineinfühlen kann.“

Man kann gut und gerne darüber streiten, ob Neujahr jetzt einer ihrer besseren oder schlechteren Romane ist und auch nur annähernd an ihren Besteller Unterleuten heranreicht. Meinetwegen. Fakt ist aber, dass auch ein schlechter Roman von Juli Zeh immer noch besser ist, als 80 Prozent von dem, was der Literaturbetrieb sonst so auf den Markt wirft.

Und natürlich weiß ich, dass diese Aussage genau so viel Widerspruch erzeugen wird, wie der Blurb von Volker Weidermann. Aber so ist das nunmal, wenn man Fan ist. Dann stellt man sich schützend vor seinen Star, nimmt Spott und Häme gerne auf sich, auch wenn man die Kritik in Ansätzen verstehen kann. Aber darum geht es nicht. Natürlich ist Neujahr nicht mit Unterleuten vergleichbar. Unterleuten ist ein epochales Werk mit einem starken Setting, beeindruckenden Charakteren und dem für mein Empfinden genau richtigen Quäntchen Gesellschaftskritik. Neujahr ist dagegen alles andere als ein Epos, sondern vielmehr eine Art Kammerspiel mit dem engen Fokus auf den Nukleus Kleinfamilie, aus dem alles erwächst, was uns Menschen prägt.

Gerade überlege ich, ob es jetzt nicht an der Zeit wäre, mal auf das Buch einzugehen. Wer bis hierhin durchgehalten hat, sollte zumindest ansatzweise erfahren, worum es in diesem Roman überhaupt geht. Vielleicht so viel, dass es darin um Henning geht, der mit seiner Familie nach Lanzarote in den Urlaub fliegt. Dass dieser Henning mit seiner Vaterrolle hadert, dass er seinen Ansprüchen und denen seines Umfeldes in Bezug auf Familie und Beruf nicht gerecht zu werden scheint. Dass ihn Angstzustände plagen und er bei einer Neujahrs-Fahrradtour in den Bergen Lanzarotes plötzlich erkennt, dass diese Angstzustände ihren Ursprung in seiner Kindheit haben. Und zwar genau genommen in einem Urlaub auf Lanzarote mit seinen Eltern vor ca. dreißig Jahren.

Viel mehr muss man im Vorfeld gar nicht wissen, außer dass dieser Roman nicht wie Unterleuten über 600 Seiten, sondern gerade mal 190 hat, die Charaktere aber genauso intensiv und vielschichtig verwoben sind, die Geschichte wieder ultraspannend ist und auf hohem Niveau unterhält und man diesen Roman in einem Rutsch innerhalb weniger Stunden durchgelesen hat. Dass man ihn am Ende emotional aufgewühlt und mit einem Kloß im Hals zurück ins Regal stellt und sich ab sofort bereits auf den nächsten Roman dieser grandiosen Autorin freut.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Luchterhand
191 Seiten, 20,00 €

Paolo Cognetti – Acht Berge

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Sind das erste Anzeichen einer Altersdemenz? Wie sonst ließe sich erklären, dass ich mir diesen Namen nicht merken kann: Paolo Cognetti – so schwer ist der doch gar nicht. Aber frag mich mal in fünf Minuten. Egal – die beste Therapie gegen das Vergessen ist, einen Blogbeitrag über diesen Autor zu schreiben, von dem ich in den letzten Tagen gleich zwei Romane gelesen habe. Und zwar zunächst seinen Debütroman „Sophia trägt immer schwarz“ aus dem Jahr 2012, der jetzt mit einiger Verspätung in deutscher Übersetzung bei Penguin erschienen ist, und dann den vor zwei Jahren erschienenen und deutlich stärkeren Nachfolger „Acht Berge“, der mittlerweile als internationaler Bestseller geführt wird.

Und wenn ich schon den Stapel mit den durchaus attraktiven Neuerscheinungen links liegen lasse, um einen Titel aus 2016 zu lesen – was im kurzlebigen Buchmarkt gefühlt so weit zurückliegt, wie der Fall der Mauer – dann muss ich von diesem Autor schon ziemlich begeistert sein. Und in der Tat, dieser junge literarische Shootingstar aus Italien kann nicht nur beklemmende Settings erschaffen, beeindruckende Charaktere mit wenigen Sätzen formen und eine geradezu kontemplative Lesestimmung erzeugen – er sieht zu allem Überfluss auch noch genauso aus, wie man sich solch eine Person vorstellt.

Ja, ich kann es einfach nicht lassen und schaue mir nach wie vor gerne die Autorenfotos im Klapper an. Und bei Paolo Cognetti blickt man dabei in ein Gesicht, dem man ansieht, dass er all das, was er in seinen Romanen beschreibt, selber schon durchlitten hat. Auch der Umstand, dass er regelmäßig den Sommer in einer Berghütte auf zweitausend Metern Höhe verbringt, so wie auch die beiden Protagonisten aus „Acht Berge“ es tun, passt und ergibt ein stimmiges Buch/Autor-Gesamtpaket.

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Auf dem Backcover steht, Cognetti wäre die männliche Antwort auf Elena Ferrante. Ich würde ihn eher als den italienischen Robert Seethaler bezeichnen. Aber bleiben wir bei dem Ferrante-Vergleich. Beide stammen aus Italien, das stimmt. Aber was Ferrante nur auf der Langstrecke gelingt, schafft Cognetti in aller Kürze. Gerade mal 250 Seiten braucht er für seine eindringlichen Familiengeschichten und bietet dabei alles, was das Leserherz begehrt. Charaktere mit Identifikationspotenzial, kaputte Lebensentwürfe oder auch glanzvolle Karrieren, Liebe, Leid und Rebellion. Und in „Acht Berge“ noch eine extra Portion Natur und Ursprünglichkeit.

Es sind schon die klassischen und in der Literatur scheinbar ewig aktuellen Themen, die Cognetti bedient. Die Frage, welcher Weg der richtige ist, die emotionalen Päckchen, die jeder so mit sich herumschleppt, die Familie als Segen oder Fluch. Altbekannt und trotzdem top aktuell. Nach meinem Empfinden behandelt momentan jeder zweite in diesem Jahr veröffentliche Roman genau diese Themen. Mal spielen die Geschichten in Deutschland oder Österreich, im Kaukasus, den USA, Japan oder eben Italien. Es sind immer und überall die gleichen Fragen, die uns Menschen bewegen und auf die wir in Büchern nach Antworten suchen.

Eine Antwort könnte lauten, dass es keine Antwort gibt. Dass Leben nun mal so ist – so tragisch, so fragil, so unabwendbar. Aber wer Cognetti liest, findet noch weitere Antworten. Dass Leben zwar hart und brutal sein kann, aber auch voll ursprünglicher und trostspendender Schönheit. Und die findet man in der Natur, ganz weit oben in den Bergen, wo all das, was uns groß und wichtig erscheint, zu dem wird, was es ist. Nichtig und klein.

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Foto: Gabriele Luger

Acht Berge (2016)
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt
Verlag: DVA
256 Seiten, 20,00 €

Sophia trägt immer schwarz (2012)
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt
Verlag: Penguin Hardcover
240 Seiten, 18,00 €

Auch interessant und lesenswert: ein Interview mit Paolo Cognetti zu „Acht Berge“

Hank Zerbolesch – Raw

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Den Anfang machte eine E-Mail. Eine von diesen, die Buchblogger mittlerweile täglich von Autoren bekommen. Ich weiß nicht warum, aber bei dem, was und wie er schrieb, hatte ich sofort ein gutes Gefühl, war sehr zuversichtlich, dass das endlich mal wieder etwas sein könnte.  Etwas Gutes, Außergewöhnliches, was reinhaut und Spaß machen könnte. Und mein Gefühl hat mich nicht getäuscht. Was da mit der Post kam, war keine B-Ware, kein Machwerk eines Möchtegern-Autoren, sondern der ultimative Beweis, dass es da draußen immer noch jede Menge unentdeckte literarische Talente gibt.

Hank Zerbolesch ist ohne Zweifel so ein Talent. Keiner dieser schnöseligen Literaturinstituts-Zöglinge, weder Feuilleton-affin und hochakademisch noch besonders sprachelaboriert. Nein, das ist er nicht. Zerbolesch ist der Typ von der Straße, sehr tight und sehr real. Einer dieser Underground Poeten, die den Eindruck machen, keine Verträge mit irgendetwas zu haben und Debatten auch mal mit den Fäusten führen. Seine Sprache ist direkt und kraftvoll, seine Geschichten aus dem Leben gegriffen und seine Figuren sind so, wie auch sein Buch heißt: roh.

Raw ist kein klassischer Roman, sondern wie Zerbolesch es nennt: ein Antiroman. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass die Erzählung keinem festgelegten Handlungsstrang folgt, sondern sich eher zufällig aus Einzelepisoden ergibt, die zum größten Teil für sich alleine stehen, hier und da aber auch Charaktere und Handlungen wieder aufgreifen, spiegeln und Geschichten weiterführen. Das ist als literarisches Stilelement jetzt nicht besonders außergewöhnlich, und den Begriff „Antiroman“ gibt es, wie eine schnelle Google-Recherche ergab, wohl auch schon länger, aber das tut dem frischen und unkonventionellen Auftritt keinen Abbruch.

Man darf nicht zart besaitet sein, wenn man sich auf Zerboleschs Antiroman einlässt. Es wird gesoffen, gefickt, gekokst, gefixt, geprügelt und gemordet. Wem das zu bäh und gewöhnlich ist, der sollte die Finger davon lassen. Und wer jetzt an Bukowski denkt, liegt nicht falsch, aber auch nicht richtig. Hier wird kein einzelner Dirty Old Man, sondern eine komplette Dirty Old Society vorgeführt, die alle darin lebenden einsam und traurig macht, aus Liebe Hass entstehen lässt, aus Angst Wut und Verzweiflung. Wer jetzt an Gangster-Rap denkt, ist schon nah dran. Man muss sich nicht gut mit diesem Genre auskennen, um bereits beim Buchcover zu erkennen, dass Zerbolesch dort seine Wurzeln hat, dass Moses Pelham, 2Pac und Haftbefehl seine Helden sind.

In Raw geht Zerbolesch der Frage nach, warum Menschen tun, was sie tun. Warum und woran sie verzweifeln, warum sie manchmal nicht anders können, als tatenlos zu erstarren oder aber in blinder Wut alles zu zerstören. Doch neben all der Brutalität und dem Hass, die in den erzählten Geschichten stecken, die sie antreiben und uns als Leser atemlos Seite um Seite umblättern lassen, finden sich immer wieder Momente voller Zärtlichkeit, Mitgefühl und echter Liebe. Und dieses Wechselspiel ist es, was einem den Boden beim Lesen wegzieht, Gänsehaut erzeugt und am Ende dankbar und reich beschenkt zurücklässt.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: periplaneta
161 Seiten, 12.80 € (Paperback)

André Herrmann – Platzwechsel

Ich könnte mir vorstellen, dass jedem halbwegs erfolgreichen Poetry Slammer früher oder später die Frage gestellt wird, warum er eigentlich nicht mal ein Buch schreibt. Er könne doch so gut schreiben und er sollte doch mal drüber nachdenken. Also ich würde es kaufen, heißt es abschließend, unterstützt von einem motivierenden Lächeln. Und was wie eine Floskel oder ein billiges Kompliment klingt, ist in den allermeisten Fällen sogar grundehrlich, anerkennend und wertschätzend gemeint. Wer das als Poetry Slammer noch nie gefragt wurde, kann eigentlich sofort mit dem Quatsch aufhören.

Im anderen Fall ist so ein Autor allerdings auch schlecht beraten, das alles für bare Münze zu nehmen. Denn tatsächlich ist es meistens doch nur eine Floskel und der Tatsache geschuldet, dass sich die Menschen nicht vorstellen können, dass einer, der sich ernsthaft mit Texten beschäftigt, damit zufrieden ist, diese einfach nur vorzulesen und dem geneigten Publikum lediglich ein paar Schmunzler und Lacher zu entlocken.

Es ist scheinbar für viele immer noch schier unmöglich, dass ein Mann oder eine Frau des Wortes nicht scharf darauf ist, den eigenen Namen auf einem Buchdeckel gedruckt zu sehen. Vielleicht ist es immer noch dieses Unsterblichkeitsding, die Aufnahme in die ISBN-Hall of Fame, die zweifelhafte Ehre, sich Schriftsteller nennen zu können, was einen guten Bühnenautor nicht davon abzuhalten scheint, einen durchschnittlichen oder sogar schlechten Roman zu schreiben. So wie es der Poetry Slammer André Herrmann mit „Platzwechsel“ leider getan hat.

Ich will jetzt nicht so hart urteilen, denn letztlich hätte ich ja wissen können, auf was ich mich da einlasse. Alles, was mich an diesem Roman gestört hat, stand eigentlich schon im Klappentext. Wie zum Beispiel die Outline der seichten Story, die einen weder fordert noch sonderlich fesselt, sondern gefällig plätschert und wunderbar beiläufig konsumierbar ist wie ein Mittwochabend-Fernsehfilm auf ZDF. Der Held dieses Romans heißt André, ist Anfang 20 und wohnt noch bei seinen Eltern in Sachsen Anhalt. Die weiteren Themen: Selbstfindung, Provinz, Abnabelung, Demenz, Verantwortung, Thermomix, Behinderung, Freundschaft, Liebe.

Das alles könnte durchaus Tiefgang haben, ist aber so nervig humorig verpackt, dass jegliches Nachsinnen über das Erzählte mit dem obligatorischen Wortwitz und den Mainstream-Kalauern der Bühnenautoren sofort im Keim erstickt wird. Wie viele Poetry- bzw. Comedy-Slammer hat scheinbar auch André Herrmann irgendwann zu Beginn seiner Karriere einen Clown gefrühstückt, und der taucht in diesem Roman auf jeder zweiten Seite auf und treibt seinen unseligen Schabernack. Nur lachen konnte ich darüber nicht, sondern fand es eher peinlich. Ich muss allerdings auch zugeben, dass ich ein gestörtes Verhältnis zu gewollt humorigen Büchern habe und stehe da eher auf die subtileren Formen des Humors.

Ich habe diesen Roman tatsächlich bis zum Ende gelesen, denn er ist wirklich leicht und locker konsumierbar. Aber gefallen hat er mir nicht, und am Ende habe ich mich sogar geärgert. Denn es gibt so viele tolle Romane, bewegende Geschichten von Autoren, die was zu sagen haben, die sprachlich brillieren, mich zum Nachdenken bringen, zu Tränen rühren oder laut auflachen lassen. Und was mache ich? Ich verschwende meine Zeit mit diesem seichten Geschichtchen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Voland & Quist
304 Seiten, 20,00 €